Aus dem Dänischen übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Tim Hagemann. "Man befürchtet im Augenblick nichts mehr als den totalen Bankerott, dem Europa entgegengeht, und vergisst darüber die weit gefährlichere Zahlungsunfähigkeit in geistiger Hinsicht, die vor der Tür steht." Das schreibt Kierkegaard 1836 in seinem Tagebuch, und er beginnt, gegen diesen Konkurs anzuschreiben. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Nirgends hat der Philosoph sich radikaler geäußert als in diesen Notizen, die nie zur Veröffentlichung bestimmt waren. Es sind seine Überlegungen zurGesellschafts- und Kulturkritik, die hier in einer durchgängig kommentierten Auswahl vorgelegt werden. Dass er sich im Vormärz als Reaktionär zeigt, nimmt seiner Diagnose nichts von ihrer Tiefenschärfe - im Gegenteil.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 19.05.2004
Weder intime Bekenntnisse, noch private Einblicke finden sich in Sören Kierkegaards späten Aufzeichnungen, dafür umso mehr Verachtung; sie gilt, schreibt Otto Kallscheuer, "der wohlanständigen Bürgerlichkeit seiner Haupt- und Kleinstadt, dem Philistertum ihrer Amts- und Staatschristen, dem Mittelmaß der Moderne, von Meinungsmode und Feuilleton". Vor allem letzteres: der "Sokrates von Kopenhagen" zieht über das Geschwätz der Journaille her, über ihre populistische Anbiederung an das Publikum, dass Kallscheuer nicht anders kann als festzustellen, dass hier einer die Medienwirklichkeit von heute - Intimitätsterror und Christiansen - genau vorausgesehen hatte. Doch Kierkegaards Furor, so der Rezensent, ist mehr als das: Zeugnis einer existenziellen Zerrissenheit nämlich - radikale Innerlichkeit hier, der Zwang zum Schreiben dort -, die Kierkegaards Leben prägte und ihn so früh sterben ließ, an Erschöpfung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.04.2004
Lorenz Jäger konnte diesem Band mit Aufzeichnungen Kierkegaards aus verschiedenen Jahrzehnten ausgesprochen viel abgewinnen. "Ein schöner Band" sei es geworden, "mit vielen Nutzanwendungen". Nicht zuletzt lobt er auch Tim Hagemeister, der die Aufzeichnungen "vorbildlich" kommentiert habe, "informativ und knapp zugleich", vielfach würden sie durch Hagemeisters zeitgeschichtliche Einordnungen zudem erst verständlich. Vor allem bekundet der Rezensent aber, dass es ihm beim Lesen dieses Bandes ging wie oft auch beim Lesen von Burckhardt, Nietzsche, Tocqueville und Poe: "immer wieder ist man von der diagnostischen Kraft des neunzehnten Jahrhunderts überrascht". In diesem Fall haben Jäger vor allem Kierkegaards Einsichten in die verzwickten Probleme überzeugt, die sich unter der Herrschaft der "öffentlichen Meinung" für moderne demokratische Gesellschaften ergeben.
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