Mit Audio CD: 'Ordo Virtutum' v. Hildegard von Bingen; Aufführende: Ensemble Ordo Virtutum unter Leitung von Stefan Morent und mit Notenbeispielen und 12 Bildtafeln. Die Mystikerin und Ordensfrau Hildegard von Bingen (1098-1179) fasziniert die Menschen bis heute. Dieses Buch stellt sie als begnadete Komponistin geistlicher Musik vor. Es betrachtet die spirituellen und künstlerischen Voraussetzungen ihres Schaffens und folgt ihrem Weg von der Stille des Klosters an die Öffentlichkeit. Darüber hinaus fragt es nach dem liturgischen Kontext ihrer Kompositionen und ordnet sie in das zeitgenössische Musikgeschehen ein. Hildegard von Bingen hat sich selbst als eine Ungelehrte in musikalischen Belangen bezeichnet, die nie eine systematische Unterweisung in Gesang oder in sonstiger Musiklehre erhalten habe. Diese Selbstdarstellung hat es schwer gemacht, die Bedeutung von Hildegards musikalischem Schaffen richtig zu bestimmen. Von manchen als naive Figur gezeichnet, die ihre Gesänge mehr schlecht als recht hervorbrachte, von anderen aber als göttlich Inspirierte überhöht, jenseits jeglicher Konvention, hat sie sich dem modernen Zugriff immer wieder entzogen. Dabei besteht kein Zweifel: Hildegard wurde bei der Übersetzung des visionär Gehörten in die irdisch-musikalische Klangwelt von ihrer eigenen musikalischen Prägung geleitet und verschwindet nicht hinter ihrem Werk.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 16.11.2005
Ein hehres Ziel hat sich der Böhlau-Verlag mit der Reihe "Europäische Komponistinnen" gesteckt: Die "Integration weiblicher Kreativität in unserem allgemeinen Bild von Musik- und Kulturgeschichte" soll befördert werden, zitiert die Rezensentin Verena Naegele die Verleger und findet es folgerichtig, dafür unter anderem die Komponistin Hildegard von Bingen auszuwählen. Naegele weiß um den Spagat, den Pfau und Morent zu diesem Zweck vollführen müssen. Sie formuliert den Anspruch, dass dem Laien einerseits eine "komplexe Welt mittelalterlichen Denkens und Musikmachens" nähergebracht werden müsse, andererseits ein "Überblick über den Stand der wissenschaftlichen Forschung vermittelt werden" soll. Angesichts der detaillierten fachlichen Analysen, ließe es sich nicht vermeiden, den Leser mit kryptischen Fachbegriffen (wie Qulisma, Epiphonus oder Antiphonar) zu verwirren, gesteht Naegele den Autoren zu. Ungebrochen bleibt ihr positives Urteil, wenn sie der Arbeit resümierend eine Vielschichtigkeit und Plastizität zuspricht.
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