Vorsichtig optimistisch beobachtet Jörg Häntzschel in der SZ Bemühungen Bayerns, den zuletzt unter anderem Aufgrund von SZ-Recherchen in die Kritik geratenen Umgang landeseigener Museen mit NS-Raubkunst (unsere Resümees) zu reformieren. Bayerns Kunstminister Markus Blume will eine von der Politik unabhängige Kommission einsetzen, die darüber urteilen sollen, welche in Bayern gesammelten und ausgestellten Kunstwerke Raubkunst sind und welche nicht. Der Schweizer Historiker Raphael Gross "wird die achtköpfige Kommission leiten, die künftig die 'strategische Ausrichtung' der Provenienzforschung in Bayern entwickelt, die Prioritäten vorgibt, die Richtlinien definiert und gegenüber der Landesregierung Restitutionsempfehlungen ausspricht. Gross hat sich in einer ähnlichen Rolle schon einmal bewiesen: Er hat mit einem Team von Fachleuten die unzureichende Provenienzforschung der Zürcher Sammlung Bührle evaluiert und dazu 2024 einen vernichtenden Bericht veröffentlicht. Gross war außerdem neun Jahre lang Mitglied der 'Beratenden Kommission', die unter anderem von Blume selbst jahrelang für ihren zu restitutionsfreundlichen Kurs gescholten wurde." Das hört sich für Häntzschel erst einmal gut an, obwohl das letzte Wort in Sachen Restitution weiterhin bei Blume liegen werde.
Weiteres: Jeni Fulton besucht für monopol das Fotografiefestival "Les Rencontres de la Photographie", das an verschiedenen Orten im französischen Arles stattfindet. Kuhns Tagesspiegel-Kollegin Birgit Rieger unterhält sich mit Matthias Burba, einem Mikroskopiker, der Sandkörner fotografiert - seine Bilder werden derzeit in der Alfred Erhardt Stiftung, Berlin, ausgestellt. Besprochen wird die Schau "Pierre Huyghe" in der Fondation Beyerle bei Basel (taz).
Weitere Artikel: Der französisch-deutsch-kanadische Künstler und Merkel-Porträtist Jérémie Queyras unterhält sich im Tagesspiegel-Interview mit Nicola Kuhn. Die Berliner Galerie feinart schließt ihre Pforten, berichtet Angelika Leitzke im Tagesspiegel, noch ist die letzte Ausstellung zu sehen. Besprochen werden die Ausstellung "Enki Bilal - Le Fond de la forme" im im Fonds Enki Bilal in Paris (FAZ) und die Ausstellung "Giovanni Segantini, 1858-1899. Je veux voir mes montagnes" im Musée Marmottan Monet in Paris (NZZ).
Jaume Serra: Altarpiece of the Virgin. Bild: Wikimedia Commons
Wie groß der Einfluss der Italiener war, die im Spätmittelalter auf die iberische Halbinsel kamen - und dass das Licht nicht erst mit der Renaissance in die Kunst kam, lernt FAZ-Kritiker Hans-Christian Rössler in der Ausstellung "A la manera de Italia. España y el gótico mediterráneo (1320 -1420)" im Madrider Prado. Die Künstler "kombinierten auf ihren großformatigen Altarbildern Temperafarbe mit Blattgold. Das Edelmetall war keine Dekoration, sondern setzte eigene dramatische Akzente, half dabei, göttliches Licht nachzuahmen. Je nachdem, ob vor dem Altarbild Kerzen flackerten oder es Sonnenstrahlen beleuchteten, wirkten die Bilder anders im Halbdunkel der Kirchen, die die Ausstellungsarchitektur zu rekonstruieren versucht. Die Heilige Lucia auf dem Altarbild 'Der Heilige Julian und die Heilige Lucia' von Pere und Jaume Serra trägt ein Gewand aus ziseliertem Gold. Vorbilder sind italienische Stoffe. Die Maler ahmten die Florentiner Stickereien mit Gold- und Silberfäden so perfekt nach, dass sie fast von den Heiligen ablenken, die sie umhüllen."
Weiteres: Stefan Trinks gratuliert der Videokünstlerin Joan Jonas in der FAZ zum neunzigsten Geburtstag. Ingo Arend ist für die taz auf der Documenta-Konferenz "Critical Fabulations of Documenta" im Kasseler Documenta-Institut unterwegs. Besprochen wird die Arte-Doku "Der Oligarch und der Kunsthändler" (Standard).
