Thomas Kling

Auswertung der Flugdaten

Gedichte
Cover: Auswertung der Flugdaten
DuMont Verlag, Köln 2005
ISBN 9783832179175
Gebunden, 172 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Mit einem Fotozyklus von Ute Langanky. Das Durchröntgen der Sprache gehört seit jeher zum poetologischen Programm von Thomas Kling. So wie es in seinem Zyklus »Mahlbezirk« im neuen Buch heißt: "mühlensprache sprach sie: flüssig / in zerkleinerungsform. / sprach wie im rausch." Der Dichter weiß von Spiegelzauber und vom Zauberspiegel Sprache, zugleich betreibt Thomas Kling in Auswertung der Flugdaten so intensiv wie noch nie seine "Vorzeitbelebung" der Tradition im Ausgang von der dionysischen Herkunft unserer Poesie. In einer weit ausholenden Interpretation, ansetzend bei Euripides? letztem Stück, den "Bakchen", über Rudolf Borchardts Antikenannäherung und Stefan Georges "Binger Voodoo", begegnen wir Thomas Kling bei der Lektüre von Gedichten eines Ezra Pound oder des späten Gottfried Benn.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2005

Rezensent Michael Lentz feiert Thomas Klings letztes Buch als "poetologische Botanisierungstrommel", in der er seine Fundstücke abgelegt hat. Kling ist ein Dichter, der am "Sprachrand" etwas Nichtsprachliches erfassen kann, den Tod, staunt der Kritiker. Nicht allein deshalb gehe von diesen Gedichten eine "höchst produktive Beunruhigung" aus, lesen wir. Lentz fasziniert die präzise Wahrnehmungskraft, die er in Klings Lyrik findet. Wie kaum ein anderer zeichnet sich der 2005 an Krebs gestorbene Kling für den Rezensenten durch einen scharfsinnigen Stil aus, der zeige, dass Posie "das eigentliche Reden" sei. Da kann Lentz nur den Hut ziehen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.06.2005

Christoph Bartmann ergreift angesichts des letzten Bands von Thomas Kling die Gelegenheit zu einer kritischen Würdigung des Lyrikers, dessen scharfsichtige Einsicht und genauen Formulierungen er rühmt. Bewundernd weist Bartmann auf die enorme Spannweite der Klingschen Sprache hin, die von "äußerster Schnoddrigkeit" über seltene Fachsprachen bis hin zu "rätselhaftester 'Vorzeitbelebung'" reiche. Für Bartmann ist das ganz große Kunst. Scharf wird der Ton Klings dagegen, notiert der Rezensent, wenn Kling sich dem Werk der Kollegen der "Borchardt-Nachfolge" wie beispielsweise Durs Grünbein und Raoul Schrott zuwendet, in denen er lediglich "Scheinriesen" der Lyrik erblicke. Nicht zuletzt das gibt dem vorliegenden Band ein "federnd angriffslustiges" Gepräge, stellt der angeregte Bartmann fest.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.05.2005

Kein "homogenes Buch", schreibt Ina Hartwig über den letzten noch vor Klings Ableben fertig gestellten Band. Macht aber nichts: Ein überaus spannendes, beeindruckendes, zu Widerspruch herausforderndes, grimmig-humorvolles, sprachlich wieder einmal alles Wagendes Buch hat sie dennoch gelesen. Verschiedenes ist versammelt: Der Gedichtzyklus "Gesang von der Bronchoskopie", in dem Kling poetisch auf seinen Lungenkrebs reagierte und Krankheit wie Krankenhaus zum Material seiner Sprache machte, steht neben wild mäandernden und höchst interessanten Essays - besonders "Projekt ?Vorzeitbelebung" über Rudolf Borchardt, Stefan George und das poetische Projekt der Fruchtbarmachung anderer Epochen in der eigenen Arbeit, hat die Rezensentin zur Auseinandersetzung gereizt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 23.04.2005

