Digitale Diagnosen
Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025
ISBN
9783552075429
Gebunden, 176 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Trauma, triggern, toxisch: Laura Wiesböck über die inflationäre Verwendung psychologischer Begriffe in Sozialen Netzwerken und über den Social-Media-Trend "Mental Health"Lebenskrisen, emotionale Verletzungen und Phasen der Ineffizienz sind seit jeher Teil des Menschseins. Doch im digitalen Zeitalter zeigt sich eine immer größere Entschlossenheit, derartige Zustände krankhaft zu deuten. Social-Media-Plattformen sind voll mit psychiatrischen Diagnosen. Begriffe wie "Trauma", "triggern" und "toxisch" werden inflationär verwendet. Eigen- und Fremddiagnosen gehen leicht von den Lippen. Wo aber liegt die Grenze zwischen Enttabuisierung und Verherrlichung? Präzise analysiert die Soziologin Laura Wiesböck die Ursachen und Folgen des Trends um "Mental Health". Ein zeitgemäßes Buch und ein Plädoyer für das Aushalten emotionaler Ambivalenzen.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.2025
Durchaus wichtige Denkanstöße nimmt der hier rezensierende Neurowissenschaftler Philipp Sterzer aus der Lektüre diese Buches mit, ganz glücklich wird er allerdings nicht. Zwar kann ihm die österreichische Soziologin Laura Wiesböck die Problematik des inflationären Gebrauchs psychischer (Selbst)-Diagnosen in den sozialen Medien verdeutlichen, auch die Kohärenz zwischen Anstieg psychischer Erkrankungen und Neoliberalismus leuchtet dem Rezensenten ein: Neoliberale Gesellschaften geben dem Individuum die alleinige Verantwortung für die Gesundheit, erwartet wird Selfcare, wer krank wird, hat versagt, liest Sterzer. Ganz so einfach ist es allerdings nicht, räumt der Kritiker ein, der Wiesböcks "Fundamentalkritik am Neoliberalismus" Einseitigkeit vorwirft. Dass Selfcare in den sozialen Medien propagiert wird, heißt beispielsweise nicht, dass Achtsamkeit per se abzulehnen ist, erinnert Sterzer die Autorin.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 24.03.2025
Ob "Cortisol-Sucht" oder die Heilung des inneren "Schattenkindes" - die sozialen Medien warten mit einem unendlichen Angebot von "Mental-Health"-Tipps auf, was Rezensentin Gesine Borchardt ziemlich auf die Nerven geht. Genaueres zum Thema kann sie nun im Buch von Laura Wiesböck nachlesen, die die problematische Seite dieses Trends aufzeigt. Vermeintlich oder selbsternannte Experten kreieren in kürzester Zeit eine große Followerschaft, die sie zu ihrer mentalen Gesundheit beraten, ohne eine entsprechende Ausbildung genossen zu haben. Auch werde die Frage mentalen Gesundheit, mit all ihren Nebenerscheinungen, wie zum Beispiel Meditation, Yoga, Traumabewältigung, hier in eine kapitalistische Logik integriert und fungiere im Zeichen der "Selbstoptimierung": mit Diagnosen To-Go könne man vermeintlich zu seiner besten Version gelangen, ganz ohne sich aus dem gesellschaftlichen Leistungssystem zurückziehen zu müssen. Die Algorithmen tragen ihren Teil zur Vereinheitlichung und Verhärtung bestimmter Positionen bei und verstärkten die Tendenz dazu, sich in "vermeintlicher Selbsterkenntnis" anderen moralisch überlegen zu fühlen, schließt die Kritikerin, die Wiesböcks Thesen durchweg nachvollziehbar zu finden scheint.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 07.02.2025
Wenig erquicklich, aber wichtig ist, findet Rezensent Benjamin Knödler, was Laura Wiesböcks Buch uns über den Trend zur Selbsttherapie psychischer Erkrankungen in sozialen Netzwerken berichtet. Es ist zwar nicht nur schlecht, lernt Knödler von Wiesböck, wenn Influencer auf Instagram und anderen Kanälen sich selbst Depressionen, ADHS und anderes diagnostizieren, schließlich werden psychische Erkrankungen dadurch enttabuisiert. Aber gleichzeitig verweisen solche Phänomene auf den Druck des steten Funktionierens, den die Gesellschaft ausübt. Gut, so Knödler, dass das Buch nicht nur Anekdote an Anekdote reiht, sondern auch tiefer bohrt und zum Beispiel den Neoliberalismus anklagt. Noch besser wäre es gewesen, wenn im Buch auch die Betroffenen Internetpersönlichkeiten selbst zu Wort gekommen wären, aber auch so ist das eine gelungene Veröffentlichung zu einem insgesamt wenig hoffnungsvollen Themenkomplex, urteilt der Rezensent abschließend.