Carl Blechen, Meeresstudie, 1829. Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart
Die Blütezeit der Ölstudie in Italien nahm einen Umweg über die Schweiz, wo Maler fast hundert Jahre vor den Impressionisten schon plein-air malten. Farbtuben gab es damals noch nicht, aber sie transportierten ihre Farben bequem in Schweinsblasen, lernt Stefan Trinks (FAZ) in der Ausstellung "Zur Sonne! Zur Freiheit! Wege der Freilichtmalerei um 1800" im Kunst Museum Winterthur. Höhepunkt sind die sieben Ölstudien Camille Corots, aber auch weniger berühmte Künstler beeindrucken ihn. Zum Beispiel Carl Blechen: Dessen Sepiazeichnungen aus Amalfi von 1829 bedeuten "nicht weniger als eine nochmalige Steigerung des schon in den Studien unaufhörlichen Licht-Spiels. Der Berliner Maler 'baut' geradezu mit Licht, wie das entsprechende Ausstellungskapitel überschrieben ist. Vergleichbar mit den Solarisationen Christian Schads aus den Zwanzigerjahren oder modernen Photoshop-Spielereien sind Hell und Dunkel invertiert, erscheinen verschattete Häuserwände plötzlich überblendet, helle Partien dagegen surreal verdunkelt. Schatten und Sonne streiten manichäisch miteinander um den Raum auf den kleinformatigen Papieren. Dass es sich um wahre, in und vor der Natur entstandene Skizzen handelt, wird angesichts solcher Wunderwerke der Lichtmalerei niemand bezweifeln. Nichts ist dem modernen Blick näher als diese vor fast zweihundert Jahren entstandene Kunst."
Lisa Berins besucht für die FR den neuen Skulpturenpark, der gerade rings um die Frankfurter Schirn entsteht. Besprochen werden eine Ausstellung des Filmkünstlers Eric Baudelaire, der im CCA Berlin auch einige Skulpturen zeigt (taz), Carlos Casas' Filminstallation über den gewaltigen Vulkanausbruch auf der indonesischen Insel Krakatau 1883 im Münchner Haus der Kunst (taz) und eine Ausstellung des Kollektivs "Kunzten" in der Berliner Kunstfabrik am Flutgraben (taz).
Aleen Solari, "Tribute to Bicce", installation view Kunsthalle Osnabrück 2026. Courtesy the artist. Photo: Friso Gentsch
Eine "kühne Rauminstallation" machttaz-Kritiker Harff-Peter Schönherr in der Kunsthalle Osnabrück ausfindig. Aleen Solaris "Tribute to Bicce" ist dem Gästeblock eines Fußballstadions nachempfunden, stilecht mit "originalen 'Fotzen'-Stickern drauf". Gleichzeitig ist er "in betont weiblichem Rosa gestrichen. Banner und Fahne, wie nach dem Spiel vergessen, zeigen neutrales Friedensweiß." Dem Kritiker gefällt gut, wie geschickt die Arbeit mit Geschlechterklischees spielt und "Martialität und Sanftheit" verschmelzen lässt: "Solaris Fußballfans (sie ist selbst einer, im realen Leben) sind aus Drahtgeflecht, Styropor, Metallfolie, Pappe. Grotesk wirken sie, monströs, ungeschlacht, unfertig. Aber gerade deshalb zeigen sie: Zu Füßen des Gästeblocks erstreckt sich ein Möglichkeitsraum, ein Raum der Erprobung neuer Rollen. Klug ist das."
Staunend besucht Schönherrs taz-Kollegin Beate Scheder derweil eine Ausstellung im Castello di Rivoli nahe Turin, die Arbeiten Cecilia Vicuñas präsentiert. Die 1948 geborene Chilenin greift in ihren Arbeiten Kunsttraditionen indigener Völker auf. "Quipus" zum Beispiel ist "eine raumeinnehmende, riesige textile Installation. Rohe weiße, ungesponnene Wolle - ein Teil davon stammt von Biellese-Schafen aus der Umgebung - über einer Konstruktion aus Bambus. Sie baumelt darüber wie ein riesiger Berg zupfeliger Wäsche. Mehr als 100 Meter des schlauchartigen Raumes der für Wechselausstellungen vorgesehenen 'Manica Lunga' nimmt die horizontale Installation ein. In der soll man - so will es die Künstlerin - Zeit verbringen, daneben und darin. Um sie sich von der Nähe anzusehen, den intensiven Geruch der Wolle einzuatmen."
Weiteres: Larissa Kikol porträtiert in monopol den Graffiti-KünstlerRomain Fueler. Ebenfalls in monopolschreibt Laura Ewert über eine Arbeit des Klangkünstlers Llorenç Barber auf der Manifesta 16. Besprochen werden die Schau "Vilhelm Hammershøi. Maler des stillen Klangs" im Kunsthaus Zürich (FAZ) und Mire Lees "The Heart of My Machine is Golden Lead" in der Wiener Secession (Standard).
