Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2019 - Kunst

László Moholy-Nagy und Lucia Moholy: László und Lucia, um 1922, Musuem Ludwig / Rheinisches Bildarchiv Köln

Als überfällige Wiedergutmachung bewertet Gürsoy Doğtaş in der SZ die Ausstellung "Lucia Moholy", mit der das Kölner Museum Ludwig die Ehefrau von Laszlo Moholy-Nagy endlich auch als eigenständige Fotografin würdigt: "Tatsächlich wurde Lucia Moholys Anteil an den Porträts, Architektur- und Objektfotografien des Bauhauses lange missachtet. Während ihre ikonischen Fotos weltberühmt und unerlässlich für die Dokumentation des Bauhauses waren, blieb die Künstlerin unbekannt. Die Schau versammelt jetzt einige ihrer fein austarierten, sachlichen und gestochen scharfen Aufnahmen, darunter solche vom nordöstlichen Werkstattflügel des Bauhauses in Dessau kurz nach seiner Fertigstellung im Jahr 1926 oder aber der Meisterhäuser aus der Vogelperspektive."

Katharina Rustler fragt im Standard, wie klimafreundlich Klimakunst sein kann, für die ein 35 Tonnen schwerer Eisblock aus der Arktis in die Londoner Tate transportiert wird (Ólafur Elíasson) oder Weizenfelder um die ganze Welt reisen (Agnes Denes): "Mit dem Vorwurf der Doppelmoral werden Kunsteinrichtungen zunehmend konfrontiert. Denn politisch aufzuschreien, dies aber nicht nachhaltig zu tun, hinterlässt schnell einen bitteren Beigeschmack der Scheinheiligkeit: Gilt die Kunstbranche mit ihren riesigen Ausstellungshäusern, dem damit verbundenen hohen Energieverbrauch, den aufwendigen Kunsttransporten und zahlreichen internationalen Flugreisen zu Kunstmessen nach Miami, zu italienischen Biennalen und kurzen Galeriewochenenden in Berlin nicht selbst als extremer Klimafeind?"

Besprochen werden eine Schau des Malers Pieter de Hooch im Museum Prinsenhof in Delft (FAZ) und eine Schau über den Nazi-Kunsthändler Wolfgang Gurlitt im Lentos Kunstmuseum in Linz (über deren unkritische Herangehensweise sich Olga Kronsteiner im Standard sehr ärgert).
Stichwörter: Moholy, Lucia, Klimakunst

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2019 - Kunst

Der Brasilianer Sebastiao Salgado erhält dieses Jahr als erstes Fotograf den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels - für sein fotografisches Werk ebenso wie für seinen ökologischen Aktivismus. Im SZ-Interview mit Alex Rühle warnt er unter anderem vor den Amazonas-Zerstörungen: "Jair Bolsonaro wurde vor allem von zwei Gruppen gewählt: den Farmern. Und den Evangelikalen. Beide wollen den Amazonas vernichten. Die mächtigen Großfarmer lechzen nach dem Boden. Die Evangelikalen wollen die Seelen der letzten 'Wilden' retten, sie missionieren um jeden Preis und zerstören so all diese Kulturen. Wenn es nicht eine globale Koalition gibt, die Bolsonaro in den Arm fällt, wird der größte Teil Amazoniens bald zerstört sein. 20 Prozent sind ja bereits verschwunden."

Weiteres: Anlässlich der großen Hans-Hartung-Retrospektive, mit der das Musée d'Art Moderne nach der Renovierung wiedereröffnet, porträtiert Bettina Wohlfarth in der FAZ den deutsch-französischen Maler: "Hartung ist von Anfang an ein Künstler der Bewegung, der die intuitive, emotionale Malgeste kultiviert und Farbfelder mit oft schwarzen, kalligraphischen Motiven in Dialog setzt."

