Wenn eine Frau Opfer staatlicher Willkür wird, nur weil sie zur falschen Zeit auf dem Weg zur Arbeit ist. Wenn ein Vater sich gezwungen sieht, über seine Tochter zu richten, um die Ehre der Familie zu retten. Wenn einem Mädchen nur die Flucht von zu Hause bleibt, um selbst über sein Leben zu bestimmen. Jede einzelne der Schicksalsgeschichten lässt einem den Atem stocken, weil nichts so erschütternd ist wie die Realität, aus der Selahattin Demirtaş schöpft. Nur selten kommt man dem Alltag in der islamischen Welt so nahe wie in diesen Erzählungen. Konkret und ungeschönt schildern sie das Leben in der Türkei, das gespalten ist zwischen Tradition und Moderne, Ignoranz und ohnmächtiger Wut. Storys von politischer Wucht - die in der Türkei von Hunderttausenden gelesen werden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2019
Was für ein Debüt, staunt Rezensent Sascha Feuchert nach der Lektüre der hier versammelten zwölf Stories, die der derzeit inhaftierte, ehemalige Ko-Vorsitzende der türkischen Oppositionspartei HDP Selahattin Demirtas vergangenes Jahr vorgelegt hat. Das Politische schwingt in den literarisch anspruchsvollen Kurzgeschichten stets mit, erkennt der Kritiker: Er liest hier etwa von einer jungen Frau, die nach ihrer Vergewaltigung von ihrer Familie ermordet wird oder einer Putzfrau, die versehentlich in eine Demonstration gerät und in Folge inhaftiert wird. Das "Morsche", "Brutale" des türkischen Staates kann Demirtas dem Kritiker in "knapper" Sprache veranschaulichen. Nicht zuletzt lobt Feuchert die hervorragende Übersetzung von Gerhard Meier.
Seit zwei Jahren wird Selahattin Demirtas - der Co-Vorsitzender der kurdischen Partei HDP - von der türkischen Regierung in Untersuchungshaft gehalten, weiß der hier rezensierende Reporter Günter Wallraff. Dabei unterschätzen oder missachten Erdogan und sein Führungsstab offenbar die enorme Wirkung, welche der "türkische Mandela" gerade in der Rolle des Märtyrers hinter Gittern momentan entwickelt. So hat er es etwa geschafft, zwölf als Briefe getarnte Kurzgeschichten an den Gefängniswärtern vorbei nach draußen zu schmuggeln, welche nun unter dem Titel "Morgen Grauen" auch in deutscher Sprache erscheinen konnten, so der Rezensent. Demirtas' Erzählungen beschreiben auf vielfältige Weise die Missstände in der Türkei, jedoch ohne dabei eine direkte politische Agenda zu formulieren, geschweige denn Schuldzuweisungen vorzunehmen. Es handelt sich weder um Betroffenheits- noch um Politprosa, sondern um ein hoch literarisches "Plädoyer für die Menschlichkeit" - ein Buch an die Unterdrückten und Entrechteten, welches gerade durch seinen sehr direkten und trockenen Erzählstil eine ungemeine Wucht und Überzeugungskraft entwickelt, so der berührte und begeisterte Rezensent.
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