Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2020 - Kunst

In der FAZ beklagt Stefan Trinks nach dem Raub von Vincent van Goghs "Frühlingsgarten" aus dem Museum Singer Laren den immensen künstlerischen Verlust, bemerkt aber auch, dass Einsparungen beim Personal den Dieben die Arbeit erleichtert hat: "Man müsste für die vielen coronabedingt freigesetzten, weil stundenweise bezahlten Museumswärter und Kräfte fordern, dass sie als Wachpersonal eingesetzt werden. Das aber ist unrealistisch, weil durch das fortgeschrittene Outsourcing der Museen die Nachtwächter meist privaten Securityfirmen angehören und nichts mit den übrigen Museumsangestellten zu tun haben."
Stichwörter: Gogh, Vincent van

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2020 - Kunst

Die Künstler und Künstlerinnen, die einst in Münster Timm Ulrichs Akademieklasse in Münster besuchten, zeigen was sie gelernt haben: Sie schenken ihrem ehemaligen Prof zum Achtzigsten noch mehr Unterricht, wie Franjo Tholen und Ute Sroka im Namen aller Beteiligten in der taz schreiben: "Symbolisch erhält Timm Ulrichs eine junge, mobile Klasse. Real befindet sich deren Klassenzimmer auf einem Marktplatz in Benin, wo mit finanzieller Unterstützung der Münsteraner Klasse Mädchen die Chance geboten wird, parallel zu ihrer Arbeit Bildung zu erfahren und sich ihnen damit neue Perspektiven eröffnen." In der FAZ gratuliert Stefan Trinks dem Künstler - als Ein-Mann-Avantgarde, Galeristenschreck und Käthe-Kollwitz-Preisträger.

Weiteres: Unter anderem der Tagesspiegel meldet, dass Kunstdiebe in den Niederlanden die angespannte Lage zu nutzen wussten: Aus dem Museum Singer Laren bei Amsterdam ist Vincent van Goghs Bild "Frühlingsgarten. Der Pfarrgarten von Nuenen" gestohlen wurde. Die Leipziger Künstlergruppe Famed berichtet in einem E-Mail-Interview, wie sie unter Quarantäne ihr Stipendienprogramm in der Villa Massimo in Rom absolvieren.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.03.2020 - Kunst

Johannes Itten: Komposition in Blau, 1918, Kunstforum Bielefeld

Erst hat sich das Bauhausjahr um eine umfassende Auseinandersetzung mit Johannes Ittens Esoterik gedrückt, jetzt musste das Kunstforum Hermann Stenner in Bielefeld seine kritische Schau schließen, seufzt Bettina Maria Brosowsky bedauernd in der taz. Dabei hätte sie sehr schön gezeigt, wie Itten einem Ideal höchster Subjektivität anhing, das ihm zum Verhängnis wurde: "Er dynamisiert das Zeichnen, lässt seine Studierenden etwa Skizzen eines sich bewegenden Aktes als reine Hand-Arm-Bewegungen oder mit geschlossenen Augen ausführen: Wirkungsformen, Gefühlsstenogramme. Er erkennt unterschiedliche Künstlertypen in der Atmung - 'rembrandtisch, giottonisch' -, erweitert die Lehreinheiten um Gymnastik und Atemübungen. Itten will den Menschen aus der anerzogenen Form befreien, die erschreckend armselig sei, und sucht den Reichtum höchster Subjektivität. In Wien konfrontiert er seine Studierenden wie später am Bauhaus mit Spinnen oder der Distel: von ihr mussten sie sich stechen lassen, um das Schmerzhafte, Aggressive zu erspüren, ihre Form zu 'erleben' - die Synästhesie im Dienste künstlerischen Schaffens."

