Herausgegeben von Martin Kölbel und Ursula Marx. Umstritten war Benjamins Essay über Goethes berühmten Roman Die Wahlverwandtschaften von Beginn an: Manche hielten ihn für fesselnd, jedoch nur halb verständlich, andere würdigten das "beispiellose Eindringen ins Geheimnis". Bis heute fasziniert die denkerische Unerbittlichkeit in diesem Aufsatz, den Benjamin als "exemplarische Kritik" für sein eigenes Zeitschriftenprojekt Angelus Novus geplant hatte. Publiziert wurde er schließlich 1924/25 in den von Hugo von Hofmannsthal herausgegebenen Neuen Deutschen Beiträgen.Die im Rahmen der Kritischen Gesamtausgabe erscheinende Neuedition gewährt einen einzigartigen Einblick in Benjamins konzentrierte gedankliche und stilistische Arbeit. Erstmals sind sämtliche überlieferten, größtenteils unveröffentlichten Fassungen und Vorentwürfe versammelt. Sie werden im Kommentar vernetzt, der auch Benjamins eigenwilligen Umgang mit seinen Quellen nachvollziehbar macht sowie unbekannte Zeugnisse zur Publikation und Rezeption bietet. Somit liegen ein Jahrhundert nach der Erstpublikation endlich alle relevanten Dokumente zu diesem Gründungsdokument der Kulturwissenschaften vor.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2026
Rezensentin Sigrid Weigel liest Walter Benjamins Essay in Band 4 der von Martin Kölbel und Ursula Marx herausgegebenen Kritischen Gesamtausgabe mit nicht erlahmendem Interesse an diesem Autor, der laut Weigel wunderbarerweise gegen die Historisierung gefeit scheint. Den Band hält sie für eine editorische Meisterleistung, da die Herausgeber Benjamins Gedanken zu und entlang der "Wahlverwandtschaften" in der Druckfassung von 1924 sowie in verschiedenen Manuskripten und Entwürfen vorstellen und reich kommentieren, wie Weigel erklärt. Dem Leser ermöglicht das das Studium der Genese von Motiven und sich entfaktenden Fragen gleichermaßen, so die Rezensentin beeindruckt. Lesbar ist das Ganze auch noch, bei Benjamin keine Selbstverständlichkeit, stellt sie fest.
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