Bitter gestimmt ist Rezensent Nikolai Kobus angesichts dieser "Blackbox" des kürzlich an Lungenkrebs verstorbenen Thomas Kling. Bitter, weil mit diesem meisterlichen Werk, das nun also das letzte bleiben soll, eine radikal originelle Stimme verstummt. Ergriffen und verstört schildert der Rezensent, wie Kling das Innere des eigenen, kranken Körpers sondiert. Doch keinesfalls als "Hinfälliger", wie der Rezensent betont, sondern "mit der ihm sehr eigenen Mischung aus Aggressivität und kalter, intellektueller Distanz". Klings Technik des "Zermahlens", die darin bestehe, eingeübte Wort- und Sinnfügungen aufzukündigen, durchziehe den gesamten Band, wobei es dem Rezensenten schon mal die Brust und den Hals zuschnürt. Beeindruckt berichtet er, wie sich ihm erst nach und nach erschloss, "wie exakt und detailbesessen dieser Band konstruiert ist". Kling sei "immer (?) radikal, immer spröde, aber eingängig selten, moralisch, didaktisch gar nie". Seine Lyrik muss vom Leser erarbeitet werden; sie wirkt wie ein "Denkbeschleuniger", so das huldvolle Fazit des spürbar mitgenommenen Rezensenten.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.03.2005

Es fällt Hubert Winkels nicht leicht zuzugeben, dass er von Thomas Klings Gedichten ergriffen ist. Denn Kling verweigert jede Art der Anteilnahme, jede Form der Intimität, seine Texte "funkeln kalt in technischer Bläue", formuliert Winkels seine Faszination. Gerade beim ersten Gedichtzyklus, dem "Gesang von der Bronchoskopie" scheint diese Klingsche Mischung besonders unter die Haut zu gehen, denn hierin beschreibt der Autor seine Erfahrungen im Krankenhaus; medizinische Aufzeichnungstechniken konkurrieren mit literarischen, verzerrren die Wahrnehmung und verhindern die direkte Gefühlsbekundung. Gerade das macht diese K-Gedichte, wie Winkels sie nennt, so intensiv: K - wie Krankenhaus und Krieg, aber auch Körper und Konkretion oder Kälte und Kunst, zählt er auf. Ganz ungewöhnlich ist für den Rezensenten der dritte Teil der "Flugdaten", in dem der Dichter den Versuch wagt, Essay und Gedicht gleichberechtigt nebeneinanderzustellen: thematisch und motivisch eng miteinander verschränkt, behauptet Winkels. Kling wählt ausgerechnet den Kulturhistoriker Rudolf Borchardt zum Führer durch den Dschungel der Weiblichkeit, der wild ausschweifenden Unterwelt: eine Rechnung, die für Winkels, voll aufgeht und Klings eigene Gedichtpraxis erhellt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.03.2005

Michael Braun fühlt sich im Fall von Thomas Klings neuestem Gedichtband an den Spruch Paul Celans erinnert: "Dichtung: Das kann eine Atemwende bedeuten." Bei Kling liest Braun diesen Satz geradezu wortwörtlich, denn das Buch beginnt mit dem "Gesang von der Bronchoskopie", in dem Kling seinen Krankenhausaufenthalt als Höllentrip durch den Körper beschreibt; Braun ist regelrecht erschüttert von diesem existenziellen Kampf gegen das Ersticken und gegen das Verstummen. Kling beschreibt die Vorgänge in und an seinem Körper jedoch nicht nur klinisch kühl, sondern verbindet somatische Selbsterkundung mit einer geologischen Perspektive, die Körperpartien Schicht um Schicht materiell bloßlegt: der Atemraum in den Metaphern des Bergbaus, diese kühne Mischung schafft laut Braun "Bildfügungen von intensiver Leuchtkraft". Durch die geologische Perspektive gleitet Kling aber auch in die kulturelle Frühgeschichte ab, bezieht sich auf Stoffe der antiken Mythologie, was Kling in den Augen von Braun von der Wiener Moderne abrücken und Dichtern wie Borchardt oder George wieder näher rücken lässt. Braun ist begeistert von Klings Sprachkombinatorik, die antike Stoffe und Sprachpartikel aus der Gegenwart miteinander in Reibung bringt und dabei "große Reibungshitze" erzeugt.
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