Seit der Jahrtausendwende werden in Russland außergewöhnlich viele Gerichtsprozesse gegen Kunst, Künstler und Kuratoren geführt. Am Beispiel der beiden größten Prozesse gegen die Organisatoren der Ausstellungen "Achtung, Religion!" und "Verbotene Kunst 2006" befasst sich die Autorin mit dem Aushandeln der Bedeutung von Kunst(werken) und mit ihrer gesellschaftspolitischen Wirkung im Kontext des Gerichts. Im Fokus steht die Frage, mit welchen Mitteln durch die Prozesse versucht wird, einen normativen Kunstbegriff nicht nur argumentativ zu verhandeln, sondern auch dauerhaft und rechtlich verbindlich zu fixieren. Wie wird diskutiert, was die Kunst in Russland heute soll, darf und kann? Wie wirkt die Kunst? Und wo liegen die Grenzen der Kunstfreiheit?
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.03.2016
Das Schlachtfeld der Kunst betritt Hannes Vollmuth bei der Lektüre von Sandra Frimmels Promotionsschrift über Kunsturteile heute und gestern in Russland und Europa. Die Kunst- und Bildbegriffe, die die Kunsthistorikerin anhand von Dokumenten des Prozesses gegen die Macher der Moskauer Ausstellung "Achtung Religion!" herausarbeitet und die sie historisch verortet, begegnet Vollmuth in der McCarthy-Ära wie auch in Deutschland im Prozess gegen Klaus Manns "Mephisto"-Roman. Der Zusammenprall von antimoderner Kunstauffassung mit einem undogmatischem Kunstbegriff, lernt der Rezensent, ist nichts Neues.
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