Weitere Artikel: Harvey Weinstein hätte sich die Tizian-Ausstellung "Love, Desire, Death" in der National Gallery in London nicht schöner wünschen können, spottet Michael Glover auf Hyperallergic. Sie versammelt alle sechs Gemälde des "Poesie"-Zyklus, der "Vergewaltigung, Gewalt und die Wildheit des Mannes" feiere. In der SZ betrachtet Thomas Steineld, wie die Florentiner Uffizien online über ihre wahrscheinlich noch Monate anhaltende Schließung hinwegtrösten, etwa mit dem Hashtag #UffiziDecameron. Ingeborg Ruthe resümiert in der FR, wie sich der Kunstmarkt ins Netz verlegt. Der Guardian bringt eine schöne Bilderstrecke mit den Fotos der Woche.

Besprochen werden die Steve-McQueen-Schau in der Tate Modern (taz) und eine Schau zu Lucian Freuds Selbstporträts im Museum of Fine Arts in Boston (FAZ).
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Stichwörter: Itten, Johannes, Bauhaus

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2020 - Kunst

Anthony van Dyck, Saint Rosalie Interceding for the Plague-stricken of Palermo 1624, Met Museum


New-York-Times-Kritiker müsste man sein, dann darf man auch allein ins Museum. Das New Yorker Metropolitan Museum hat für Jason Farago aufgeschlossen, der sich vor Anthony van Dycks Heilige Rosalie setzt, die 1624 Palermo vor der Pest gerettet haben soll - oder vielmehr ihre sterblichen Überreste, die von den Gläubigen durch die Stadt getragen wurden. Es war gar nicht so leicht, die Frau auf dem Bild als Heilige Rosalie auszumachen, weil sie keine bekannten Insignien trägt, erklärt Farago. "Unser flämischer Emporkömmling musste daher eine Ikonografie für die Frau erfinden, die die Epidemie stoppte. Van Dyck beschloss, Rosalia als eine junge Frau mit langen, blonden, aufgebauschten Haaren, erröteten Wangen und großen, ekstatischen Augen darzustellen. Unter ihr, energisch skizziert in einer verwaschenen Palette von Ocker und Grün, liegt der Hafen von Palermo, und im Hintergrund der Monte Pellegrino, der Hügel, auf dem ihre Reliquien gefunden wurden. ... Nach einer Quarantäne, die seine internationale Karriere beendete, und nachdem er eine Epidemie überlebt hatte, die ihn das Leben hätte kosten können, schuf van Dyck in Palermo eine Inkarnation der Wohltätigkeit im Chaos. Die Plagen sind zufällig. Sie sind erbarmungslos. Sie sind, wie ich jetzt erfahre, für ihre ungewisse Dauer am schrecklichsten. Doch Rosalia, die wie ein Heißluftballon über Sizilien schwebt, verspricht, dass der Schrecken der Epidemie schließlich verschwinden und die Schönheit zurückkehren wird."

Der Fotograf Wolfgang Tillmans hat am Kunstmuseum Basel eine Leuchtbotschaft angebracht, die um Abstand bittet, meldet monopol: "Du schützt mich - Ich schütze dich - Zwei Meter - Zweihundert - Sechs Fuß - Zwei Armlängen - Haltet Abstand" und dann nochmal auf Englisch. Ein Museum, das um Abstand bittet. Man möchte schon weinen (nicht wegen Tillmans, sondern wegen der Situation, versteht sich).

