Jahrhundertelang war die islamische Welt das Zentrum der Zivilisation. Heute aber wird der Islam viel zu oft auf Islamismus und Terrorismus reduziert, scheinen wir dauerhaft gefangen in einer Konfrontationshaltung: "der Westen" gegen "den Islam", "wir" gegen "die". Der Hauptgrund für die gegenwärtigen Probleme liegt für Tamim Ansary in der Unkenntnis der islamischen Vergangenheit und der Missachtung ihrer Bedeutung auf westlicher Seite. Indem er den Bogen spannt von den Kulturen des Zweistromlandes über das Osmanische Reich bis zum modernen Extremismus, lässt er den Leser das Wesen des Islam neu entdecken und verstehen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.08.2010
Eine Weltgeschichte aus islamischer Perspektive und ein kluges Buch hat Thomas Speckmann hier gelesen. Der Versuch des in Kabul geborenen, in Kalifornien lebenden Autors Tamim Ansary, die Geschichte der islamischen Welt als alternative Weltgeschichte zu begreifen und dabei Parallelen herauszuarbeiten zur Geschichte der westlichen Welt, zeigt Speckmann den Weg auf, den die muslimische Gesellschaft seit der Vorzeit in Mesopotamien genommen hat. Wenn Ansary schließlich bei der Durchdringung des Ostens durch den Westen, der säkularen Modernisierung und der islamistischen Reaktion anlangt, bietet seine hellsichtige Analyse dem Rezensenten zwei Lösungen des Konflikts zum Bedenken an: Die islamische Welt, so referiert Speckmann die Gedanken des Autors, könne entweder ihren Zivilisationsbegriff ändern oder aber sich gegen den Lauf der Geschichte stemmen.
Einige Erleuchtungen verdankt Michael Thumann der Lektüre dieses Buchs des in Afghanistan aufgewachsenen und heute in den USA lebenden und lehrenden Historikers. Denn Tamim Ansary stelle die europäischen Geschichtsbücher auf den Kopf, beziehungsweise füge er ihnen einen fehlenden Blickwickel hinzu: den des Islam. Damit halte er den Europäern einen Spiegel vor, in dem Thumann viel Überraschendes sehen konnte. Dabei liege Ansarys Stärke nicht in der detaillierten Darstellung islamischer Geschichte, sondern in der "amüsanten Entlarvung alter Geschichtslektionen" in Europa und besonders der feinen Ironie des Tons. Ansary mache sich über Kaiser Barbarossa lustig, stelle fest, dass die Kreuzzüge kein Kampf der Kulturen gewesen sei, weil die Muslime beim Anblick der Ritter keinerlei Kultur erkennen konnten. Auch seine Schilderung des Niedergangs, seine Antwort auf die Frage, warum eine Reformation ausblieb, findet Thumann ebenso inspirierend wie einleuchtend.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 29.03.2010
Großes Lob hält Dan Diner für dieses Buch bereit, das sich seiner Meinung nach in gleich zwei Richtungen subversiv auswirken könnte. Denn in seiner Darstellung der islamischen Geschichte klärt Tamim Ansary sowohl Westler wie auch Muslime selbst darüber auf, wieso der Westen und der Islam solch unterschiedliche Entwicklungen genommen haben, genauer gesagt: wieso der Westen eine auf den Fortschritt ausgerichtete Kultur entwickelt hat, die islamische Welt dagegen ihre Kultur "traditionell imprägniert" hat. Zwei Punkte hebt Rezensent Diner, selbst Autor des Buches "Versiegelte Zeit" über den islamischen Stillstand, hervor: Zum einen, dass sich im Unterschied zur westlichen Entwicklung in den islamischen Diskursen des Mittelalters nie eine wirkliche Trennung von Theologie und naturwissenschaftlicher Forschung herausgebildet hat, zum anderen den Buchdruck, der zusammen mit der Entdeckung Amerikas für einen rasanten Entwicklungsschub für den Westen sorgte.
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