Aus dem Französischen von Jutta Himmelreich. Eben noch tanzt sie mit ihrer Mutter zu einem mitreißenden Ragtimestück durchs Wohnzimmer, dann wechselt sie plötzlich den Rhythmus und tanzt Voodoo, bis der Vater sie wütend ohrfeigt: Alice Bienaime ist die wohlbehütete Tochter einer haitianischen Familie, die sich seit der Sklavenbefreiung 1804 von Generation zu Generation zum Mittelstand hochgearbeitet hat, als Vorbild immer die Kultur und den Gott der Weißen vor Augen. Auch Alice soll dank einer guten Bildung und vielleicht gar einer Heirat mit einem Weißen sozial weiter aufsteigen. Aber die Zeiten ändern sich: Nicht mehr alle sind bereit, die eigenen kulturellen Wurzeln zu verleugnen. Trotz Strafen lebt die Kultur der afrikanischen Ahnen, die als Sklaven nach Haiti kamen, im Verborgenen weiter. Auch Alice kann und will sich diesem Einfluss nicht entziehen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 03.11.2004
Sehr eingenommen zeigt sich Rezensentin Bernadette Conrad von diesem Romandebüt der Haitianerin Yanick Lahens, der die Geschichte eines Mädchens erzählt, das - hin- und hergerissen zwischen den Welten ihres Vaters und ihrer Mutter eine eigene Identität sucht. Sie findet sie im Tanz, der die "Einheit von Ekstase, Schmerz, Wut und Scham" kennt, und in der Sprache, und letztere ist es auch, die die Rezensentin am stärksten beeindruckt hat. Dicht ist sie, bildhaft und poetisch und dabei auch knapp: "Lahens' Sprache will nicht nur überdacht, sondern auch genossen werden."
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