Walter Grasskamp findet 1981 im documenta-Archiv einen technisch schlecht gemachten Abzug, der zwei Studenten vor einem Kandinsky-Gemälde zeigt. Grasskamp veröffentlicht das Foto mit der Bildunterschrift: Die Fotografie ist die berufene Kunst, um die geschichtsnotorische Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen darzustellen, und ein einschlägiges Meisterstückchen ist diesem unbekannten Fotografen auf der documenta 2 gelungen. Als dieser stellt sich der damalige Werkakademie-Student Hans Haacke heraus. Grasskamp zählt die so genannten Fotonotizen zu einem Schlüsselwerk in dessen Oeuvre, da hier die Charakteristika seines Werks schon deutlich erkennbar sind: Skepsis, Kritik sowie ein spielerischer Ernst der Reflexion und ein unübersehbares Vergnügen an der Entlarvung fragwürdiger Ansprüche.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2011
Wie eine unbewusste Vorwegnahme seines späteren Wirkens kommt Julia Voss der kleine, feine Bildessay-Band von Hans Haacke vor. Dass es keinen großen Aufwand der Ausstattung braucht, um einen beglückenden Bildband zu machen, lernt sie so nebenher beim Anschauen der Fotos, die Haacke von der 2. Documenta 1959 gemacht hat, und beim Lesen der Begleitworte des Kunsthistorikers Walter Grasskamp. Durch das quasi ethnologische Bildmaterial, die Fotos von verblüfften bis ratlosen Besuchern, von Kinderwagen und Spazierstöcken, erfährt Voss nicht nur über das Erbe einer Zeit, als die Abstraktion nach Kassel kam wie ein außerirdisches Happening. Sie begegnet "institutional critique" avant la lettre, der Einsicht (manifestiert im Blick des jungen Haacke), dass Kunst eine Art Religion braucht, aber auch Sympathie für den Betrachter.
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