Die Welt nach Gaza

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN
9783103977042
Gebunden, 304 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Laura Su Bischoff. Durch den Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und Israels Vorgehen in Gaza ist die Welt einmal mehr ins Wanken geraten. In seiner kraftvollen, pointierten Analyse des Krieges in Nahost, seiner historischen Hintergründe sowie geopolitischen Folgen beleuchtet Pankaj Mishra die gespaltenen weltweiten Reaktionen darauf und verdeutlicht, warum eine andere, multiperspektivische Erzählung des aktuellen Konflikts essenziell für das Verständnis unserer Zeit sein kann.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.04.2025
Ein extrem schwaches Buch, das aber durchaus, gleichsam als Symptom, interessant ist, hat Pankaj Mishra laut Rezensent Ulrich Schmid geschrieben. Interessant ist daran eben, so der Rezensent, dass sich die Ideologie des Postkolonialismus hier in all ihrer Schlichtheit selbst entblößt. Mishra beschäftigt sich mit Israels Kriegsführung in Gaza, wobei er freilich den 7. Oktober 2023 nur pro forma erwähnt und sich auch sonst nicht um Motive von Arabern schert - selbst ihr Leiden kümmert ihn wenig. Denn hier geht es nur darum, alles Übel auf den Kolonialismus zurückzuführen, auch die Shoah kann der Autor nur durch diese Brille betrachten, weshalb sie für ihn nur ein Verbrechen unter vielen ist, erkennt Schmid. Israel wiederum betreibe laut Mishra eine Fetischisierung der Shoah und werde dabei von westlichen Philosemiten unterstützt. An der Analyse israelischen Handelns, die Mishra unternimmt, ist nicht alles falsch, gesteht Schmid ein, in der Tat hat sich das Land eine Ideologie der Härte zugelegt. Aber es ist eben bizarr, aus allem Unheil der Welt ausgerechnet das in Gaza herauszupicken und es als Fortführung der Shoah auszuzeichnen, meint Schmid, der darauf verweist, dass es da durchaus näherliegende Kandidaten geben würde, die bei Mishra allerdings alle nicht auftauchen. Dass Mishra außerdem mit Vorliebe allerlei jüdische Kronzeugen herbeizitiert und zwar elegant, aber eher in Andeutungen schreibt, anstatt Ross und Reiter zu nennen, macht die Sache in Schmids Augen nur noch schlimmer. Letztlich, ärgert sich der Rezensent, wird dieses unterkomplexe Buch schlicht seinem Thema nicht gerecht.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 22.03.2025
Schlicht und einfach unerträglich findet Rezensentin Eva Berger, was Pankaj Mishra hier zu Papier bringt. Der Essayist beschäftigt sich hier, lesen wir, mit dem Gazakrieg, den er aus orthodox postkolonialer Perspektive beschreibt, was unter anderem heißt, dass für ihn nicht die Hamas-Massaker des 7. Oktobers im Zentrum der Analyse stehen, sondern Israels Handeln, das für ihn einer rassistischen Vernichtungslogik folgt. Der Antisemitismus islamischer Prägung kommt nicht vor in diesem Buch, die Hamas ist für Mishra eine Organisation von Befreiungskämpfern. Richtiggehend beängstigend findet Berger das, auch aufgrund der düster dröhnenden Sprache Mishras, für sie setzt sich bei der Lektüre der Schock des 7. Oktobers fort. Wie damals, schließt die vernichtende Rezension, in migrantisch geprägten westlichen Städten Jubel ausgebrochen war, so bricht sich in der Kulturszene seither ein radikaler Antisemitismus Bahn, der Juden zu Freiwild erklärt, und Mishra erklärt sich selbst in diesem Buch zum Ideologen dieser Bewegung.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 22.03.2025
Thomas Schmid meidet das Wort, das ihm vielleicht zu sehr als "Keule" erscheint, aber der Begriff des Antisemitismus dürfte nicht fehl am Platz sein. Vielleicht ist aber das Verdikt Schmids, dass dies ein "miserables Buch" sei und dass die nicht-westliche Welt bessere Autoren verdient habe, auch wirkungsvoller. Viele der Darlegungen Mishras, die Schmid resümiert, erscheinen aber als schulmäßige Belege für die Existenz jenes israelbezogenen Antisemitismus, der etwa in der IHRA-Definition beschrieben ist. Zum Beispiel, dass Mishra den Zionismus nicht nur als ein "kolonialistisches Projekt" beschreibe, sondern dass er Juden eine Art Ausbeutung des Holocaust vorwerfe. "Mit Zustimmung der westlichen Welt habe Israel die Schoa für einzigartig erklärt. Mit dem einzigen Ziel, durch den absoluten Primat der Schoa alle anderen Verbrechen der westlichen Welt zu übermalen…" Mit Abscheu schildert Schmid überdies, wie Mishra jüdische Autoren wie Primo Levi oder Jean Améry gegen sich selbst ausspielt. Eine so bestürzte Kritik liest man selten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.03.2025
