Bei der Recherche über das Dorf Obersalzberg, den Wohnort und zweiten Regierungssitz Hitlers in der Nähe von Berchtesgaden, stößt Ulrich Chaussy auf Arthur Eichengrün. Wer war dieser völlig vergessene jüdische Nachbar Hitlers? In drei Jahrzehnten Arbeit rekonstruiert Chaussy Eichengrüns Biografie und entdeckt einen der bedeutendsten Chemiker und Erfinder der Kaiserzeit und der Weimarer Republik wieder: Eichengrün ist Forscher, Erfinder und Unternehmer in Personalunion. Er synthetisiert Kokain und wir verdanken ihm das Aspirin. Er erfindet den unbrennbaren Kinofilm und revolutioniert mit seinem Cellon-Spannlack den Bau der stoffbespannten Flugzeuge und Zeppeline. Ab 1933 gelten all seine Verdienste nichts mehr. Er verliert allen Besitz. Plötzlich ist der assimilierte Patriot nur noch eines: Jude. Deportiert ins KZ Theresienstadt muss der große Chemiker erkennen, dass er eines nicht umformen und synthetisieren konnte: Eine Identität, die ihn vor dem Rassenwahn der Nationalsozialisten hätte schützen können.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.2024
Eigentlich gilt die Geschichte des Obersalzberges als gut erforscht, der Journalist Ulrich Chaussy konnte dennoch einen bisher von der Forschung vernachlässigten und von den Nazis enteigneten Ansässigen ausfindig machen und dessen Leben nachgehen, schreibt Rezensent Hannes Hintermeier. Arthur Eichengrün war ein jüdischer Chemiker, der nicht nur an der Entwicklung von Aspirin beteiligt war, sondern auch etliche kriegswichtige Kunststoffprodukte erfunden hat, erfahren wir. In der NS-Zeit wird er im KZ Theresienstadt interniert, er überlebt, stirbt aber wenige Jahre nach Kriegsende verarmt - ein aufregendes Leben, das Chaussy hier rekonstruiert, findet Hintermeier, da hätte es die kursiven Passagen gar nicht gebraucht, die eine Art fiktionalisierte Stimme eines Mannes darstellen sollen, der wenig persönliche Zeugnisse hinterlassen hat.
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