Zehn Jahre nach dem Ende der DDR gibt der Volkskundler Wolfgang Jacobeit einen einfühlsamen Einblick in ein deutsches Forscherleben: Nach dem Krieg Student und Doktorand in Göttingen, siedelte Jacobeit nach seiner Habilitation in die DDR über, um eine Anstellung an der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin anzunehmen. Mit seiner Arbeit gilt er heute in vieler Hinsicht als ein Wegbereiter einer neuen Volkskunde, die sich heute zunehmend als Kulturwissenschaft darstellt. Seine autobiographischen Aufzeichnungen geben einen faszinierenden Einblick in das private wie wissenschaftliche Leben dieses "Grenzgängers".
Volker Ullrich hat dieses Buch offensichtlich mit einigem Gewinn gelesen und nutzt seine Rezension zunächst, um kurz auf die Lebensgeschichte Jacobeits, der 1956 in die DDR übersiedelte, wiederzugeben. Was an dieser Autobiografie vor allem deutlich wird, so Ullricht, ist, dass man im Wissenschaftsbetrieb der DDR auch ohne SED-Mitgliedschaft Karriere machen konnte. So hat es Jacobeit bis zum Direktor des Museums für Volkskunde gebracht, wie der Leser erfährt, und dabei auch zahlreiche Westkontakte pflegen können. Enttäuschung hört Ullrich bei Jacobeits Bewertung der Nachwendezeit heraus, wenn der Historiker die Neubesetzung zahlreicher Stellen durch westdeutsche Wissenschaftler beklagt, die "nicht immer zu den Leuchten ihres Fachs gehörten".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.02.2001
Wenn die Rezensentin Sonja Zekri von der Autobiografie auch nicht mitgerissen ist, gewinnt sie dennoch "tiefe Einblicke in ein Stück DDR-Wissenschaftsgeschichte". Diese Einblicke verdankt sie einem Mann, der sich aus freien Stücken und, wie die Rezensentin referiert, in Sorge um seine berufliche Existenz als Wissenschaftler im Westen in die DDR aufmachte, um dort als Kulturwissenschaftler zu unterrichten. Etwas distanzierter betrachtet die Rezensentin dann allerdings den letzten Teil der Autobiografie, worin der nunmehr achtzigjährige "Grenzgänger" Jacobeit nach Zekri mit "ungehaltener Verbitterung" über die Situation im vereinten Deutschland berichtet und sich über seine Westkollegen zu einseitig beklagt. Ein differenzierterer Blick wäre ihrer Meinung nach hier durchaus von einem Wissenschaftler zu verlangen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.01.2001
Die Autobiografie des volkskundlichen Wissenschaftlers Wolfgang Jacobeit, der in den 50er Jahren von West- nach Ostdeutschland zog, um dort seine wissenschaftliche Karriere verfolgen zu können, findet der Rezensent Tillmann Bendikowski ziemlich spannend. Das andere politische System war nicht das ausschlaggebende Motiv, und so schafft Jacobeit für Bendikowski mit seinem Buch einen "wichtigen Beitrag für das Verständnis der Westdeutschen für die untergegangene gesellschaftliche Realität in Ostdeutschland". Bendiokowski freut sich vor allem, dass Jacobeit seine Geschichte auch für die jüngeren Generationen spannend und nachvollziehbar erzählt. Auch biete die Autobiografie einen Einblick in die akademische Welt der DDR.
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