Das "Dritte Reich" ist gefallen - doch die Geschichte steht nicht still. In Flensburg kreuzen sich die Wege von Agenten, Überlebenden und alten Eliten. Zwischen zerfallender Macht und zaghaftem Aufbruch wird verhandelt, getäuscht, geschwiegen - und der Grundstein für erstaunliche Karrieren gelegt. Dies ist die Geschichte einer Zwischenzeit, in der die Konturen der heutigen Welt bereits erkennbar sind.Nach der bedingungslosen Kapitulation tagt in Flensburg die letzte nationalsozialistische Reichsregierung. Großadmiral Karl Dönitz inszeniert sich als legitime Übergangsinstanz. Die Alliierten dulden das Schauspiel - vorerst. So entsteht für wenige Wochen eine Zwischenzeit voller überraschender Neuanfänge: Albert Speer beginnt hier mit der Konstruktion seines Mythos vom unpolitischen Experten. Die Pilotin Beate Uhse legt den Grundstein für den größten Erotik-Konzern der Welt. Der britische Geheimdienstoffizier Ian Fleming sammelt Eindrücke, Figuren und Motive - für das, was später James Bond werden soll. Auch der junge Siegfried Unseld gehört zur Szenerie - er wird einer der bedeutendsten Verleger der Bundesrepublik. Im Norden kreuzen sich die Wege von Tätern, KZ-Häftlingen und Mitläufern. Es ist eine Zeit zwischen Kontinuität, Abrechnung und Neuanfang - in erstaunlichen Konstellationen. In ihrer Darstellung schildert Svenja Falk diese kaum bekannte Übergangszeit auf Basis erstmals ausgewerteter Quellen - und zeigt, wie sich in diesen Tagen bereits die großen Linien der Nachkriegszeit abzeichnen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.2026
Interessiert, aber keineswegs enthusiastisch bespricht Rezensent Andreas Kilb Svenja Falks Buch über jene zwei Wochen nach der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg, in denen eine deutsche Naziregierung weiterregierte - unter Großadmiral Karl Dönitz in Flensburg-Mürwik. Falk legt kein Buch vor, das wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, stellt Kilb klar, vielmehr hat sie ein "zeitgeschichtliches Wimmelbild" verfasst, das allerlei Anekdoten und Skurrilitäten rund um die Mürwik-Episode versammelt. Im Zweifelsfall zieht sie die ansprechende Legende der banalen Wahrheit vor - dass der bei ihr öfter auftauchende Siegfried Unseld damals vor Ort in Flensburg war, ist zum Beispiel nicht belegt, auch der britische NS-Fan William Joyce dürfte sich eher nicht dort aufgehalten haben. Über die deutsche Seite hat Falk insgesamt wenig Interessantes zu sagen, stärker ist das Buch da, wo es sich mit den Überlegungen der Alliierten beschäftigt, etwa mit Churchills "Operation Unthinkable": einem Planspiel, das vorsah, russische Truppen gemeinsam mit Wehrmachtssoldaten zurück zu schlagen. Mit Blick auf solche sonderbaren Überlegungen in einer historischen Umbruchphase hat das Buch einigen Wert, findet der nicht rundum glückliche Kilb.
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