Sibylle Lewitscharoff

Von oben

Roman
Cover: Von oben
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
ISBN 9783518428931
Gebunden, 240 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

"Vor dem Tod. Nach dem Tod. Das sind zwei grundverschiedene Arten, die eigene Existenz zu erfahren und auf sie zu blicken. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin oben." Aus der Vogelperspektive blickt Sibylle Lewitscharoffs unbehauster Erzähler hinab auf sein eigenes Grab, die hinterbliebenen Freunde und Nachbarn, auf Fremdes und Vertrautes in der unter der Hitze stöhnenden Stadt. Körper- und willenlos driftet er durch den Himmel über Berlin, erscheint mal hier, mal dort, ein stiller Beobachter, Zeuge von Schönem und Schrecklichem, mit übernatürlicher Hör- und Sehkraft begabt, doch zur Handlungsunfähigkeit verdammt. Seine Erinnerungen sind lückenhaft, seine Zukunft ungewiss. Was darf er hoffen, was muss er fürchten: Hölle? Fegefeuer? Himmlisches Paradies.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.10.2019

Katharina Teutsch kann in Sibylle Lewitscharoffs Buch keine echte Gelehrsamkeit entdecken, keinen "metaphysischen Realismus" und auch nicht die Situationskomik, für die die Autorin schon gerühmt wurde. Stattdessen muss sie sich durch allerhand Bildungshuberei lesen, "verspannte" Figurenrede und schlicht: Unfug. Etwa wenn die Autorin, die hier einen frisch Verstorbenen ontologisch spekulativ noch einmal mächtig aufdrehen lässt, sich vom Göttlichen zu Kafka, zu Heidegger, zu Sadomaso, zu religiösem Fanatismus hangelt. Zu welchem Zweck, versteht Teutsch leider nicht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.10.2019

So viel "Zartheit" hätte Rezensentin Meike Fessmann nicht von Sibylle Lewitscharoff erwartet. Insbesondere nicht nach deren "Dresdner Rede" von 2014. Den neuen Roman muss man allerdings vor diesem Hintergrund lesen, fährt die Kritikerin fort: Lewitscharoff erlebte damals einen "grandiosen Absturz" und wenn sie hier schildert, wie ein toter Ich-Erzähler, der sein Schicksal zunächst gar nicht begreift, sich im Laufe des Romans selbst behauptet und "von oben" auf das "Geschwätz der Welt" blickt, erkennt die Rezensentin dahinter die Autorin. Und dennoch vernimmt Fessmann hier keineswegs einen "triumphalen" Ton wie in Lewitscharoffs vorangegangenen Romanen: Vielmehr lässt sie sich mit dem einsamen Erzähler durch den Berliner Westen treiben und erfährt dessen ganze "soziale Isolation". Wie sanft, "bescheiden, demütig und wehmütig" die Autorin hier von den großen Themen des Lebens schreibt, hat die Kritikerin tief beeindruckt. Und wenn sie mit Lewitscharoff etwa durch ein Küchenfenster blickt, hinter dem sich Merkel für einen Besuch von Macron vorbereitet, entdeckt Fessmann Szenen von solch "diskreter Poesie", dass sie auch über die ein oder andere störende kulturkritische Passage hinwegblicken kann.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2019

Einen Roman kann Wolfgang Schneider in Sibylle Lewitscharoffs neuem Buch nicht erkennen, viel eigennütziges Geplapper allerdings schon. Schneiders Vermutung: Die Autorin möchte mit ihrer Figur eines untoten Philosophieprofessors, der im Zwischenreich über Heidegger bramarbasiert, die Kanzlerin beim Aktenstudium beobachtet, alten Berliner Freunden und Feinden begegnet und über sie herzieht, eigene politische Verfehlungen geraderücken, indem sie die arme Seele "wenig originell" über Flüchtlingspolitik und "bigotte" Amerikaner nachgrübeln und ihre eigenen Aversionen und Vorlieben durchblicken lässt. Für Schneider schmeckt das wie "geistiger Gurkensalat".
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.09.2019

Paul Jandl zeigt sich entzückt über Sibylle Lewitscharoffs neues Buch. Allein die Idee ein verstorbenes Ich auf halbem Weg in den Himmel steckenbleiben zu lassen, um es noch einmal auf die Erde zurückschauen zu lassen, aber ohne die Möglichkeit einzugreifen, scheint ihm genial. Klug und komisch, wie die Autorin dieser verlorenen Seele palavernd ihre Themen unterjubelt, die Spießigkeit der Berliner Libertinage der Siebziger und Achtziger etwa, ihre Stuttgarter Kindheit, den Kulturbetrieb. Sogar auf Merkel am Küchentisch schaut die "Seelendrohne" hinab, freut sich Jandl. Fulminant, findet er.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 07.09.2019

Rezensent Helmut Böttiger hat sich mit diesen Reflexionen eines Geistes köstlich amüsiert: Aus der Perspektive einer schwebenden Seele geschrieben, drehe der Roman sich natürlich um "letzte Fragen" nach der Existenz und der Religion, aber weil der Geist in kurzen Episoden durch das aktuelle Berlin streife, bleibe Raum für "eine literarisch tiefschürfende Gegenwartsanalyse". Das nehme die Autorin zum Anlass für einen poetischen "Fabulier- und Beobachtungsrausch", der immer wieder bekannte Persönlichkeiten und Orte aufrufe und darüber hinaus auch noch mit wunderbar scharfsinnigem Humor aufwarte, lobt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 31.08.2019

Rezensent Richard Kämmerlings beschreibt Sibylle Lewitscharoffs neuesten Roman als schwebenden Spaziergang eines philosophischen Geists durch alle möglichen Situationen in Berlin, Verstörendes und Schönes sieht das Gespenst gleichermaßen ohnmächtig mit an und äußert seine tiefsinnigen Gedanken dazu. So entsteht laut Kämmerlings ein "(autobiografisch grundierter) Berlin-Roman der anderen Art", der Lewitscharoff-Kennern etliche ihrer Lieblingsthemen wie beispielsweise Gedanken zu Selbstmord, Gender, der Kunst und Religion bietet. Zurückgeworfen auf die Welt, aber ohne den Körper, den es braucht, um in ihr Handeln zu können, bietet der Geist mit seinen Beobachtungen alles, was Literatur braucht, meint der gewogene Kritiker.