Der dänische Philosoph Soeren Kierkegaard wagte um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die - zumindest auf den ersten Blick - schier unglaubliche Behauptung, kein Mensch lebe oder habe gelebt, ohne daß er verzweifelt gewesen sei. Demnach hätte man es bei der Verzweiflung mit einem Grundphänomen menschlicher Existenz zu tun. Da sich die Tendenzen, an denen Kierkegaard seine Behauptung festmacht, im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts eher verstärkt als abgeschwächt haben, wären wir Heutige erst recht von seiner Diagnose betroffen. Friedhelm Decher betrachtet in seinem Essay über die Anatomie eines Affekts Verzweiflung als ein Phänomen von eminent existentieller Bedeutung. Dabei nimmt er es aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick, um seine Grundstrukturen hervortreten zu lassen.
Ludger Lütkehaus führt uns vor, wie die Philosophiegeschichte mit der Verzweiflung umgegangen ist, von Thomas von Aquin über Luther zu Kierkegaard, Schopenhauer und Nietzsche, aber er sagt uns nicht, ob er dies alles dem vorliegenden Buch entnimmt. Zu vermuten ist es wohl, denn Lütkehaus meint, "das Buch spricht philosophisch über die Verzweiflung. Die Stimme der Verzweiflung spricht aus ihm nicht". Und irgendwie scheint ihn das zu stören, denn er fährt fort: "... bei allen Meriten kein radikales, manchmal ein allzu besonnenes, auch etwas umständliches Buch". Und dann widmet er sich wieder den Großen Verzweifelten - es kommen auch Cioran und Adorno noch vor - und den von ihnen aufgezeigten Charakteristika der Verzweiflung und Möglichkeiten des Entkommens bzw. der "paradoxen" Gelassenheit, zu dem man es bringen kann. Die "Distanzierung" von dem Affekt selbst, die er Decher bescheinigt, scheint Lütkehaus jedenfalls unbefriedigt zu lassen.
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