25 Jahre Perlentaucher

Das absolute Gehör für Zukunft

Von Sieglinde Geisel
09.03.2025. "Sprache ist mir wichtiger als das, was sie transportiert: Aufladung, Drive, Risiko".Sieglinde Geisel antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.
25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.

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"Kritik - das absolute Gehör für Zukunft", heißt es bei Marina Zwetajewa, von daher ist der Rückblick auf ein Vierteljahrhundert Literaturkritik ungemein erhellend. Meine Auswahl ist zufällig, was damit zu tun hat, dass ich viele der meistrezensierten Bücher nicht gelesen habe (ich rezensiere mehr internationale Literatur). Von denjenigen Büchern wiederum, die ich kenne, war ich bei der Lektüre oft enttäuscht. Vieles von dem, was im literaturkritischen Mainstream obenauf schwimmt, halte ich für überschätzt.

Der Zusammenstellung meiner Shortlist bin ich intuitiv vorgegangen. Ich habe nach jenen Werken gegriffen, die mir damals beim Lesen am besten geschmeckt hatten (ja, ich halte Geschmack für einen Qualitätsindikator). Sprache ist mir wichtiger als das, was sie transportiert: Aufladung, Drive, Risiko, etwas so erzählen, etwas so sagen, wie es zuvor noch niemand gesagt hat - das ist ein Kriterium für meine Auswahl.

Drei der Werke auf meiner Liste könnte man wohl als Autofiktion bezeichnen, doch das Modewort ist viel zu klein für das, was diese Romane wagen. Sibylle Lewitscharoffs "Apostoloff" (2009), Katja Petrowskajas "Vielleicht Esther" (2014 - Disclaimer: Ich habe das Buch lektoriert) und Emine Sevgi Özdamars "Ein von Schatten umgebener Raum" (2021) verwenden die eigene (Familien-)Geschichte als Material, um daraus eine neue Form des Erzählens zu erfinden. Die Innovationskraft kommt aus dem sprachlichen Furor einer trotzigen Eroberung der eigenen Herkunft (Lewitscharoff), der poetischen Verschmelzung zwischen der Tragik der Geschichte und der Verfremdungskomik der Erkenntnis (Petrowskaja), der Verbindung eines internationalen künstlerischen Denkens mit der bangen, im Untergrund immer mitlaufenden Frage nach der politischen Gewalt (Özdamar).

Arno Geigers "Unter der Drachenwand" (2018) ist in meiner Erinnerung lebendig als eine Art Neuerfindung des historischen Romans; es ist ein Erzählen zwischen Fakt und Fiktion - eine "Authentizitätsfiktion", so Iris Radisch damals. Thomas Kling halte ich für den größten Dichter seiner Generation; sein letztes Buch "Auswertung der Flugdaten" (2005) zeigt schon im Titel die sprachliche Schöpfungskraft und Genauigkeit, zu der er fähig war. In Klings Texten gibt es kein schwaches Wort, alles ist "bis zum Äußersten mit Bedeutung aufgeladen" (Ezra Pounds Kriterium für Literatur). Thomas Kling hat Maßstäbe gesetzt: Das Buch hat den Test der ersten zwanzig Jahre bestanden.

Was ich auf der Liste der meistrezensierten Bücher vermisst habe? Ich nenne zwei Bücher: Der Romanautor Gerd-Peter Eigner (1942-2017) ist heute, noch keine zehn Jahre nach seinem Tod, weitgehend vergessen, und sein 2023 postum veröffentlichter autobiografischer Roman "Der blaue Koffer" wurde von der Literaturkritik fast komplett ignoriert. Es geht um das Aufwachsen als Flüchtlingskind in Norddeutschland - eine in der deutschen Literatur noch nicht erzählte Nachkriegskindheit. Die erste Hälfte des 600 Seiten dicken Romans gehört m. E. zum Besten, was deutsche Literatur zu bieten hat (danach verliert das Buch an Dichte). In Thomas Harlans monumentalem Oratorium (so die Bezeichnung des Autors) "Heldenfriedhof" (2007) geht es ebenfalls um einen blinden Fleck der Literatur: Thomas Harlan erzählt von den Tätern des Holocaust; er evoziert, wie sie in ihrer Gewöhnlichkeit zum Instrument des denkbar größten Verbrechens werden und sprengt damit alle Grenzen des Erzählens. Und dann die Schweizer Autorin Eleonore Frey (*1939), Außenseiterin per excellence: Kaum eins ihrer zugleich verspielten und existenziellen Prosawerke wurde in den deutschen Feuilletons rezensiert.