Gespensterfische
Roman

Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN
9783895613630
Gebunden, 224 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Wirklichkeit ist nur eine Vereinbarung. Dieser Satz lässt Laura Schmidt viele Jahre nicht los. Es ist das Motto ihrer Mitpatientin Noll, die Laura in den 1990ern in der Lübecker Jannsen-Klinik kennenlernte. Dort hat sich Noll in der psychiatrischen Abteilung mit ihrer Vertrauten Olga Rehfeld lesend, schreibend, zitierend ein Refugium aus Geschichten geschaffen, einen Raum aus Literatur - zum Trost oder als Flucht vor den Abgründen der Vergangenheit? Laura begreift allmählich, dass die Klinik, in der sie selbst Hilfe gefunden hat, für Rehfeld zerstörerisch war.Svealena Kutschke erzählt mit einem faszinierenden Figurenensemble aus Patient:innen und medizinischem Personal von der Psychiatrie als Ort, an dem tiefe Verwundbarkeit das Menschsein an seine Grenzen führt. Als Ort, der insbesondere während der NS- und Nachkriegszeit zum Einfallstor für Gewalt geworden ist. Als Echokammer deutscher Geschichte. Medizinische Diagnosen, führt Kutschke uns vor Augen, sagen viel über die Gesellschaft aus, in der sie gestellt werden. Und sie fragt danach, ob nicht der psychische Ausnahmezustand eine angemessene Reaktion auf die Zumutungen der Gesellschaft ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2025
Rezensentin Rose-Marie Gropp liest Svealena Kutschkes hundert Jahre und zwölf Protagonisten umspannenden Roman durchaus interessiert: Zuerst und auch am häufigsten auf den folgenden 230 Seiten begegnet sie Laura, die sich in den 1990er Jahren in die psychiatrische Jannsen-Klinik zurückzieht und sich dort mit Olga anfreundet, die seit vielen Jahren dort quasi zuhause ist. Olga war in jungen Jahren mit Hargen Fellner verheiratet, einem der Ärzte, der später bei den Euthanasiemorden der Nazis mitmachte, erfahren wir, viele der näher beleuchteten Patienten sind auf die eine oder andere Weise miteinander verbunden. Manchmal lässt Kutschke für Gropp bedauerlicherweise den ein oder anderen Psychiatrie-Lehrbuch-haften Satz zur Diagnostik der Patienten einfließen, sie hätte sich eher gewünscht, dass sich die Autorin mehr auf das konzentriert, was ihr wirklich gut gelingt: Charakterisieren und Stimmung erzeugen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 24.06.2025
Anhand des Psychiatriealltags erzählt Svealena Kutschke der Rezensentin Cornelia Geißler "von Kunst, Liebe und Elternschaft". Die Handlung spielt hauptsächlich in einer Psychiatrie bei Lübeck, erzählt Staude, und deckt ein ganzes Jahrhundert ab. Die Perspektive der PatientInnen, wie zum Beispiel Olga Rehfeld, die fast ihr ganzes Leben in der Klinik verbringt, schildert Kutschke so plastisch, dass Geißler ihre "Eigenheiten vorm inneren Auge" erscheinen. Ein wenig überfordernd sind für den Leser manchmal die Zeitsprünge, findet die Kritikerin, da muss man sich ganz schön konzentrieren, um den Überblick zu behalten. Nichtsdestotrotz ist sie beeindruckt, wie "dicht und gedankenintensiv" dieser Text geworden ist, natürlich lässt Kutschke auch das "düsterste Kapitel" der deutschen Psychiatrie-Geschichte nicht aus. Dass psychiatrische Kliniken eben keine abgeschlossenen Welten sind, sondern in Austausch mit ihrer Umwelt stehen - das kann Geißler hier sehr gut nachvollziehen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.05.2025
Rezensent Leon Frei warnt vor: Svealena Kutschkes fünfter Roman hat es in sich, in vielfacher Hinsicht. Davon sollte sich aber niemand abschrecken lassen, denn entlohnt wird der Leser nicht nur mit einer perspektivreich erzählten Psychiatriegeschichte der 1920er bis 2020er Jahre. Wir lernen etwa Laura kennen, die in den Neunzigern wahnhaft über Authentizität nachdenkt oder Verhaltenstherapeut Thorsten, dessen Eltern in den 1940er Jahren Schuld in einer Klinik auf sich luden und der heute Patienten gemäß Rene Polleschs Satz "In jede Wunde eine Tablette" ruhigstellt. Den Kern der Figuren bekommt der Kritiker nicht leicht zu fassen: Kutschke gelingt hier, deren Konstruktion von Wahrnehmung deutlich zu machen, meint er. Schwerer tut sich der Rezensent zunächst mit der bisweilen unübersichtlichen Themenfülle und der kaleidoskopartigen Komplexität der Erzählkonstruktion. Aber: Kutschkes "poetische" Sprache zieht Frei derart in den Bann, dass er sich nicht nur manchen Satz gern "ins Gehirn tätowieren" lassen würde, sondern auch den Drang verspürt, diesen Roman vollkommen zu durchdringen. Jenen, die Leseroutinen durchbrechen wollen, rät er der Kritiker unbedingt zur Lektüre.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 17.04.2025
Rezensentin Marie Schoeß liest einen anspruchsvollen Roman von Svealena Kutschke, der eine Psychiatrie über fast hundert Jahre facetten- und perspektivenreich in den Blick nimmt: Eine der Figuren ist Olga Rehfeld, die von ihrem Ehemann, einem Arzt, in den 1930er Jahren mehr oder weniger in die Klinik abgeschoben wird, eigentlich war sie Schriftstellerin. Jahrzehnte später kommt Laura, die sich Olgas Geschichte annimt, anhand dieser Rahmenhandlung entwickelt Kutschke ihre Geschichte, die nicht nur die verschiedenen Lebensgeschichten auslote, sondern auch das Verhältnis von Psychiatrie und Gesellschaft, von Frauen und ihren Diagnosen. Dass die Bildsprache nicht immer ganz überzeugt, verzeiht die Kritikerin der Autorin gern: Viel zu brillant verhandelt sie die großen gesellschaftlichen Fragen, schließt Schoeß.