Aus dem Italienischen von Reimar Klein. Vor mehr als 3000 Jahren entwickelte sich in Indien eine so rätselhafte wie faszinierende Kultur. Sie hinterließ keine Kunstwerke und keine Ruinen, wir kennen nur ihren geistigen Kosmos. Die Schriften der Veden kreisen in Hymnen, Mythen und Anweisungen für komplizierte Rituale um die einfache und geheimnisvolle Tatsache, dass wir ein Bewusstsein haben. Dieses Bewusstsein verbindet sich für die vedischen Seher mit einer "Glut", die im Geist und in der Welt wirkt. So entstehen die Götter - und am Ende auch die Menschen. Roberto Calasso führt durch die Labyrinthe der vedischen Welt - und wenn wir sie wieder verlassen haben, sehen wir unsere heutige säkulare Welt mit neuen Augen.
Roberto Calasso beantwortet keine Fragen, er bietet keine Lösungen an und möchte niemanden führen oder aufklären, außer sich selbst. Er ist ein Abenteurer auf den Wegen des spirituellen, grenzenlosen Denkens, beobachtet der hier rezensierende Theologe und Dichter Christian Lehnert bewundernd. Von seiner Sehnsucht nach Entgrenzung, der Suche nach einem Urgrund, nach Transzendenz und Einigung wendet sich Calasso in "Die Glut" der 3000 Jahre alten vedischen Kultur zu und bringt westliche Denkformen ins Wanken, lesen wir. Auf seiner Reise dringt er in Gegenden vor, in denen Worte unsicher werden und immer wie Provisorien wirken und beweist dabei doch stets sprachliche und stilistische Brillanz. Voller Widersprüche, Bilder, Größe und Wildheit sei Calassos Sprache und immer auf der Spur dessen, "was sie noch nicht sagen kann". Faszination, fast Ehrfurcht, sind wohl die Worte, die Lehnerts Haltung zu diesem Buch und diesem Autor am treffendsten beschreiben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2015
Es ist wohl nicht verstiegen, den Inhalt dieses Buchs esoterisch zu nennen. Der Indologe und Religionswissenschaftler Axel Michaels kennt sich in dem Feld, das Roberto Calasso hier bearbeitet, allerdings bestens aus und weiß dem Buch des italienischen Universalgelehrten eine Menge abzugewinnen, auch wenn er festhält, dass es nicht unbedingt in wissenschaftlichem Duktus geschrieben ist. Eher scheint es Calasso um eine Annäherung ans Religiöse zu gehen, an eine Form des Glaubens, die sich als "Wissen" verstand, und in der alles ums Opfer kreiste. Selbst die Sonne würde nach den Lehren der alten Inder nicht aufgehen, wenn sie nicht allmorgendlich in rituellen Opfern neu zusammengesetzt würde. Ein zentraler Begriff ist in dem Buch die titelgebende "Glut" als Gegensatz zum Verlöschen, dem Nirvana. Jene Glut attestiert Michaels auch dem Autor in seiner Polemik gegen aufklärerische "Entzauberer" wie Sigmund Freud oder Emile Durckheim, die glaubten, das Phänomen des Religiösen erklären zu können, statt es nur zu bewundern.
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