Besprochen wird: eine Gerwald-Rockenschaub-Ausstellung in der Galerie Mehdi Chouakri (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Eine bessere Welt - unbedingt!" im Berliner Willy-Brandt-Haus, das Fotografien aus der Sammlung Horbach zeigt, darunter Werke von Sebastiao Salgado (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2019 - Kunst

Robin Rhode. "Paradise" 2016.
Im Tagesspiegel staunt Nicola Kuhn, dass der in Berlin lebende südafrikanische Künstler Robin Rhode bisher kaum gewürdigt wurde. Zum Glück widmet die Kunsthalle Wolfsburg Rhode jetzt eine große Retrospektive, meint Kuhn, die hier auch jene Werke entdeckt, die Rhodes gemeinsam mit Jugendlichen aus südafrikanischen Townships schuf: "Seine 'Kunstarmee', wie er sie nennt, half ihm die jüngsten, ungeheuer farbfreudigen Wandbilder zu realisieren, in denen nach den spielerischen, dann politisch aufgeladenen Motiven die klassische Moderne eine Rolle zu spielt. Josef Albers hätte es sich wohl nicht träumen lassen, dass seine sonnengelben, orangenen Quadrate einmal auf einer Wand in einem südafrikanischen Brennpunktviertel zitiert werden würden. Sol LeWitt dürfte ebenso wenig damit gerechnet haben, dass sein Minimalismus als Addition grasgrüner Dreiecke dort ebenfalls wiederkehren würde, die allen Ernstes ein Performer mit einem Rasenmäher zu stutzen versucht.

Überwältigt kehrt auch Gürsay Dogtas in der SZ aus der großen Lee-Krasner-Retrospektive in der Frankfurter Schirn (Unsere Resümees) zurück, die ihr die "vibrierende" Kraft der amerikanischen Malerin ebenso vor Auge führt wie die "Nüchternheit", mit der sich Krasner den "chauvinistischen Gesten" ihrer männlichen Kollegen des abstrakten Expressionismus widersetzte. Etwa in ihrer Serie "Little Images" aus den Jahren 1946 bis 1950: "Zwischen ihnen hängt ihr 'Abstract No. 2' (1946 bis 1948): Irisierende Farben flimmern durch ein schwarzes Netz, wie die Aufnahme eines Weltraumteleskops, das eine fernen Galaxie durch dunkle Nebel aus interstellarer Materie hindurch fassen will. Dabei hat Krasner beim Malen dieses Zyklus aber nicht zu den Sternen geschaut, sondern sich tief über die Leinwand gebeugt, die auf dem Boden oder dem Tisch liegt."

Besprochen wird außerdem die von Karl Ove Knausgard kuratierte Edvard-Munch-Ausstellung, die aktuell in der Kunstsammlung NRW zu sehen ist (SZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2019 - Kunst

Kein Kanon mehr, keine Ismen und schon gar keine Stiletiketten mehr - in der SZ feiert Catrin Lorch die neue Freiheit der Kunst. Sebastian Moll (SZ) begutachtet in New York das renovierte Moma, das seine Kunst jetzt thematisch präsentiert und die Abteilungen für Dada, Pop Art oder Impressionismus aufgegeben hat: "Selbst in den Beschreibungen werden solche vermeintlich akademischen Begriffe mit einer Sorgsamkeit umschifft, die ans Lächerliche grenzt. Man stellt sich ganz auf das Laienpublikum ein, das mittlerweile das Gros der MoMA-Besucher ausmacht." Auch Hanno Rauterberg (Zeit) ist nur halb überzeugt von der neuen Hängung: "Natürlich, der Aufbruch im MoMA ist überfällig, es steht nun offen für unerwartete Quer- und Seitenblicke, für ungeahnte Wahlverwandtschaften, für eine Neudeutung der Kunst zwischen Metropolis und Warhols Suppenbüchsen. Allerdings mündet die Abkehr vom autoritären Denken, auch das zeigt sich im MoMA, allzu leicht in Unverbindlichkeit, weil es niemand mehr wagt, harte Unterschiede zu benennen. Alles soll sich mit allem arrangieren." Im Standard stellt Stephan Hilpold die norwegische Konzeptkünstlerin Marianne Heske vor, die derzeit mit "Wittgensteins Boot" in Frankfurt zu sehen ist. In der FAZ berichtet Andreas Kilb über eine Tagung zu den Anfängen der Documenta.