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Weitere Artikel: Auf Hyperallergic stellt Golnar Yarmohammad Touski das amerikanisch-iranische Projekt "The Other Apartment" von Jon Rubin und Sohrab Kashani vor. Wenig Solidarität zeigen offenbar derzeit amerikanische Museen mit ihren freien Mitarbeitern, meldet Hyperallergic (hier und hier): So hat das Moca in Los Angeles seine Teilzeitkräfte - immerhin die Hälfte der Belegschaft - entlassen und das Guggenheim scheint verabredete Arbeiten, die jetzt wegen Corona ausfallen, nicht bezahlen zu wollen. Marco Stahlhut stellt in der FAZ die indonesische Peformancekünstlerin Melati Suryodarmo vor. Stefan Trinks streift für die FAZ lustlos durch die üppigen Digitalangebote der Museen und seufzt: "Die Aura leibhaftig gesehener Kunstwerke ist durch nichts zu ersetzen". Catrin Lorch (SZ) bittet dagegen zu differenzieren: Manches sei ausgezeichnet fürs Internet geeignet, zum Beispiel die Surrealismus-Ausstellung "Fantastische Frauen" in der Frankfurter Schirn, die die internationale Vernetzung der Künstlerinnen beschreibt und sich im Netz sehr schön nachverfolgen lässt. Und Monopol gibt sieben Streamingtipps für Kunstfilme und -serien am Wochenende. Besprochen wird die - jetzt natürlich still gelegte - Ausstellung "Paris 1930. Fotografie der Avantgarde" in den Kunstsammlungen Chemnitz (Welt).
Stichwörter: Epidemien

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2020 - Kunst

In der FR gratuliert Ingeborg Ruthe dem Künstler Daniel Spoerri zum Neunzigsten: "Auch das zählt zu den Zumutungen dieser Tage: Da wird ein weltberühmter Künstler 90, aber er kann nicht mit Familie, Freunden und Gefährten feiern. ... Und so wird dieser Geburtstag am heutigen Freitag wohl eine Telefon-Party." Für die taz unterhält sich Sebastian Strenger mit dem Künstler. In der FAZ gratuliert Rose-Maria Gropp.

Außerdem: "Derzeit wird jeder Künstler, der in den letzten Jahren irgendwann einmal mit Klopapier gearbeitet hat, als Prophet gehandelt", notiert Stefan Trinks angesichts leerer Drogerieregale grimmig in der FAZ. Die Art Basel soll vom Juni auf den September verschoben werden, meldet Philipp Meier in der NZZ. Besprochen wird die Gruppenausstellung "2050 - Nature Morte, Kunst zum Klimawandel" im und um den Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2020 - Kunst

Auch den Bildenden Künstlern geht es derzeit schlecht, meldet der Tagesspiegel: "Laut einer Umfrage des Berufsverbands bildender Künstler*innen (BBK) sind die finanziellen Auswirkungen der Corona-Epidemie auf die Bildende Kunst verheerend. Mehr als die Hälfte der Befragten verlieren laut Umfrage mehr als 75 Prozent ihres monatlichen Einkommens, ein Viertel gab an, mehr als 2.000 Euro ihres Einkommens in den kommenden vier Wochen zu verlieren." In der Berliner Zeitung berichtet Ingeborg Ruthe über die Auswirkungen auf den Kunsthandel.

In der SZ schlackern Till Briegleb die Ohren angesichts der "unbürokratischen Hilfe", die der Staat Kleinbetrieben und Freien, also auch Künstlern, zur Verfügung stellen will: "Eine Anfrage beim Jobcenter nach 'Grundsicherung', die von den Behörden gerade als Allzweckwaffe beworbene Sozialhilfe für Selbständige in Not, wird von dort schnell und unbürokratisch beantwortet mit zwei computergenerierten Mails. Darin enthalten sind 20 Dokumente mit zusammen 60 Seiten. Auf den ersten beiden Checklisten werden zu 44 Stichpunkten mindestens 113 Dokumente aufgelistet, die als Nachweis der existenziellen Not vorzulegen sind, von Einnahme-Überschuss-Rechnung der letzten zwölf Monate über Nachweis der letzten Mietänderung, alle Kontoauszüge der in einem Haushalt lebenden Personen des letzten halben Jahres bis zu rätselhaften 'Sperrzeitbescheiden' oder 'Nachweis KIZ'."

