Konsequent wird der Abschied vom Epochendenken vollzogen - im konkreten Fall das "Mittelalter" zu Grabe getragen. An die Stelle dieser längst anachronistischen Prägung für 1000 Jahre Geschichte, die man als Epochenportion etikettieren und beruhigt in den Bücherschrank stellen kann, tritt ein neues Nachdenken über eine dynamische Phase des lateinischen Europas. Diese hat weit mehr mit der Entstehung der gegenwärtigen Zivilgesellschaften zu tun, als es sich die Erfinder des Epochenmodells vorgestellt haben. Seit dem 18. Jahrhundert lud die Idee einer "antiken" römischen Hochkultur und ihrer intellektuellen "Wiedergeburt" 1000 Jahre nach ihrem "Untergang" die historische Fantasie zur Identifikation ein und stempelte die Zeit dazwischen zu einem "Mittelalter" ab - ein seltsames Konzept, das trotzdem bis heute wirkmächtig ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2023
Rezensent Andreas Kilb stellt fest, dass der Mediävist Bernhard Jussen bei seinem Versuch, gegen den Epochenbegriff des europäischen Mittelalters anzuschreiben, eben diesen bestätigt. Die Studie scheint Kilb zu überzeugen, wo der Autor bildliche Belege wie Münzporträts oder Fresken anführt für die Verschmelzung von klerikalem und säkularem Leben, doch der Umstand, dass Jussen geschriebene Dokumente weniger gelten lassen will als bildliche, macht Kilb skeptisch. Lesenswert und spannend findet Kilb den Band aber allemal.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.07.2023
Wie sich die Menschheit die Zeit selbst organisiert, davon bekommt Rezensent Clemens Klünemann mit diesem Buch des Mittelalterhistorikers Bernhard Jussen einen Eindruck. Die Dekonstruktion der Epocheneinteilung betreibt der Autor laut Klünemann gekonnt, indem er die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts und ihre Theorien zum Untergang des Römischen Reichs infragestellt. Dass und wie sich der "Untergang" als Neubeginn lesen lässt, zeigt Jussen anhand von konkreten Beispielen, so der Rezensent. Veränderungen verlaufen nicht deterministisch, lernt Klünemann.
Rezensent Bernd Schneidmüller lernt aus der Lektüre dieser "neuen Sehschule" des Historikers Bernhard Jussen, warum das Mittelalter anders heißen sollte. Der Mediävist plädiert schon seit Langem für eine Abschaffung der herkömmlichen Epocheneinteilung und beschreibt in seinem Buch stattdessen die "Geschichte des nachrömischen Europa" über zehn Jahrhunderte, eine Zeit, die er als "das Jahrtausend der Turteltaube" bezeichnet wissen möchte. Jussen fokussiert sich auf Bildrepräsentationen, anhand derer er die Transformationen des "Verwandtschafts-und Sakralsystems" über die nachrömische Zeit nachvollzieht, so der Kritiker. Er zieht aus der Abhandlung durchaus neue Erkenntnisse und freut sich über Anregungen. Etwas erstaunt ist er darüber, dass sich Jussen in seiner Darstellung doch nicht ganz von den herkömmlichen Epochengrenzen lösen kann.
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