Besprochen wird die Ausstellung "Gold und Ruhm - Geschenke für die Ewigkeit" im Kunstmuseum Basel (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2019 - Kunst

In Japan hat die Regierung 660.000 Euro Fördergelder für die diesjährige Aichi-Triennale gestrichen, berichtet Martin Fritz in der taz. Der Grund: In einer Sonderausstellung werden auch japanische Kriegsverbrechen thematisiert. Gegen diese Entscheidung haben jetzt 158 internationale Japanexperten, darunter 99 Professoren aus 21 Ländern protestiert, so Fritz. "Mit ihrer Unterschriftenaktion machen die internationalen Japanologen auch darauf aufmerksam, dass die Kontroverse um die Sonderschau kein Einzelfall ist. Denn offizielle Stellen, ranghohe Politiker und ultrakonservative Aktivisten üben schon länger starken Druck auf Medien, Künste und Wissenschaft aus, ein positives Bild von Japan zu zeichnen. Andersdenkenden drohen sie Gewalt, Boykott und Strafverfolgung an. Auch die Aichi-Triennale wurde von Protestanrufen überflutet. ... Hinter dem Telefonterror steckt keineswegs spontane Bürgerwut. Vielmehr wirkt der Protest, als sei er gut organisiert, berichtet Triennale-Leiter Daisuke Tsuda."

Besprochen werden die Ausstellungen "Zu Gast bei Gabriele Münter" im Münter-Haus in Murnau und "Mein Freund der Maler - Oskar Maria Graf und Georg Schrimpf" im Schloßmuseum Murnau (FAZ).
Stichwörter: Japan, Aichi-Triennale

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2019 - Kunst

Besprochen werden die Schau des österreichischen Surrealisten Wolfgang Paalen im Unteren Belvedere in Wien (Standard), die Ausstellung "Inspiration Matisse" in der Kunsthalle Mannheim (SZ), die Ausstellung "Kampf um Sichtbarkeit", mit der die Alte Nationalgalerie in Berlin die vielen Arbeiten ihrer verkannten Künstlerinnen aus dem Keller holt (FAZ) sowie eine Ausstellung mit Fotografie aus dem globalen Süden im Berliner Willy-Brandt-Haus (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2019 - Kunst

Sabine Lepsius, Selbstbildnis, 1885 © Nationalgalerie Berlin / Jörg P. Anders
Eigentlich hätte eine Ausstellung wie "Kampf um Sichtbarkeit" in der Alten Nationalgalerie längst überholt sein müssen, die einfach nur Künstlerinnen und Bildhauerinnen verschiedener Stilrichtungen zusammenbringt, nur weil sie Frauen sind, seufzt Kia Vahland in der SZ. Ist sie leider nicht, das Museum muss erst einmal seine eigenen Bestände aufarbeiten, weiß Vahland und erzählt: "Um 1900 bemühten männliche Theoretiker das Konstrukt, Frauen könnten nur nachschöpfen, nicht erfinden. Es war die Zeit, in der manch ein Mann zugleich dem Fantasma der femme fatale anhing. Das Weibliche galt als potenziell gefährlich, besonders da, wo es als nicht mehr kontrollierbar erschien. Die größte Feindin der malenden und meißelnden Frauen war am Ende die Kunstgeschichte. Etliche der ausgestellten Künstlerinnen, darunter die russische Avantgardistin Natalja Gontscharowa, galten in ihrer Zeit als Stars, wurden aber im späteren 20. Jahrhundert als nachrangig herabgewürdigt. Das trifft selbst die Ausnahmekünstlerin der Schau, Paula Modersohn-Becker."

Im Tagesspiegel betont Simone Reber: "Die Künstlerinnen waren keineswegs unsichtbar, ihre Werke wurden auch von der Nationalgalerie angekauft. Die meisten Bilder dieser Ausstellung aber waren bisher noch nie auf der Museumsinsel zu sehen. Offenbar verlieh das Museum Bilder von Malerinnen besonders gern als Wandschmuck an öffentliche Institutionen. Um sich einen Namen zu machen, konnten sich die Künstlerinnen also nicht auf das Prestige der Museumsausstellung verlassen."

Weiteres: Offenbar durften jetzt auch nicht-amerikanische Kritiker das umgebaute Moma besichtigen. Im Tagesspiegel berichtet Bernhard Schulz, in der FAZ Frauke Steffens von der Verjüngung und Diversifizierung der Bestände (unser Resümee).

