Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Wolfgang Schlüter. William Wordsworth (1770-1850) gehört zu den bedeutenden Lyrikern der Weltliteratur. Seine populäre Gedichtsammlung "Lyrical Ballads", 1798-1800, gilt als Manifest gegen eine klassizistisch erstarrte Dichtung und als Stiftungsurkunde der englischen Romantik. In seiner Heimat längst eine Institution wie Shakespeare und Dickens - jährlich pilgern Tausende zu seinen Wohnstätten im Lake District - wurde er mit seinem hinreißend abgründigen Werk hierzulande kaum bekannt. Diese Auswahl ist seine erste deutsche Anthologie in Buchform überhaupt. Woher rührt die rätselhafte Geringschätzung dieses Dichters bei uns? Der Übersetzer und Schriftsteller Wolfgang Schlüter geht in seinem Essay auch dieser Frage nach und stellt die schönsten Werke des Dichters vor, dessen poetisches Verfahren geradezu modern anmutet: Auf endlosen Wanderungen durch die englische Berg- und Seenwelt (aber auch durch Frankreich und Deutschland) akkumuliert er merkwürdige Begegnungen und malerische, auch unheimliche Landschaftseindrücke; das Gedicht aber entsteht nicht unmittelbar, sondern aus einem Akt der Erinnerung - recollected in tranquillity - als neue, bewusst geschaffene Emotion. Später nimmt seine Dichtung kritisch Kurs aufs Ungewisse der Moderne. Seine Schaffenszeit umschließt das Georgianische und das Viktorianische, umfasst Robespierre wie Disraeli, Ochsenkarren wie Dampfmaschine, Eremitagen wie Eisenbahngleise, Klosterkapellen wie Daguerreotypie.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 08.10.2011
Wordsworth - nie gelesen? Dass der Dichter im Deutschen so gut wie nicht existent ist, hält Jürgen Brocan eigentlich für einen Skandal. Umso mehr freut ihn diese zweisprachige Auswahl aus dem umfangreichen Werk von William Wordsworth, übersetzt, kommentiert und eingeführt von Wolfgang Schlüter, dessen flexible Handhabung des Blankverses, Eigenheiten und sprachliche Gratwanderung zwischen agilem und störrischem Klang Brocan für einen klaren Zugewinn hält. Und noch etwas muss Brocan bei dieser Gelegenheit loswerden: Wordworth war mitnichten ein Konservativer. Alles melancholische Besinnen auf Schönheit und historisches Erbe, klärt uns der Rezensent auf, sei nicht Schwärmerei, sondern Aufruhr und kritischer Kommentar, wie jener anlässlich eines Bettlers: "Doch nennt den Mann nicht nutzlos - Ihr Staatsmänner,/ die ihr so rastlos seid in eurer Weisheit ..."
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