In einem Brief aus Polen für die Berliner Zeitung erzählt Jan Opielka, dass die polnischen Künstler noch schlechter darstehen als die deutschen: "'In der Theaterbranche haben etwa 80 Prozent der Künstler keinen Festvertrag', sagt Izabela Kuzyszyn vom Verband der Künstler Polnischer Bühnen (ZSAP) im Gespräch. Auch wenn es nun im Rahmen eines Rettungsschirms eine einmalige Zulage vom Staat geben soll, sieht Kuzyszyn vor allem für die Kulturszene außerhalb Warschaus massive Probleme kommen. Doch auch einen Hoffnungsschimmer. 'Künstlerinnen und Künstler zeichnen sich in der Regel durch einen kreativeren Umgang mit der Realität aus, und ich denke, dass viele von ihnen in dieser Krise besser zurecht kommen als Menschen anderer Berufe.'"

Weiteres: Kuratorin Angela Lammert wandert für den Tagesspiegel in der Berliner Akademie der Künste durch ihre John-Heartfield-Ausstellung, die jetzt nicht eröffnet werden kann: "Dass wir die Ausstellung absagen mussten, war ein Schock, den wir erst einmal verdauen mussten. Für uns Mitarbeiter hat die Situation aber auch etwas Gutes: Wir haben John Heartfield nun länger für uns." Besprochen wird die Käthe Kruses Wortschau "Ich sehe", die sich tazlerin Brigitte Werneburg durch die Schaufenster der Galerie Nord anschaut.
Stichwörter: Epidemien

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2020 - Kunst

Auf Hyperallergic meldet Jasmin Weber, dass das San Francisco Art Institute, die sehr angesehene Kunsthochschule, endgültig schließen muss, offenbar war die Finanzlage auch vor der Corona-Krise schon recht angeschlagen. FAZ-Kritikerin Rose-Maria Gropp besichtigt mit einem virtuellen Rundgang die Rembrandt-Schau um sein "Selbstporträt mit Hut und zwei Ketten" des Museums Thyssen-Bornemisza. Dorothea Marcus berichtet in der taz, wie das Kölner Künstler-Duo raum13 um den Erhalt seines Quartiers in den alten Deutzer Motorenwerken kämpft, aus dem Investoren sie rauswerfen wollen.
Stichwörter: Corona-Krise, Corona

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.03.2020 - Kunst

Ziemlich begeistert berichtet Karen Krüger in der FAZ aus Mailand, wie dort die Pinakothek Brera mit den Appunti per una resistenza culturale gegen "Panik, Traurigkeit und Sorgen" antritt: Sie stellt online auf Videos die Schätze ihrer Sammlung vor: "Das Faszinierende: Auf einmal sieht man die Gesichter hinter den Kulissen des Museums, die dem Besucher normalerweise verborgen bleiben. Obwohl ein realer Besuch gerade in weiter Ferne liegt, stellt diese persönliche Öffnung eine Nähe zum Museum her, wie man sie zuvor nicht kannte. Das Gleiche gilt für die übrigen italienischen Institutionen, die jetzt mit einem Sonderprogramm auf die Krise reagieren. Das Angebot ist reich und vieles noch in Arbeit. #UffiziDecameron ist der Hashtag, unter dem die Uffizien in Florenz der Krise begegnen."

Im Standard möchte Albertina-Direktor Klaus Schröder überhaupt keine Chance in der Krise sehen, solche Reden brandmarkt er als reine Beschönigung. Er rechnet mit Einnahmeausfällen von fünfzig Prozent für das Jahr und kann einer neuen Bescheidenheit nichts abgewinnen: "Sind 200.000 Besucher glücklicher, wenn sie Matisse oder van Gogh nicht sehen können? Wenn sie nicht mit einer Monet-Ausstellung belästigt werden? Ohne den entsprechenden Besucherrückhalt finden diese Ausstellungen auch für Österreicher nicht statt, weil sie nicht finanzierbar sind."