Paul Signac: Sonntag, 1888-1890, Privatsammlung. Foto: Museum Barberini Dass sich der Pointillist Paul Signac der anarchistischen Bewegung zugehörig fühlte, kann FAZ-Kritiker Andreas Kilb zumindest an seinen Sujets nicht erkennen, wenn er durch die Ausstellung "Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus" im Museum Barberini in Potsdam schlendert. Seine "Lichtmalerei" zeigt "Klippen, Wolken, Hafenmauern und schimmernde Wellen", aber auch eines der wenigen Interieurs ist zu sehen, erklärt Kilb, das Bild "Sonntag" von 1890: "Der Mann im Gehrock, der rechts das Kaminfeuer schürt, und die von ihm abgewandte Frau im weinroten Kleid im Hintergrund sind so dicht in die ornamentalen Oberflächen ihres bürgerlichen Wohnzimmers eingewoben, dass sie selbst wie Mobiliar wirken. Jeden Moment erwartet man, dass die Textur des Bildes reißt wie in einem Clip von Monty Python und ein grüner Dinosaurier oder Winston Churchill auf einem Dreirad zum Vorschein kommt. Das Porträt, das Van Rysselberghe von Signac am Steuer seines Segelboots gemalt hat, ist dagegen fast fotorealistisch, es erinnert an eine Filmszene von René Clair oder Jean Renoir."
In der FRerinnert die Kunsthistorikerin Karoline Hille an die Ausstellung "Women Artists: 1550-1950", die 1976 im Los Angeles County Museum stattfand und sich zum ersten Mal weltweit in aller Ausführlichkeit Künstlerinnen widmete: "Die Malerinnen der frühen Neuzeit, von Renaissance, Barock und Klassizismus, haben im Rückblick betrachtet eines gemeinsam: Sie waren zu Lebzeiten anerkannt und erfolgreich, wurden von den Zeitgenossen bewundert und leisteten mit ihren großartigen Werken einen maßgeblichen Beitrag zur Kunstgeschichte. Aber jede von ihnen geriet nach dem Tod, spätestens jedoch im 19. Jahrhundert in Vergessenheit. Denn niemand sammelte die Bilder und Briefe, Inventare und sonstige wichtige Quellen."
Weitere Artikel: In der NZZ erläutert Rico Bandle die Hintergründe eines Erbschaftstreits um den verstorbenen Kunstsammler Werner Merzbacher, der überraschend seine Vermögensverwalterin als Erbin eingesetzt hatte. Hubertus Butin ist in der FAZ genervt von SchauspielerInnen, die auf den Kunstmarkt drängen und trotz wenig bis keinem Talent hohe Auktionssummen erzielen und Einzelausstellungen erhalten (am schlimmsten findet Butin Adrien Brodys Werke). Besprochen wird die Ausstellung "Helga Paris - Häuser und Gesichter Halle 1983-1985 im Kunstmuseum Moritzburg (FAZ).
Vilhelm Hammershøi: Interieur. Strandgate 30. Bild: Wikimedia Commons.
Vilhelm Hammershøi war schon zu Lebzeiten aus der Zeit gefallen, weiß Philipp Meier in der NZZ, aber vielleicht kommt die Ausstellung "Hammershøi. Maler des stillen Klangs" im Kunsthaus Zürich gerade deshalb zum rechten Augenblick. Seine Bilder zeigen wenig und zwingen zum Innehalten: "In 'Interieur. Strandgade 30' (1905-1909) stehen Möbel an die Wand gerückt beisammen wie Reisende in einer Wartehalle. In ihrem möbelhaften Schweigen künden sie vom Umzug des Künstlers: ein Schrank, ein Stuhl, ein Büchergestell, ein Sekretär - mit so viel Charakter und Eigenleben, dass sie es wert waren, wie Menschen porträtiert zu werden. Der gemalte Raum vibriert hier als Zusammenspiel rechteckiger Flächen in unterschiedlichen Brauntönen. Denn in diesem stillen Möbel-Stillleben hat Hammershøi selbst dieLuft gemalt. Sie flimmert hier wie in den meisten seiner Bilder. Man sieht sie nicht und sieht sie doch. Zustande kommt dieser Effekt durch eine impressionistische Pinselführung lauter kleiner Striche. Hinzu kommt die gedämpfte Farbpalette, die alles in Dunst zu tauchen scheint."
Weiteres: Der Teppich von Bayeux wird im British Museum ausgestellt und das Haus kann sich auf einen Besucheransturm einstellen, meldet die FAZ. Anika Meier unterhält sich für Monopol mit dem Maler Friedrich Kunath über die Bar, die er in sein Atelier in Los Angeles gebaut hat.
