Die Weimarer Republik war wesentlich von den Problemen ihres parlamentarischen Regierungssystems geprägt. Ähnliche Schwierigkeiten zeigten sich zwischen den Weltkriegen jedoch auch in anderen europäischen Staaten. Thomas Raithel vergleicht erstmals systematisch den Weimarer Parlamentarismus mit jenem der späten Dritten Republik Frankreichs. Dabei stellt er die großen nationalen Inflationskrisen der 1920er Jahre in den Mittelpunkt. Der zeitweise Funktionsverlust des Reichstags resultierte aus den politischen, ökonomischen und sozialen Belastungen, aber auch aus dem Mangel an Erfahrung mit einem modernen, auf Parteien gestützten parlamentarischen System. Gleichzeitig entfaltete sich ein von Regierung und Reichspräsident ausgeübtes Verordnungsregime, das bereits auf die Endphase der Republik vorausdeutete. Dagegen überstand die Chambre des Deputes "ihre" Inflationsphase weit besser. Der traditionelle französische Parlamentarismus erwies sich trotz mancher Schwächen noch immer als tragfähig und belastbar.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2005
Warum ist die Weimarer Republik gescheitert, während Frankreichs Dritte Republik von 1870 bis 1940 Bestand hatte? Dieser Kernfrage gehe der Autor in seiner Vergleichsstudie nach, so Rezensent Peter Hölzle, und warte mit einem handfesten Paradox auf. Die Stärke des französischen Parlaments sei seine Schwäche gewesen. Weil es mit den Sozialisten und später den Kommunisten nur zwei "straff organisierte" Parteien gab, referiert Hölzle, und ansonsten nur "locker strukturierte Honoratiorenparteien", hatte das französische Parlament immer "eine Alternative bereit". Auch sei es nie zu einer vergleichsweisen Entmachtung der Abgeordnetenkammer durch Ermächtigungsgesetze gekommen wie in Deutschland. Thomas Raithel, so der Rezensent, schließe mit seiner Studie Forschungslücken sowohl in der Parlamentarismus- als auch der Parteienforschung.
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