Weiteres: In der FR meldet Ingeborg Ruthe, dass Verpackungskünstler Christo im Herbst den Pariser Arc de Triomphe verhüllen will: Die Vorbereitungen laufen unverdrossen. Franz Zelger feiert in der NZZ die neu eröffnete und wieder geschlossene Dresdner Gemäldegalerie.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2020 - Kunst

Domenico Gargiulo: Die Piazza Mercatello in Neapel während der Pest, 1656

Auf Hyperallergic betrachtet David Carrier die großen Pest-Gemälde von Nicolas Poussin oder Domenico Gargiulo. Unübertroffen findet er Gargiulos Pestgemälde von 1656, es imaginiert die Epidemie, die mehr als die Hälfte von Neapels  Bevölkerung tötete, damals die größte Stadt Italiens: "Largo Mercatello ist der große Marktplatz, der heute Piazza Dante heißt. Im Hintergrund sehen wir die Stadtmauer, die zerstört wurde, als dieses Quartier Mitte des 18. Jahrhunderts neu gebaut wurde. Die Toten wurden kurz außerhalb der Stadt beerdigt. Wir blicken von weit oben und aus größerer Entfernung als bei Poussin auf die Figuren, die Toten sind hoch gestapelt, niemand führt ein Kommando. Während Poussins Figuren agieren wie in einer kunsthistorischen Aufführung oder in einer Tragödie, herrscht hier reines Chaos. Die Szenerie eines Massenbegräbnis ist Schrecken erregend, doch im Himmel, über dem Vesuv, sieht man Gott, den Vater, der trotz des flehenden Jesu noch nicht eingeschritten ist."

Edward Hopper: Shakespeare at Dusk". Bild: Sotheby's

Edward Hopper
scheint mit seinen Bildern der Leere der Maler der Stunde zu sein, räumt in der FAZ Stefan Trinks ein, der die Ausstellung in der Fondation Beyerle Basel noch hat sehen können. Menschen interessierten den Maler, der seine Ausbildung in Paris als Spätimpressionist begonnen hatte, tatsächlich wenig. Geradezu überwältigend lakonisch findet Trinks das Bild "Shakespeare at Dusk", das ein Denkmal des Dichters im menschenleeren Manhattan zeigt: "Vorrangig geht es dem Maler um das Flanieren des Sonnenlichts in der Dämmerung. Es kann frei über die Wege strömen, diese wärmen, muss keine Umwege nehmen oder gar gehetzt den Platz querenden Passanten, die des Lichtes gar nicht gewahr werden, Schatten verleihen. Hopper übersetzt Caillebottes berühmte regennass-lichtspiegelnde Straßenkreuzung in seine Malerei und lässt einfach die Personen weg. Wie er es in Frankreich gelernt hat, ist Hopper ein verschwiegener Verbündeter des Lichts in der Moderne. Das lässt ihn zeitlos werden, nicht aber harmlos."

Im Tagesspiegel beschreibt Nicola Kuhn, wie erfinderische die deutschen Museen nun werden, da sie ihr Publikum vermissen, wie etwa Yilmaz Dziewior, der Direktor des Kölner Museums Ludwig, bekannte. Und siehe da, plötzlich tut sich was: "Bis vor Kurzem schlummerten die Hinweise auf Youtube-Kanal, Zusatzinfos und VR-Anwendungen bei den Staatlichen Museen noch in den Tiefen der Websites, sie waren eher ein Anhängsel des Angebots. Vorne im Licht standen die aktuellen Ausstellungen. Das hat sich gründlich geändert. Unter dem Hinweis auf die Schließung wegen Corona ploppen nun Empfehlungen für virtuelle Rundgänge und die digitale Sammlung auf."

