Yoko Ogawa

Insel der verlorenen Erinnerung

Roman
Cover: Insel der verlorenen Erinnerung
Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München 2020
ISBN 9783954381227
Gebunden, 352 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. Auf einer Insel, nicht weit vom Festland entfernt, prägen sonderbare Ereignisse das Leben. In regelmäßigen Abständen verschwinden Dinge, und zwar für immer. Zunächst sind es Hüte, dann alle Vögel, später die Fähre. Bald gibt es keine Haarbänder mehr und keine Rosen … Die Bewohner haben sich damit abgefunden, dass auch ihre Erinnerung immer weiter verblasst. Nur einige wenige können nichts vergessen. Deshalb werden sie von der Erinnerungspolizei verfolgt, die dafür Sorge trägt, dass alle verschwundenen Dinge auch verschwunden bleiben, nicht nur im alltäglichen Leben, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Als eine junge Schriftstellerin herausfindet, dass ihr Verleger Gefahr läuft, von der Erinnerungspolizei festgenommen zu werden, beschließt sie, ihm zu helfen - auch wenn sie damit ihr Leben riskiert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2020

Rezensent Steffen Gnam liest Yoko Ogawas Romandystopie um einen totalitären Staat, der seinen Bürger unter Strafe die Erinnerung verbietet, und eine Schriftstellerin und ihren Lektor, die sich dagegen stemmen, als Plädoyer für die subversive Kraft der Literatur. Die Darstellung von Erinnerungspolizisten und "kafkaesken Behörden" gemahnt Gnam an den Nationalsozialismus wie an die chinesische Kulturrevolution. Ein immens politischer Text, findet Gnam.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.11.2020

Als einen mit allzu bekannten Motiven aufgeladene, "aggressiv verniedlichte Version" des Blicks auf die Vergangenheit beurteilt Lea Schneider diesen inzwischen weltweit gefeierten Roman. Auch Haruki Murakami gehört, so klärt uns die Kritikerin auf, wie diese Autorin zu jenen Schriftstellern der japanischen "Moratoriumsliteratur", die sich auszeichnen durch eine Szenerie des permanenten Aufschubs vor dem Erwachsenwerden. Das Genre des dystopischen Romans verlangt zudem nach der Parabel, die an bestimmte Elemente gebunden ist, etwa "wenige Figuren", bestimmte aufgeladene Objekte und eine kleinstmögliche Konkretion in Sachen Zeit- und Ort. Dass der Roman mit seinem simplen Stil und seiner vorhersehbaren Handlung derart erfolgreich sein kann, liegt in Schneiders Augen vielleicht auch daran, dass der Vorzug hier immer allem Handwerklichen gilt und das Internet schon erst recht nicht vorkommt. Die Rezensentin bezweifelt, dass diese "Pseudo-Allegorie" irgendeinen Reflexionswert hat für eine drohende digitale Autokratie, wie es für den Roman etwa von der New York Times in Anspruch genommen wurde.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.09.2020

In einer Welt, in der zunehmend Gegenstände verschwinden und die Menschen auch den Erinnerungen an sie beraubt werden, ist Literatur ein unschätzbares Gut, sinniert Rezensentin Elke Brühns nach der Lektüre dieses dystopischen Romans. Das Buch ist für sie schon im Hier und Jetzt ein Meisterwerk: Weil die Löschungen von der anonymen Regierung einer namenlosen Insel vorgenommen werden und Personen, die sich dennoch erinnern können, von ihr verfolgt werden, kann die Autorin Diktaturerfahrungen spiegeln, ohne ihr Werk historisch zu verorten, erklärt die Kritikerin. So gelingt Brühns zufolge eine grandiose Verknüpfung von poetischer Literaturreflexion und Kritik an politischer Gewaltherrschaft.


Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 23.09.2020

Rezensent Peter Urban-Halle kennt und schätzt die japanische Autorin Yoko Ogawa als Erzählerin, deren Schreiben um Freiheit und Erneuerung kreise. Mit der "Insel der verlorenenen Erinnerung" reiht sie sich in die Gruppe negativer Utopisten ein, stellt Urban-Halle fest: Der Roman erzählt von einer Schriftstellerin, die gegen ein Regime des Vergessens ankämpft, dessen Erinnerungspolizei bereits ihre Mutter abgeholt hat und nun auch ihren Lektor bedroht. Erschütternd findet Rezensent Urban-Halle den Roman, auch wegen des sachlichen Stils der Autorin.

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