Mit seinem viereinhalbstündigen Videoessay Histoire(s) du cinéma (1988-98) hat Jean-Luc Godard ein 'Musée imaginaire' der Kunst (und) des Kinos geschaffen, das - Archiv, Katalog und Denkraum zugleich - ein Panorama der Geschichte(n) des 19. und 20. Jahrhunderts entwirft. Noch bevor der Begriff geläufig wurde, kreisen die Histoire(s) bereits um eine historische Zäsur, die seither mit dem Zeitalter der Postkinematografie identifiziert wird. Die Arbeit mit Video wird hier auf eine Weise vorgeführt und vorgedacht, wie sie erst später mit Einführung digitaler Schnitttechniken weite Verbreitung gefunden hat. Das besondere an Godards Essay ist nicht nur, dass er eine Brücke zwischen Buch und Film - Schrift und Bild - schlägt, sondern dass er die Zukunft eines Kinos erträumt, das zugleich das Wissen um seine Anfänge bewahrt. Darüber hinaus entwerfen die Histoire(s) einen Beitrag zu einer kritischen Stil- und Formgeschichte des Kinos, die ebenso von der Geschichte ihrer Medien handelt. Dem Projekt Henri Langlois - dem Gründers und langjährigen Leiter der Pariser Cinémathèque verpflichtet -, erweist sich Godard als "Archäologe und Kurator" einer Geschichte des Kinos, die zugleich die Utopie eines 'anderen Kinos' am Leben erhält.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.03.2025
Rezensent Bernd Stiegler lernt viel über Jean-Luc-Godards epischen Essayfilm "Geschichte(n) des Kinos" aus diesem Buch. Der Filmwissenschaftler Thomas Helbig nähert sich dem bereits viel kommentierten viereinhalbstündigen Werk, das mithilfe von Videotechnik entstand und die Montagetechniken des Mediums Film intensiviert, laut Stiegler vermittels vier jeweils unterschiedlich perspektivierter Teile. Der Medienwissenschaftler Stiegler geht auf drei dieser Teile näher ein, der erste beschäftigt sich mit den verschiedenen Formen des Zugriffs Godards auf die Filmgeschichte, der zweite mit medialen Praktiken, die der Regisseur anwendet, der dritte mit der bei Godard zentralen Differenzierung zwischen dem "Imaginären Museum" und dem "Kino des Realen". In diesem Zusammenhang kommt der Rezensent, an Helbig anschließend, auf die Bedeutung von Autoren wie André Malraux und Élie Faure für Godards Projekt zu sprechen. Als "Arbeitsbuch" bezeichnet Stiegler Helbigs Godard-Studie aufgrund deren argumentativer Dichte und Materialfülle. Insgesamt ist er sehr angetan davon, was der Autor alles aus Godards Mammutprojekt herausholt.
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