Für Rezensentin Tania Martini bleibt Pankaj Mishras Buch hinter ihren Erwartungen an den als "Vordenker des globalen Südens" geltenden indischen Star-Intellektuellen zurück. Zu einseitig fallen ihr Mishras Ausführungen zur Rolle Israels aus, die sich laut Titel um Gaza herum orientiert wissen wollen, dabei den 7. Oktober aber gar nicht direkt behandeln, sondern auf eine verallgemeinernde Verurteilung Israels hinauslaufen und eine Vom-Opfer-zum-Täter-Bewegung behaupten, moniert Martini. Dabei geht es laut Kritikerin nur teilweise historisch korrekt zu; eher unterschlage Mishra wichtige Aspekte (wie etwa die Verschiedenartigkeit der Gründe für die Angriffe auf Israel seit dem 7. Oktober) und spanne sich jüdische Autoren und Autorinnen auch zum Preis der Verfälschung vor den Wagen, kritisiert Martini. Auch die zahlreichen Holocaust-Vergleiche, die eher nach "Wettbewerb" klingen als nach ernsthafter Kolonialismusforschung, stören die Kritikerin. Dass das Buch auch viel Richtiges - wenn auch nicht Neues - biete und "sehr gut geschrieben" sei, gesteht sie Mishra zu; ebenso sei die von ihm gestellte Frage nach der "Möglichkeit nicht manichäischer", also rein gegenwartsbezogener, Narrative überaus wichtig - nur leider bewege sich das Buch selbst fernab von diesem Anspruch, in für die Kritikerin enttäuschendem Schwarz-Weiß-Denken.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 04.03.2025
Ambivalent bespricht Rezensent Matthias Bertsch Pankaj Mishras Buch über Israel und Gaza. Dass der Autor die Judenverfolgung durch die Nazis mit den Angriffen Israels auf Gaza gleichsetzt, gefällt Bertsch zwar eher nicht, er plädiert aber dafür, sich näher damit zu beschäftigen, warum er das tut. Es geht Mishra, glaubt Bertsch, um ein Gefühl der unmittelbaren Verantwortung von Menschen für Menschen, also um Solidarität mit Leid. Gleichzeitig spielt der Begriff der "Farbenlinie" eine wichtige Rolle in der Argumentation, fasst der Rezensent zusammen: Mishra sieht die Weißen als Unterdrücker und die Nichtweißen als Unterdrückte, Juden zählten zunächst zu den Unterdrückten, wurden jedoch durch die Gründung des Staates Israel zu Unterdrückern, die die Erfahrung der Shoah fortan instrumentalisierten. Die Passagen, die Erinnerungspolitik und Opferkonkurrenz ansprechen, findet Bertsch hingegen interessant, mit dem zentralen Begriff der "Farbenlinie" kann er freilich weniger anfangen und fragt: Hat eine solche Rhetorik nicht auch Entsolidarisierung zur Folge, zum Beispiel hinsichtlich der Opfer der Hamas? Dem Motto des Buches "Nie wieder für alle" scheint Mishra laut Bertsch jedenfalls nicht in jeder Hinsicht gerecht zu werden.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.03.2025
Allzu simpel gedacht ist Pankaj Mishras Buch über Israel und Gaza laut Rezensent Ronen Steinke geraten und das zeigt sich nicht zuletzt in Mishras Vorliebe für Holocaustvergleiche. Denn das Vorgehen Israels in Gaza wird nicht etwa mit noch einigermaßen naheliegenden historischen Vorbildern wie dem Vietnamkrieg, sondern eben, so Steinke, wieder und wieder und tatsächlich in beinahe jedem einzelnen Kapitel mit dem Mord an den europäischen Juden durch Nazideutschland. Mishra rekonstruiert die Geschichte der Judenverfolgung und des Staates Israels aus postkolonialistischer Perspektive, er betont zum einen die Parallelen zwischen den Opfererfahrungen jüdischer Verfolgter und Kolonisierter, argumentiert aber, dass Israel sich seit der Staatsgründung auf der Täterseite des kolonialen Konflikts befindet. Das klappt nur, kritisiert Steinke, weil Mishra manche Fakten wichtiger nimmt als andere, dass Juden in arabischen Ländern vielfach gewaltsam vertrieben wurden und in Israel als Flüchtlinge Zuflucht fanden, interessiert ihn weniger und auch seine Behauptung, dass es im Westen heutzutage nicht möglich ist, Israel zu kritisieren, scheint dem Rezensent kaum haltbar. Soweit Mishra sich mit innerisraelischen Themen beschäftigt, ist das ein interessantes Buch, konzediert Steinke, aber sobald er auf die großen, historischen Thesen umschwenkt, wird die Darstellung doch arg tendenziös.