Besprochen werden Elizabeth Peytons Schau "Aire and Angels" in der National Portrait Gallery in London (deren Künstlerinnen-Porträts Bidisha im Observer wie ein Mode-Shooting aus den Neunzigern vorkam: "Alle sind weiß und keine lächelt.") und die Alfred-Schmeller-Ausstellung "Das Museum als Unruheherd" im Wiener Mumok (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2019 - Kunst

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Arno Widmann nimmt uns mit auf einen Streifzug durch eine "begeisternde" Ausstellung zur Kultur der Azteken im Stuttgarter Lindenmuseum. Dort sehen wir Götter, die sich die Haut eines geopferten Kriegsgefangenen übergezogen haben, aber dann auch wieder eine Kultur, die der unseren in manchen Dingen voraus war: "Hier endlich eine prächtige, reiche Kultur, von der etwas zu holen war. Die Konquistadoren suchten nicht Gewürze. Sie suchten Gold. Sie hatten gerade bei der Vertreibung der Mauren die Erfahrung gemacht, dass sie eine wirtschaftlich, intellektuell, technologisch weit überlegene Kultur aushebeln konnten. Das wollten sie fortsetzen. Die frühe europäische Expansion war der Aufstand der Lehmhausbewohner gegen die Steinstädte. Die Europäer waren als Unterlegene gestartet. Überlegen wurden sie erst im Laufe ihrer Eroberungen und wirklich erst zwei Jahrhunderte später durch die industrielle Revolution."

Ähnlich sieht das in der FAZ auch Ulf von Rauchhaupt: "Die Zivilisation der Azteken war der europäischen metallurgisch und transporttechnisch unterlegen, in manch anderem aber - dem Schulwesen etwa oder der Hygiene - war sie ihr deutlich voraus. Die Gesellschaft wiederum, deren Alltag und religiösen Kosmos die Ausstellung durch eine geschickte Kombination aus Objekten und Abbildungen aus Bilderhandschriften erklärt, war mindestens so komplex und stratifiziert wie die der spanischen Eroberer." Eine weitere Besprechung gibt es in der taz.

Edvard Munch, Die Sonne, 1012. Munchmuseet, Oslo


Karl-Ove Knausgard spricht im Interview mit der SZ über Peter Handke, den er in Norwegen verlegt ("Ich kann mir keinen würdigeren Preisträger vorstellen"), und die Munch-Ausstellung, die er kuratiert hat und die jetzt im Düsseldorfer Museum K20 zu sehen ist - kein "Schrei", keines der dunklen introspektiven Bilder, sondern die Bildern, die Munch danach gemalt hat, als er sich nach außen und dem Leben zugewandt hatte: "Munch hatte dieses Lebensfriesprojekt, über das er schrieb, dass die einzelnen Bilder einander wechselseitig beeinflussen. Das wollte ich zeigen. Die Bilder korrespondieren extrem miteinander. Viele der hier erstmals gezeigten Gemälde würden alleine nicht funktionieren, aber im Ensemble bestärken sie einander. Wie bei einem Roman, der seine Kraft auch aus der Gesamtkomposition bezieht."

In einer nebenstehenden Rezension findet eine kritische Catrin Lorch die Schau "unbedingt sehenswert. Zum einen, weil sie hervorragende Bilder nach Deutschland gebracht hat, viele sind zum ersten Mal hier zu sehen. Zum anderen aber, weil es zu befürchten ist, dass sie Vorbild wird für die Koppelung von Kunst und Prominenz. Denn weil man Karl Ove Knausgård, der seine Arbeit am Œuvre Munchs auch in seinem jüngsten Buch 'So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche' spiegelt, wirklich freie Hand ließ und er allein über Auswahl und Hängung entschied, zeigt die Schau die Beschränktheit einer so subjektiven Auswahl."

Außerdem: in der NZZ berichtet Brigitte Ulmer von der Frieze in London: "Die Erblast der Kolonialisierung, Rassendiskriminierung, Konflikt und Gewalt, Kapitalismuskritik: Man kann nicht behaupten, die Kunst, die gerade präsentiert wird, betreibe in einer realitätsfernen Blase Nabelschau."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2019 - Kunst

