Die Lage im Nahen Osten ist unübersichtlich: Krieg und humanitäre Katastrophen in Syrien und Jemen, das komplexe Kräftemessen zwischen Schiiten und Sunniten, die latente Bedrohung durch die verbleibenden IS-Kämpfer in der Levante, widerstreitende geopolitische Interessen. Zudem ist die ganze Region mit demografischem Druck und der Notwendigkeit eines Wandels überholter Wirtschaftssysteme konfrontiert.Kaum einer kennt den Nahen Osten besser als der renommierte französische Soziologe und Arabist Gilles Kepel. Als Zeuge vor Ort, Beobachter und Chronist verfolgt er seit Jahrzehnten die zunehmende Islamisierung der politischen Ordnung. In seiner Darstellung der letzten fünfundvierzig Jahre zeichnet Kepel nach, wie die gewaltigen Öleinnahmen und die Durchsetzung des politischen Islams den chaotischen Kreislauf antrieben, der mit dem Oktoberkrieg 1973 begann und, paradoxerweise, sowohl über die Ausweitung des Dschihads als auch über die zunächst so hoffnungsvoll begrüßten Aufstände des Arabischen Frühlings 2011 in dem monströsen "Kalifat" des IS und der Zerstörung der Levante mündete.
Als grandioses Buch, opus magnum, Summe eines Gelehrtenlebens preist Jürgen König dieses Werk des französischen Forschers Gilles Kepel, der darin die Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens seit 1973 schreibt. Mit dem Jom-Kippur-Krieg und der drastischen Erhöhung der Rohölpreise betraten die arabischen Ölförderländer die Bühne der Weltpolitik, erklärt König, wenig später zog der iranische Ajatollah Chomeini mit der Fatwa gegen Salman Rushdie nach und machte die gesamte Erde zum Geltungsgebiet des Islams. So geht es weiter: Kepel rekapituliert mehr als vierzig Jahre Zeitgeschichte: Islamisierung und Radikalisierung, Afghanistankrieg, Irakkrieg, Islamischen Staat und Arabischen Frühling. Kepel verlangt seinen Lesern einiges ab, warnt König. Aber wer bereit sei, diese Fülle von Informationen zu verarbeiten, werde belohnt, versichert der Rezensent, der eine solche kenntnisreiche Historie der Region bisher noch nicht gelesen hat.
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