Jüdisches Leben in Deutschland heute - für die einen ein Paradoxon, für andere Zeichen der Hoffnung, für wieder andere schlicht unmöglich. Mit der Frage nach dem Selbstverständnis der Juden in Deutschland ist immer die Frage nach dem Verhältnis von deutschen Juden und Nichtjuden verknüpft, die Problematik des Umgangs mit der verbrecherischen nationalsozialistischen Vergangenheit und die Frage nach den Möglichkeiten einer "Normalisierung" in der Zukunft. In seinen in diesem Buch versammelten Analysen und Notizen beleuchtet Michal Bodemann streitbar und kritisch wesentliche Aspekte der "negativen Symbiose" (Dan Diner) jüdischer Existenz in Deutschland von den Schwierigkeiten der "displaced persons" in den Nachkriegsjahren und die deutsche Nicht-Vergangenheitsbewältigung über die Entwicklung der jüdischen Gemeinden, die Wandlungen in der deutschen Aufarbeitung der Geschichte bis zur Walser-Bubis Debatte und zu den Diskussionen um das Holocaust-Mahnmal in Berlin.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.02.2003
Der Soziologe Y. Michal Bodemann widmet sich in seinem Buch der jüdischen Eigenwahrnehmung und Rezeption jüdischen Lebens in der deutschen Öffentlichkeit. Dabei betrachtet er die Diskurse über Juden im deutschen Leben, in denen sich nach Bodemanns Beobachtung "früher oder später die 'Nichtanerkennung jüdischer Alterität' als Grundhaltung der Beteiligten" durchsetzt, erklärt Rezensent Thomas Meyer. Bodemann geht es seiner Meinung nach vor allem um die in Deutschland schwach ausgeprägte "Bereitschaft, Differenz und Andersheit zu akzeptieren, auszuhalten und als Ausgangspunkt für die Kommunikation zu nehmen". Zugleich unterstreiche er die Notwendigkeit eines jüdischen Selbstbewusstseins für einen produktiven Austausch mit Nichtjuden. Doch auch jenseits dieser Kernthese hält Bodemanns Arbeit nach Meinung des Rezensenten einige interessante Themen bereit: "Herlinde Koelbls Bilder jüdischer Emigranten werden ebenso neu gelesen, wie die 'jüdische Ikonographie in Deutschland'".
Für wohltuende Interventionen hält Micha Brumlik die Essays des deutsch-kanadischen Soziologen Y. Michal Bodemann, der auch in diesem Band seinen skeptischen Blick auf die deutsch-jüdische Versöhnung richtet: auf die Ungleichbehandlung von Juden und anderen ethnischen Minderheiten in Deutschland, die Walser-Bubis-Debatte, die Debatte um die Amerikanisierung des Holocaust oder die jüdische Ikonografie in Deutschland. Zwar hat Brumlik einige Einwände gegen bestimmt Thesen, und manchmal sieht er in Bodemann auch den Moralisten mit dem Soziologen durchgehen - etwa wenn er den linksliberalen Juristen Ulrich K. Preuß mit dem völkischen Werner Sombart über einen Kamm schert oder wenn er die "Anerkennung des Ethnos" als politische Größe fordert. Dennoch lobt er Bodemanns Notizen als notwendig, scharfsinnig und durchaus in der Lage, "das Juste milieu unserer etablierten Erinnerungskultur heilsam aufstören können".
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