Dem Islam wird gerne vorgeworfen, er sei im Mittelalter stecken geblieben. Was aber, wenn es gar kein islamisches Mittelalter gab? Thomas Bauer zeigt an zahlreichen Beispielen, wie in der islamischen Welt die antike Zivilisation mit florierenden Städten und Wissenschaften weiterlebte, während im mittelalterlichen Europa nur noch Ruinen an eine untergegangene Kultur erinnerten. Jahrhundertelang waren im Orient die antiken Städte lebendig, mit Bädern, Kirchen, Moscheen und anderen steinernen Großbauten, während sie in Europa zu Ruinen verfielen. Ärzte führten die Medizin Galens fort, Naturwissenschaften und Liebesdichtung blühten auf. Kupfermünzen, Dachziegel, Glas: Im Alltag des Orients gab es lauter antike Errungenschaften, die Mitteleuropäer erst zu Beginn der Neuzeit (wieder) neu entdeckten. Thomas Bauer schildert anschaulich, wie die antike Kultur von al-Andalus über Nordafrika und Syrien bis Persien fortlebte und warum das 11. Jahrhundert in ganz Eurasien, vom Hindukusch bis Westeuropa, eine Zäsur bildet, auf die in der islamischen Welt bald die Neuzeit folgte.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.11.2018
Philipp Hufschmid hält Thomas Bauers Buch für lehrreich, anregend und unterhaltsam, auch wenn der von dem Islamwissenschaftler angeregte Abschied vom Mittelalter sich laut Hufschmid kaum wird durchsetzen lassen. Als Gedankenspiel scheint dem Rezensenten der Vorschlag allerdings so reiz- wie sinnvoll. Bauers interdisziplinär aufgebaute neue Epochengliederung der Geschichte, für die der Autor Belege für eine Kontinuität im Nahen Osten nach dem Untergang Roms aus Sozial-, Wirtschafts- und Geistesgeschichte liefert, überzeugt Hufschmid ebenso wie sein Denken in großen geografischen und kulturellen Räumen und Transformationsprozessen.
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