Aus dem Englischen von Peter Robert. Der Psychiater Dr. Curtis Sad experimentiert mit zwei schwer traumatisierten Jungen, die elterlichem Missbrauch ausgesetzt waren. Er ist ein fanatischer Erneuerer seiner Wissenschaft, ein Mann, der Grenzen überschreitet. In einem verlassenen Trakt der schottischen Klinik, bei der er angestellt ist, baut er mit Hilfe einiger Patienten heimlich die Lebenswelt der beiden Jungen nach. Dort unterwirft er den verängstigten Click und den völlig verwahrlosten Fright unter Missachtung aller Gefahren für ihr labiles seelisches Gleichgewicht einer riskanten «Milieutherapie», die Patienten in den unerträglichen Augenblick ihrer Traumatisierung zurückversetzen soll. Es beginnt eine schaurige Reise in die Tiefen des Unterbewusstseins, und sie hat fatale Folgen, denn auch Dr. Sad wird von quälenden sexuellen Obsessionen geplagt ...
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 09.11.2000
Ulrich Sonnenschein ist begeistert: keine Normalität in diesem Buch, keine heile Welt, keine Besinnlichkeit! Stattdessen werden "im flirrenden Licht einer Laborlampe" zwei Schicksale betrachtet - an den Rändern der Gesellschaft, an den Grenzen der Sprache: Ein Psychiater und sein Patient. "Scar-culture" heiße der Roman im Original, und wenn man dem Kritiker glauben darf, bietet der Roman nun alles, was einem beim Lesen jenen wohligen Schauer des Grauens verschafft: Inzest, Misshandlungen, Irrsinn. Als "forcierten Realisten" bezeichnet der faszinierte Kritiker den Autor Toni Davidson, von dem wir auch lesen, dass er als "Performance-Künstler im Grenzbereich zwischen Literatur und Musik" experimentiert. Und dass schon zwei frühere Anthologien "von dieser Lust an der Grenzerfahrung" geprägt seien. Einmal handelte es sich um eine Sammlung schwul-lesbischer Kurzgeschichten. Das zweite Buch war eine Anthologie über drogeninduziertes Schreiben. An "Dr.Sad" nun wird vom Rezensenten besonders die "starke Komposition", die "analytische Schärfe" und die Übersetzung von Peter Robert gelobt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2000
Stephan Maus zeigt sich beeindruckt von diesem Roman, der aus verschiedenen Perspektiven ein Psychiatriedrama inszeniere. Er sei "souverän" geschrieben, lobt der Rezensent, und das ohne in Betroffenheitspathos oder "Voyeurismus" abzugleiten. Durch die Stimmen der verschiedenen Erzähler erhalte der Roman seinen "unverwechselbaren Ton", wobei auch mit "schwarzem Humor" nicht gespart werde. Die Montierung von verschiedenen Textarten wie fiktiver Tonbandbericht, Fotobeschreibung oder Experimentschilderung ließen eine fesselndes "Polyphonie von Leid und Wahn" entstehen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.07.2000
Mit Achtung aber auch Distanz bespricht Gorg Sütterlin diesen "sprachlich und kompositorisch eindrücklich" gelungenen Erstlingsroman. In ihm geht es um einen ehrgeizigen Psychiater, der durch Drogen und "rekonstruierte Umgebung" die Traumata zweier schwer geschädigter Jungen ihnen - und vor allem sich - zugänglich machen will. Über die Konsequenzen schreibt Sütterlin nur, dass sie "durchaus vorhersehbar" aber auch "verwirrend" sind. Als "gelungen und packend" beurteilt er die Charakterisierungen der beiden Hauptfiguren, Click und Fright; ihre in Rückblenden erzählten Vergangenheiten beinhalten sadistische und sexuelle Quälereien durch "verwahrloste und psychisch angeschlagene Eltern", die der Autor manchmal als Schock aber immer "mit Respekt vor ihrem Leiden" beschreibt. Mit vielen "satirischen Seitenhieben auf die Psychiatrie" kommt der Psychiater Dr.Sad ins Bild, dessen Mischung aus empathischer und voyeuristischer Haltung dem Rezensenten offenbar schwer erträglich war.
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