Philippe Burrin

Warum die Deutschen?

Antisemitismus, Nationalsozialismus, Genozid
Cover: Warum die Deutschen?
Propyläen Verlag, Berlin 2004
ISBN 9783549072325
Gebunden, 140 Seiten, 16,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Geschichtsschreibung ist immer zweierlei: Erforschung und Verdichtung. Philippe Burrin, Schweizer Zeithistoriker von internationalem Renommee, unternimmt es in diesem Essay, die kaum mehr überschaubare Literatur über den Holocaust auf drei bis heute debattierte Kernfragen zu reduzieren und diese souverän zu beantworten: Warum haben gerade die Deutschen den Holocaust begangen, wo doch der Antisemitismus ein ge-samteuropäisches Phänomen war? Warum gelang es den Nationalsozialisten, ihren rassistischen Antisemitismus fest in der deutschen Gesellschaft zu verankern? Warum schließlich schlugen die radikalen antijüdischen Maßnahmen des NS-Regimes in den beispiellosen Genozid am europäischen Judentum um?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2005

Einfache Fragen ziehen nicht zwangsläufig simple Antworten nach sich. Einen Beweis dafür sieht Rezensent Rainer F. Schmidt von vom Genfer Holocaust-Forscher Philippe Burrin mit seinem Buch "Warum die Deutschen" geliefert. Burrin versucht darin zu erklären, wie und warum sich ihr Antisemitismus, der in Europa kein Spezifikum darstellte, zu einer allumfassenden Vernichtungspolitik steigerte. Nach Schmidts Darstellung erklärt Burrin dies zum einen mit dem "Traditionsmuster der autoritären Kultur", zum anderen mit dem Fehlen einer kollektiven Identität, die die verspätete Nation durch besondere Abgrenzung nach außen wettzumachen versuchte. Warum aber die deutsche Gesellschaft Hitlers krudes Wertesystem tatsächlich annahm, das kann Burrin mit seiner "ideologiegestützten Hypothese" in Schmidts Augen nicht überzeugend darlegen. Denn der Rezensent sieht hier wichtige Faktoren unberücksichtigt, wie zum Beispiel die ökonomischen Erfolge des Nationalisozialismus, seinen Anpassungsdruck und seine Politik der Indoktrinierung.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.10.2004

Der Frage, warum gerade in Deutschland der Holocaust geplant und durchgeführt wurde, widmet sich das neue Buch von Philippe Burrin, der sich bereits durch eine andere Publikation zum Thema als "bester Sachkenner" gezeigt hat, meint Klaus Hildebrand. Der französische Autor argumentiert im vorliegenden Essay, dass es deshalb in Deutschland zur Planung und Durchführung des Judenmords kam, weil die Deutschen durch die Niederlage im Ersten Weltkriegs und die instabile politische Lage der Weimarer Republik an "tiefen Zweifeln" an ihrer Identität litten, fasst Hildebrand die Hauptthese Burrins zusammen. Wiewohl der Rezensent das Buch durchaus als "gedankenreiche Antwort" würdigt, klärt es für ihn dennoch nicht ausreichend die Frage, warum ausgerechnet die Deutschen den Holocaust beschlossen und ausgeführt haben. Denn warum, so der Rezensent zweifelnd, haben die Italiener nicht in der gleichen extremen Form diesen Antisemitismus ausgeprägt, wenn sie doch an einer ähnlich "ungefestigten nationalen Identität" litten?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.10.2004

Wenig Anklang findet der Genfer Zeitgeschichtler Philippe Burrin bei Rezensent Hans Mommsen. Seinem ambitionierten Anspruch, die Frage zu beantworten, "wie es zum Holocaust kommen konnte und warum dies gerade in Deutschland geschah", genügen die drei versammelten Essays laut Mommsen nicht. Für Burrin habe der Antisemitismus die Bedeutung einer "identitätsstiftenden 'Kultur'", die eine synkretistische Verbindung dreier Spielarten des Antisemitismus - christlich, national und rassisch - darstelle. Gegenbild zur in der Moderne verloren gegangenen Identität - gerade in Deutschland. Mommsen kritisiert, dass Burin dabei die Tatsache übergeht, dass Hitlers Wahlerfolge nur begrenzt auf der antisemitischen Propaganda beruhten, und auch die inneren Widersprüche in Hitlers Rassenbegriff übergehe Burrin.. Seine Behauptung, "das Konstrukt einer spezifischen NS-Identität" sei von der Mehrheit der Deutschen verinnerlicht worden und stelle "die tragende Kraft" des Regimes dar, hält der Rezensent für waghalsig und geradezu aus der Luft gegriffen. Burrin überschätze die Relevanz der jüdischen Frage in der deutschen Öffentlichkeit und spreche von der Herausbildung einer, wie er es nennt, "genozidären Gemeinschaft". Der Rezensent findet sich insofern in seinen Vorwürfen bestätigt, als der Autor "großzügig auf Quellennachweise und Belege verzichtet". Statt dessen finde der Leser nur Ungereimtheiten, Fehlbeurteilungen, fragwürdige Generalisierungen. Ein "überzeugendes Fazit" bleibt aus. Dieses Buch, so der erboste Mommsen, bietet keinerlei Anregung und ist "schlechthin entbehrlich".

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