Jochen Hellbeck

Ein Krieg wie kein anderer

Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision
Cover: Ein Krieg wie kein anderer
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN 9783103970500
Gebunden, 688 Seiten, 36,00 EUR

Klappentext

1941 griff Deutschland die Sowjetunion an und besetzte die Ukraine, Weißrussland, das Baltikum und einen Teil Russlands. Die Menschen dort zahlten den höchsten Blutzoll des Zweiten Weltkriegs. Jochen Hellbeck stellt den deutsch-sowjetischen Krieg aus einer neuen Perspektive dar.Er zeigt, dass die Nationalsozialisten ihren unerbittlichen Antisemitismus von Beginn an mit einem obsessiven Antibolschewismus verknüpften. Der Befehl lautete, alle Juden und Kommunisten in der SU zu ermorden. Die besetzten Gebiete im Osten wurden damit zum Ort einer speziell auf die Menschen dort zielenden Massentötung, die danach auf alle Juden im besetzten Europa ausgeweitet wurde. Auf Basis weitgehend unbekannter Zeugnisse schildert Hellbeck die damit einhergehenden Erfahrungen sowjetischer Juden und Nichtjuden. Er verdeutlicht, dass die sowjetische Gegenoffensive die gesamte Gesellschaft einbezog, ein entscheidender Faktor für den Sieg über Deutschland.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.08.2025

Rezensent Ulrich Schlie erkennt mit dem sorgfältig und "beeindruckend" recherchierten Buch des Osteuropahistorikers Jochen Hellbeck die Rolle der Sowjetunion beim Sieg über den Nationalsozialismus besser, gibt aber zugleich zu bedenken, dass der heutigen Ukraine daran ein entscheidender Anteil gebührt, was der Autor unerwähnt lässt. Die angestrebte Revision des Geschichtsbilds gelingt dem Autor aus verschiedenen Gründen nicht, findet der Rezensent. Das Buch besticht für ihn aber dennoch durch eine souveräne Beherrschung der (teils noch nicht bekannten) Quellen und durch ein nicht unerhebliches Lesevergnügen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.05.2025

Etwas hoch gehängt ist der Anspruch dieses Buches, findet Rezensent Joachim Käppner. Der Historiker Jochen Hellbeck will, lesen wir, nicht einfach nur aufzeigen, dass die Sowjetunion und die in ihr lebenden Menschen zu den primären Opfern der Aggression der Nationalsozialisten zählten, was sich in vielen Millionen russischer Opfer während des Zweiten Weltkriegs niederschlug; vielmehr glaubt er, damit eine "Revision" geläufiger Geschichtsdarstellungen zu leisten. Käppner dagegen meint: Gerade in der deutschen Geschichtswissenschaft ist Hellbecks Position längst Konsens, die Zeiten, in denen, in der Nachkriegszeit, die antirussische Propaganda der Nazis fortgeschrieben wurde, sind längst vorbei, wozu etwa auch die Wehrmachtsausstellung 1995 beigetragen hat. Gut geschrieben ist Hellbecks Buch schon, meint der Rezensent, aber allzu viel Hinweise darauf, dass die Verbrechen der Deutschen an den Russen aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verdrängt werden, trägt der Autor nicht zusammen. Insgesamt also eine eher skeptische Besprechung.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.04.2025

Rezensent Klaus Hillenbrand erhebt Einspruch gegen wichtige Teile von Jochen Hellbecks Buch. Dass der in den USA lehrende Historiker darin die Kriegsverbrechen, die die Nazis während der deutschen Besetzung der Sowjetunion an der dortigen Bevölkerung verübten, "als Vernichtungsfeldzug" beschreibt und angemessen "bestialisch" darstellt, findet der Kritiker nur richtig, zumal die historische Beschäftigung damit erst spät einsetzte, erinnert Hillenbrand. Bestens recherchiert sei das ebenfalls. Aber mit der Kernthese des Buchs hat Hillenbrand ein Problem: Denn die "Analogie", die der Autor zwischen diesem Antibolschewismus und dem Antisemitismus des NS behaupte und mit der er den Antibolschewismus quasi auf die gleiche Stufe in der NS-Ideologie heben will - inklusive Vorwürfe an die Geschichtswissenschaft, diesen bisher vernachlässigt zu haben -, geht für den Kritiker nicht auf. Das beginne schon damit, dass die Nazis den Antisemitismus nicht, wie im Falle der Friedensschließung mit der UdSSR 1939-1941, vorübergehend "pausiert" hätten. Und auch sonst sei die deutsche Feindlichkeit gegen den Osten von pragmatischerer Natur gewesen als der rassistische Judenhass. Das ändere nichts an der Schwere der Verbrechen im Zeichen des Antibolschewismus, betont Hillenbrand, aber es handelt sich für ihn dennoch um eine wichtige Differenzierung.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 07.03.2025

Rezensent Wolfgang Stenke liest mit Jochen Hellbecks "Ein Krieg wie kein anderer" ein beeindruckend umfassendes und erkenntnisreiches Buch über Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion, das auch einige diskussionswürdige Vorwürfe formuliert. Für seine "Revision" hat der Osteuropahistoriker etliche Reportagen, aber auch private Dokumente ausgewertet, die etwa die erfolgreiche Indoktrination, den abgrundtiefen Rassismus der deutschen Truppen belegt, und zwar sowohl der SS als auch der Wehrmacht, lesen wir. So trägt Hellbeck dazu bei, den Mythos von der "sauberen", ideologiefreien Wehrmacht weiter zu dekonstruieren. Vor allem aber geht es ihm darum, über die unglaublichen, kalkulierten Verbrechen der Deutschen gegen die Zivilbevölkerung in der Sowjetunion aufzuklären, sowie über die maßgebliche Bedeutung der Sowjetarmee im Kampf gegen die Nationalsozialisten. Hellbecks Behauptung, dass man diese Bedeutung im Westen "vorsätzlich verdränge", und nun dabei sei, Russland nach Putins Angriff auf die Ukraine, komplett aus "Europa zu verbannen", stellt  Stenke allerdings in Frage.

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