Sebastian Moll

Das Würfelhaus

Mein Vater und die Architektur der Verdrängung
Cover: Das Würfelhaus
Insel Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783458644538
Gebunden, 207 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Als Sebastian Molls Vater in den 60er Jahren ein Zuhause für seine Familie baute, verband er damit eine Hoffnung: die Vergangenheit vergessen. Denn als Angehöriger der Flakhelfer-Generation hatte er Nazi-Indoktrinierung, Kriegstrauma sowie die seelische Verstümmelung durch den faschistischen Männlichkeits-Kult erlitten. Mit dem Bau eines Vorort Reihenhauses im Süden Frankfurts vollzog er diesen Neuanfang architektonisch, zudem prägte er als Städteplaner einer Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft den Neuaufbau seiner Heimat und trieb so eine Architektur der Verdrängung voran, die bis heute die deutschen Städte prägt. Doch sowohl im Privaten als auch im Leben der Stadt meldete sich das Verdrängte zurück.Das Würfelhaus ist eine architektonische Freilegung der deutschen Nachkriegszeit.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.04.2025

Not amused ist Rezensent Matthias Alexander über dieses Buch, in dem der Journalist Sebastian Moll seine verkorkste Familiengeschichte aufarbeiten möchte. Der Schuldige ist dabei schnell ausgemacht: Papa war's, und der Autor rückt ihm mit Theweleit'schen Begrifflichkeiten zu Leibe, glaubt erkannt zu haben, dass der Vater seine faschistische Prägung aus der Hitlerzeit auch in der Bundesrepublik nie ablegen konnte und ein gestörtes Verhältnis zu Frauen hatte. Alexander nimmt Moll das alles nicht so recht ab, zumindest, moniert er, fehlt die empirische Grundlage, der Sohn hat zwei Geliebte des Vaters nicht befragt und auch seine eigene Mutter nur oberflächlich. Auch, dass Moll eine Parallele zieht zwischen dem herrschsüchtigen Vater und der architektonischen Neugestaltung der Stadt Frankfurt - auch Molls Familie wohnte in einem 1960er-Kastenhaus, das dem Autor nicht gefällt - mag Alexander nicht so recht behagen. Denn was die Alternative gewesen wäre zur baulichen Nachkriegsmoderne, darüber schweige sich Moll aus. Hinzu kommen ärgerliche Sachfehler in Detailfragen, ärgert sich ein alles in allem ziemlich unwirscher Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.11.2024

Sebastian Molls Buch verknüpft seine persönliche Familiengeschichte mit der Architekturgeschichte Frankfurts, staunt Rezensent Stephan Klemm. Für den Kritiker handelt es sich dabei um zwei Bücher in einem: Zum Einen bietet das Buch eine intime Aufarbeitung familiärer Erfahrungen, geprägt von den Nachwirkungen der NS-Zeit und den komplexen Verhältnissen zwischen Vater und Sohn sowie dem schwierigen, oft schmerzhaften Verhältnis zur Mutter. Molls Vater Heinz, gezeichnet von seiner Erziehung im Dritten Reich, lebte innerlich eine heimliche, nationalsozialistisch geprägte Welt, während er nach außen als "sozialdemokratisierter" Angestellter auftrat. Zum Anderen beleuchtet Moll die städtebaulichen Veränderungen Frankfurts, wo Architektur nach dem Krieg zur Strategie der Verdrängung wurde, erfahren wir. Diese doppelte Perspektive auf Vergangenheit und Erinnerung diene Moll letztlich dazu, eigene Prägungen und Traumata zu bewältigen und sein Elternhaus, das titelgebende "Würfelhaus", symbolisch hinter sich zu lassen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 25.10.2024

Rezensentin Kathrin Schömer findet in Sebastian Molls essayistischer Befragung der Elterngeneration mehr als erwartet. Nach den Untiefen unter dem bürgerlichen Idyll im Frankfurter Reihenhaus mit Böll und Grass im Regal gräbt der Autor laut Schömer durchaus gekonnt. Dabei treten laut Schömer nicht nur die Endsiegfantasien des Vaters zutage, sondern auch die städtebaulichen Verschüttungen und Vergrabungen, sei es das jüdische Ghetto oder der Wiederaufbau der Paulskirche, den der Autor als Versuch deutet, Bruchlosigkeit vorzugaukeln. Wie Moll seine Quellen befragt, historische O-Töne und sozialkritische wie architekturtheoretische Stimmen montiert, findet Schömer gelungen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 07.09.2024

Gerne liest Rezensent Thomas Groß Sebastian Molls Essay über die Konfrontation mit dem Erbe seiner Eltern: Der Autor wühlt sich durch den  Nachlass und stellt sich Fragen nicht nur zur privaten Familiengeschichte, sondern auch zu dem Nachkriegsdeutschland, in dem er aufgewachsen ist und in dem seine Eltern dieses Haus gebaut haben. Zwischen Alkoholismus der Mutter, früher Nazi-Faszination des Vaters  und uniformer Wiederaufbaubestrebungen der Stadt Frankfurt gräbt Moll im Erbe dieser Generation umher, sodass der davon durchaus überzeugte und mitgerissene Groß zu dem Schluss kommt, mit dieser Vergangenheit ist "an kein Ende zu kommen."

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