Von den frühen Anekdoten bis zur autobiografischen Rede im Jahr 2001 führt diese Auswahl der kürzeren Prosa Volker Brauns. Der Kenner des Werks wird in ihr zahlreiche bei Suhrkamp noch ungedruckte Texte finden; und demjenigen, der sich erst mitdiesen Texten des Büchnerpreisträgers des Jahres 2000 zu beschäftigen beginnt, mag diese Sammlung ein idealer "Einstieg" sein.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 15.05.2002
Als Utopisten bezeichnet Martin Krumbholz den Schriftsteller Volker Braun, der es bis zum Schluss in der DDR ausgehalten und den unermüdlich die "Lust am Experiment" vorangetrieben hat: mit einer sprachlichen Brillanz, die Krumbholz beeindruckt. Der vorliegende Band stellt eine Auswahl von Prosaschriften quer durch die Jahrzehnte vor. Die jüngeren Texte seien melancholischer, stellt der Rezensent fest, doch Brauns ironische Skepsis sei von Anfang an spürbar, auch wenn sie sich nie gegen das utopische Potential selbst gerichtet habe. Der Mensch, nicht die Verhältnisse trügen für Braun Schuld am Misslingen der Utopie, seien verantwortlich für das 'Nichtgelebte' im eigenen Leben, zitiert Krumbholz den Dichter. Zwei typische Tendenzen der DDR-Gesellschaft: "die Entpolitisierung des einzelnen" und die "Entprivatisierung des Privaten", schreibt Krumbholz, ließen sich in Brauns Prosa gut nachvollziehen, die ausnahmsweise tatsächlich mal ein Lieblingswort der Kritiker verdiene: nämlich dass sie lakonisch sei.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 20.03.2002
Lothar Müller unterzieht die Prosa-Anthologie Volker Brauns einer eingehenden Analyse des Standorts. Im Gegensatz zum horizontalen Blick und zur Westbindung der jüngeren Autoren aus dem Osten und der älteren aus dem Westen wie Enzensberger, hätten sich die Querköpfe der DDR-Literatur wie Fühmann, Müller und Braun immer vertikal an der deutschen Literaturgeschichte von Kleist bis Brecht orientiert. So stehe bei Braun die Anekdote mit ihrem Humor anstelle von Experimenten mit short story und Ironie. In Volker Brauns Prosaauswahl aus vier Jahrzehnten ist für den Rezensenten zu erkennen, wie in der DDR die Literatur die Funktion der Presse übernommen hat. Dreh- und Angelpunkt der Prosa des Handwerkers, "der sein Werkzeug in Ordnung hält", sei der Satzbau. An ihm liest Müller auch die Zeichen des Verfalls ab. Als fulminant lobt der Rezensent den Text "Bodenloser Satz", in dem sich "das Aufbaupathos des Sozialismus gültig zum Abbruchunternehmen" verkehre. Es ärgert den Rezensenten, dass der Verlag gerade bei einem so in die Vergangenheit verstrickten Autor auf sämtliche Angaben zu Entstehungsort und Datum verzichtet hat.
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