Lee Krasner: Polar Stampede, 1960, Photograph: The Jewish Museum 


Lee Krasner war ebenso wie ihr Mann Jackson Pollock eine Pionierin des amerikanischen Expressionismus. Er wurde weltberühmt, sie war außerhalb Amerikas kaum bekannt. Jetzt wird erstmals in Deutschland eine Retrospektive der 1908 geborenenen Künstlerin gezeigt, in der Frankfurter Schirn. Gemalt hatte Krasner schon immer, aber 1957, ein Jahr nach Pollocks Tod, zog sie in dessen Atelier, in dem sie jetzt auch große Formate malen konnte. "Angst vor der nackten Fläche hatte sie nicht", schreibt Rose-Maria Gropp in der FAZ. "Aber sie litt unter Schlafstörungen, es entstanden nächtliche Bilder, die 'Night Journeys'. Sie erkannte, dass sie Farbtöne wählen muss, die das Tageslicht nicht kaputt macht; Umbra ist so ein Ton. Auf 'Polar Stampede' von 1960, was Ansturm oder Flucht meinen kann, sprüht auf mehr als vier Meter Breite eine Gischt aus Pinselhieben - keinesfalls unkontrolliert, eine kühne Vermessung des Bildraums."

FR-Kritikerin Sandra Danicke hatte beim Betreten der Schirn erst mal den Eindruck, sie sei in eine Gruppenausstellung geraten, so unterschiedlich sind die Bilder und Maltechniken. Nach den Bildern in Braun, die sie nach dem Tod Pollocks nachts malte, kehrte sie in den frühen Sechzigern zur Farbe zurück: "Ihre Formen wurden nun immer kühner, energetischer, auch greller. Zu Beginn der 70er Jahre konnte Krasner mit schrillen Tönen und geometrischen Umrissen in den USA einen späten Durchbruch erleben: 1973 zeigte das New Yorker Whitney Museum ihr Werk in einer Einzelausstellung."

In der Welt kann Boris Pofalla es kaum fassen, dass Krasner nicht so bekannt ist wie die männlichen amerikanischen Expressionisten: "Man sieht am Beispiel Lee Krasner ganz gut, wie Ausschluss qua Geschlecht funktioniert. Sie war keine verkannte Künstlerin, sondern hatte Galerien und Ausstellungen, war nach dem Tod Pollocks als Alleinerbin auch finanziell unabhängig. Aber man verweigerte Krasner lange den Platz im Pantheon der Kunstgeschichte, der ihr eigentlich zusteht, neben ihren Freunden Willem de Kooning, Franz Kline und Arshile Gorky, neben Mark Rothko, Barnett Newman und den anderen Helden. Nun kann man streiten, ob man die Heldengeschichten überhaupt braucht, doch sollten die Malerinnen nicht erst einmal auch ihren Ruhm bekommen?"

Besprochen wird außerdem eine Ausstellung zu "Entarteter Kunst" im Museum Moritzburg in Halle, "Bauhaus - Meister - Moderne" (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2019 - Kunst

Jan Groover, Sans titre, ca. 1978. © Musée de l'Elysée Lausanne, Fonds Jan Groover


Katharina J. Cichosch erlebt im Musée l'Élysée in Lausanne vor den Arbeiten der amerikanischen Fotografin Jan Groover einen Moment der "ophthalmologischen Orientierungslosigkeit". Nichts ist, wie es scheint oder vielmehr, erklärt sie in der taz, alles ist wie in der vorsprachlichen Zeit, als "Materie noch Eindruck" war. Das sehe man besonders in den Küchen-Stillleben, mit denen Groover Ende der Siebziger bekannt wurde: "Zwischen rötlichem Blätterfleisch blitzen da beispielsweise Spaghettizange und Tortenring wie kostbare Preziosen auf. In Groovers exotisierter schönen Warenwelt wird Küchenbesteck zum Schatz, den man ins Dschungeldickicht marmorierter Pflanzenblätter gehoben hat. Auf anderen Bildern schimmern Gabel und Co. zwischen prallem Rot, das vermutlich einer Tomate entliehen wurde, oder vor dottergelbem Hintergrund als artifiziell hochgeschraubte Environments. ... Ihre Bilder zeugen vom Wunder der Wahrnehmung, die ihr Geheimnis, obwohl die neurophysiologischen Grundlagen sich nachvollziehen lassen, letztlich nicht preisgibt. Vom Verhältnis des Menschen zu den Dingen. "

Weiteres: Bernd Noack unterhält sich für die NZZ in der Kommunalen Galerie in Berlin mit der Fotografin Karen Stuke, die mit einer Camera obscura den Spuren in W. G. Sebalds Roman "Austerlitz" folgte. Besprochen wird außerdem eine Ausstellung mit weinenden Frauen von Anne Collier in der Berliner Galerie Neu (Tagesspiegel).
Stichwörter: Groover, Jan