Besprochen werden eine Ausstellung des Ruhrgebietsfotografen Laurenz Berges, die statt im Josef Albers Museum Quadrat in Botrop nunmehr im Katalog besichtigt werden kann (taz), die ebenfalls geschlossene Schau des deutsch-französischen Künstlers Wols im Centre Pompidou (FAZ) und eine möglicherweise imposante Tizian-Schau in der Scottish National Gallery in Edinburgh (Observer).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.03.2020 - Kunst

Konrad Rufus Müller hat von Adenauer bis Merkel alle deutschen Kanzler porträtiert, nun feiert er seinen achtzigsten Geburtstag und Freddy Langer ist für die FAZ nach Königswinter gefahren, um sich von Müller private Aufnahmen jenseits der großen Porträts zeigen zu lassen: "Ein Panoptikum, in dem sich eine Künstlerseele Bahn gebrochen hat, vielleicht als Ausgleich zu den Gesichtern, vielleicht sogar im Trotz dagegen. Das Auge einer Kuh, die Blüte einer Tulpe, ein Stillleben mit Zwiebel, zart in hellstem Lichte eine nackte Frau, von der er verrät, es sei Ingrid Steeger, zu einer Zeit, als sie noch Sekretärin war, dann die Kreidefelsen von Rügen oder im Licht des Vollmonds eine verschneite Alpenlandschaft - und schließlich missgestaltete Föten aus der pathologisch-anatomischen Sammlung der Charité. Bizarre Wesen wie aus dem Fundus des Hieronymus Bosch, aber wie in Demut von einem Schleier blassen Lichts ummantelt. Und dann begreift man, worum es Konrad Rufus Müller in all seinen Arbeiten gegangen ist: um Momente, in denen Schönheit, Klarheit und Wahrheit zur Deckung kommen."

In der taz porträtiert Tigran Petrosyan die georgische Künstlerin Lia Ukleba, die mit ihren Arbeiten gegen die patriarchalen Strukturen und die Homophobie, vor allem in der georgisch-orthodoxen Kirche in ihrer Heimat protestiert: "Immer wieder kommt es in der georgischen Hauptstadt Tiflis zu Zusammenstößen bei der jährlichen Kundgebung zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie, wobei es die Kirche ist, die LGBTI-feindliche Stimmungen schürt, und Priester tausende Gegendemonstranten anführen und Steine auf die LGBTI-Aktivisten werfen. Das Thema stellt Ukleba in einem anderen Bild vor: 'Tango' heißt die Malerei, die einen Polizisten und einen Priester eng umschlungen beim Tanz zeigt."

Um Sammlungen diverser zu gestalten, sollten Museen beginnen zu "entsammeln", fordert die Kunsthistorikerin Julia Pelta Feldmann im Dlf-Kultur-Gespräch mit Max Oppel: Einfach einen Warhol oder Rothko teuer verkaufen und dafür marginalisierte KünstlerInnen einkaufen, schlägt sie vor. Franciska Zólyom, Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, sieht das ähnlich: "Wir brauchen radikale Museumsmodelle', sagt Franciska Zólyom. Die Geschichte der Museen selbst sei eine Geschichte, die sehr stark verwoben sei mit der Geschichte der Eroberungsfahrten, der Unterwerfung von Bevölkerungen und Kulturen - mit dem Phänomen der Repräsentation: 'Ich beschreibe andere und schaffe dadurch Hierarchien. Ich lege Werte fest und schließe damit andere Werte aus.'"

Weitere Artikel: Jens Hinrichsen hat sich im Monopol-Magazin mit Julia Voss getroffen, die nicht nur eine Biografie über Hilma af Klint verfasst, sondern auch eine Ausstellung in der Villa Grisebach kuratiert hat: "Neben einigen bislang nie gezeigten Werken af Klints sind bei Grisebach auch Bleistiftzeichnungen von Frauen ausgestellt, die um 1900 in spirituellen Zirkeln entstanden sind."  Im Tagesspiegel blicken Christiane Meixner und Birgit Rieger einen Blick auf die aktuelle Lage im Berliner Kunstmarkt: Die Galerien schließen und stellen ihre Ausstellungen online, fast alle Messen sollen in der zweiten Jahreshälfte nachgeholt werden. Auf Hyperallergic stellt Valentina Di Liscia KünstlerInnen vor, die bedeutende Werke in der Isolation schufen. Im Dlf-Kultur spricht Britta Bürger mit dem Schweizer Fotografen Beat Presser.