Thomas Kaufmann stellt Luthers "Judenschriften" vor dem Hintergrund der sich dramatisch verändernden historischen Kontexte der Reformationszeit und im Kontext der zeitgenössischen Debatten dar. Während in den 1520er Jahren - auch in Bezug auf die Haltung gegenüber den Juden - der Kampf gegen die Papstkirche im Vordergrund stand, dominierten seit den 1530er Jahren die Herausforderungen, die sich aus dem Aufbau eines reformatorischen Kirchenwesens ergaben. Die Analyse der von Luther angegebenen Anlässe seiner Schriften zeigt, dass der Reformator die Juden gezielt dem gefährlichen Vorwurf der "Proselytenmacherei" aussetzte und gegen eine christliche Hebraistik kämpfte, die seine christologische Deutung alttestamentlicher Schlüsseltexte nicht teilte. Der Autor skizziert abschließend die Rezeptionsgeschichte der "Judenschriften" bis ins 20. Jahrhundert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.01.2012
Dem Januskopf Luther die Stirn bieten möchte Johann Hinrich Claussen. Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann mit seiner Luther-Studie hilft ihm dabei. Claussen begreift sich als aufgeklärten Lutheraner, was allerdings nicht weniger bedeutet, als wenig angenehme Kontinuitäten zwischen dem jungen und dem alten Luther aufzudecken und das Gute und Wertvolle an Luthers Wirken dennoch zu bewahren und weiterzuentwickeln. Kaufmann zeigt dem Rezensenten mittels präziser Quellenbearbeitung, historischer Kontextualisierung und argumentativer Stringenz, wie der restauratorische Judenhasser bereits im freiheitsliebenden Reformator angelegt ist. Die bruchlose Lutherverehrung hat er damit für Claussen endgültig unmöglich gemacht.
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