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Draußen … Im Museum" im Brücke-Museum (Tagesspiegel) und "Saâdane Afif. Five Preludes" im Hamburger Bahnhof (Tagesspiegel).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Zum 250. Unabhängigkeitstag der USA führt Sebastian Moll (taz) ein Gespräch mit der amerikanischen Kunsthistorikerin Jennifer Van Horn, die zuletzt das Buch "Portraits of Resistance" veröffentlicht hat. Horn geht es in ihrer Forschung vor allem um die Leerstellen in der amerikanischen Kunst. In Depots lagern etwa "viele Porträts elitärer weißer, angloamerikanischer Kolonisten, gemalt von in Großbritannien geborenen Künstlern. Das passte nicht ins idealisierte Bild amerikanischer Kunst. Mein zweites Buch konzentrierte sich stärker auf Porträts von Menschen afrikanischer Herkunft. Sie werden heute zunehmend ausgestellt. Ein Beispiel ist Jacques Amans' Gemälde der Familie Frey mit ihrem schwarzen Haussklaven Bélizaire von 1837, das sich jetzt im Metropolitan Museum befindet. Bélizaire wurde im Laufe der Zeit übermalt. Ein faszinierendes Werk: Der Akt des buchstäblichen Verdeckens - der bewussten Erzeugung einer Leerstelle - und die spätere Freilegung der Figur durch die Restaurierung sowie die Wiedergewinnung von Bélizaires Lebensgeschichte sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Fragen nach dem, was fehlt oder unsichtbar gemacht wurde, zu einer komplexeren und umfassenderen Geschichtsschreibung führen können."
Hermine Moos mit der Alma-Mahler-Puppe, 1919. Quelle: Wikipedia Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ erzählt die Autorin Tanja Raich die Geschichte der Puppe, die Oskar Kokoschka drei Jahre nach der Trennung von Alma Mahler bei der Künstlerin und Puppenmacherin Hermine Moos in Auftrag gab. Wie besessen war er von der Idee eine genaue Puppen-Alma zu besitzen, erinnert Raich: "Er forderte Hermine Moos dazu auf, ins Museum zu gehen und ihren eigenen Körper abzutasten: 'Wenn sie hie und da im Unklaren sind, wie ein Muskel, eine Spannung oder ein Knochen sitzt, so ist es besser nicht in einem Atlas nachzusehen, sondern mit der Hand an ihrem bloßen Körper die Stelle, die sie bewegen müssen, so lange zu untersuchen, bis sie das Gefühl davon warm und lebendig klar in sich haben.' Die Haut sollte 'pfirsichähnlich im Angreifen' sein und 'nirgends Nähte erlauben an Stellen, wo Sie denken, daß es mir weh tut und mich daran erinnert, daß der Fetisch ein elender Fetzenbalg ist.'"
Angelique Aubrit & Ludovic Beillard, Une solitude vraiment terrible, installation view, 2024, MeetFactory, Prague,Czech Republic. Courtesy of the artists and Gallery Tim Wouters, Brussels. Noch perverser sind die puppenartigen Fetisch-Inszenierungen, die der Franzose Pierre Molinier entworfen hat, und die die Kunsthalle Gießen nun zu seinem 50. Todestag in den Kontext mit Arbeiten von Angelique Aubrit und Ludovica Beillard stellt. Ein "Ereignis", findet Oliver Koerner von Gustorf (Monopol): "Schon am Eingang der Ausstellungshalle wartet neben einem riesig aufgeblasenen Selbstporträt eines maskierten Molinierin Strapsen, das an Madonnas 'Erotica'-Phase denken lässt, eine lebensgroße Puppe. Die sitzt da, zusammengesunken, merkwürdig gesichtslos, auf einem Stuhl. Ein Goth-Junge oder Mädchen vielleicht, in einer Art Kittelkleid mit Anzugsjacke. Dieses kindlich-greise Wesen heißt Clod. Es gehört zu dem hermetischen Kosmos von Angélique Aubrit und Ludovic Beillard, die seit 2021 zusammenarbeiten. ... Zusammen schaffen sie Installationen, Videos und Performances und erzeugen damit immersive Umgebungen, die von grotesken, hölzernen Puppenwesen bevölkert sind."
Weitere Artikel: Hilka Dirks macht sich in der taz heute nochmal Gedanken über den blauen Blazer im Merkel-Porträt.
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Helga Paris. Häuser und Gesichter. Halle 1983-85" im Kunstmuseum Moritzburg Halle an der Saale (taz).
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