Toni Morrison

Paradies

Roman
Cover: Paradies
Rowohlt Verlag, Reinbek 1999
ISBN 9783498005979
Gebunden, 495 Seiten, 23,01 EUR

Klappentext

Die Bewohner von Ruby, einem kleinen Städtchen in Oklahoma, bilden eine verschworene Gemeinschaft. Die Nachkommen ehemaliger Sklaven schotten sich seit hundert Jahren durch religiöse Prinzipien und rassische Reinheitsgesetzte von der Außenwelt ab. Doch eines Tages zieht die Sünde ein: fünf Frauen, eine idealistische, lebensfrohe Schar von Menschen weißer und schwarzer Hautfarbe, die vor schlimmen Schicksalen geflohen sind.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.10.1999

Susanne Meyer hat sich offensichtlich richtig über dieses Buch geärgert und wird entsprechend ungnädig: "In den Vordergrund drängt sich der Eindruck, jemand habe vor allem ein wichtiges Buch schreiben wollen", meint sie. Und weil so viele endgültige Dinge wie Leben und Sterben besprochen werden, lässt Morrison laut Meyer Figuren auf- und wieder abtreten wie am Fließband. Dabei müssen sie viel Ernsthaftigkeit mit sich schleppen, bleiben aber ziemlich flach. Allein an Morrisons Sprache lässt Meyer ein gutes Haar. Wie in früheren Romanen entwerfe Morrison auch in "Paradies" packende Sätze und phantastische Bilder. Der Übersetzer Thomas Pilz hat laut Meyer gute Arbeit geleistet und den Rhythmus des schwarzen Englischen ins Deutsche gekitzelt. Ohne Morrisons Sprachgewalt, so Meyer, wäre "Paradies" ein trauriges Buch geworden: "Traurig, weil eine große Autorin sich so viel vorgenommen hat, dass sie daran scheitern musste."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.10.1999

Jenni Zylka legt großen Wert darauf, dass dieses Buch nicht als "Frauenroman" oder "Erzählung eines Sklavenschicksals" in die Schublade gepackt wird. Morrison verzichte in ihrer Geschichte auf eine lamentierende Attitüde. Vielmehr gebe sie Einblick in Welten, die dem Leser vielleicht von Hause aus nicht gerade geläufig sind: Als Beispiel wählt Zylka die von Morrison geschilderte Welt einer Frau, die ihr Kind ersticken lässt oder einer anderen, "die nicht mehr spricht". Der Leser tauche bei der Lektüre des Buches nach und nach immer weiter hinein in die Geschichte, es sei beinahe so, als ob die Autorin, "ihre LeserInnen nach und nach zu MitwisserInnen" erziehe. Dabei ist stets Morrisons ausgeprägte Humanität spürbar, findet die Rezensentin, auch wenn die Autorin nicht nur Verständnis für die Perspektiven der Opfer vermittle, sondern auch für die der Täter

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.1999

Hubert Spiegel schwankt bei seiner Besprechung zwischen positiver Grundüberzeugung - "eine der großen Stimmen der Weltliteratur" - und negativen Details. So nimmt er Toni Morrison vehement gegen einen Kritiker der "Financial Times" in Schutz. Dieser hatte behauptet, Morrisons verschachtelte Erzähltechnik sei eine "Form der Folter". Dagegen meint Spiegel, die Geschmeidigkeit, mit der Morrison Stimmen und Zeitebenen zusammenführe, habe hier einen "neuen Höhepunkt" erreicht. Etwas inkonsequent empfiehlt er dem Leser jedoch gleichzeitig, nicht nur eine Personenliste anzulegen, sondern auch eine Liste für die "moralischen Postulate der Autorin". Es scheint fast, als beeindruckten Spiegel die Themen der afroamerikanischen Schriftstellerin - Folgen der Sklaverei in Amerika, schwarzer Feminismus - mehr als ihre schriftstellerischen Qualitäten.

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