Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

3825 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 383

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.08.2026 - Kunst

Von Peter Paul Rubens - 1. Kunsthistorisches Museum Wien, Bilddatenbank. 2. Ursprung unbekannt 3. GalleriX, Gemeinfrei

Fasziniert taucht NZZ-Kritiker Jürgen Müller in der Ausstellung "Metamorfosi. Ovidio e le arti" in der Galleria Borghese in Rom in das Universum Ovids ein. Ganze achtzig Kunstwerke, die wichtige Motive von Ovids "Metamorphosen" in Szene setzen, kann man hier entdecken: "Zur Liebe gehört bei Ovid stets auch ihr dunkles Gegenbild: Gewalt, Verlust und Schrecken. Kein Mythos verkörpert dies eindringlicher als jener von Medusa, einer schönen Frau, die in ein Monstrum verwandelt wird. Die Ausstellung versammelt mehrere Darstellungen ihrer Enthauptung durch Perseus. Besonders eindrucksvoll ist Rubens' Gemälde 'Haupt der Medusa'. Es zeigt das abgeschlagene Haupt, dessen Schlangenhaar noch aufgeregt in alle Richtungen strebt, als hätte sich die Dekapitation erst im Augenblick zuvor ereignet. Scheint auch der Sieg über das Ungeheuer vollzogen, ist die Gefahr keineswegs gebannt. Die Schlangen wirken, als könnten sie sich jeden Moment vom abgeschlagenen Haupt lösen und in die Welt des Betrachters vordringen."

Julia Encke ist in der FAS nicht besonders begeistert von Wolfram Weimers Idee einer Nationalen Porträtgalerie in Deutschland (unsere Resümees). Deutschland sei mit Blick auf seine Geschichte nun mal ein Sonderfall, da helfe es auch nichts, wenn der Historiker Christopher Clark, der eine erste Porträtausstellung im Deutschen Historischen Museum mitkuratieren wird, vorschlägt, auch Abbilder von unbekannten Personen vorkommen zu lassen. Die "schwarzen Löcher historischer Abgründe lassen sich nicht mit denen füllen, die bisher zu kurz gekommen sind. Zugleich ist es ja gerade die Prominenz der dargestellten Personen, die in London den großen Reiz ausmacht, weil die Bekanntheit für die Betrachtenden Anknüpfungspunkte schafft, die zur Auseinandersetzung mit der jeweiligen Darstellung anregen. Dass das ganze Projekt auch vom 'verengten völkischen Geschichtsbild' der AfD vereinnahmt werden könnte, anstatt diesem etwas entgegenzusetzen, deutete sich eigentlich schon an, als nach den Äußerungen des Kulturstaatsministers ein Kommentator der Welt jubelte und das Deutsche Historische Museum für sein 'aufgeklärtes, differenziertes, positives deutsches Nationalbewusstsein' feierte."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.08.2026 - Kunst

Bild: Ha Chong-Hyun, Conjunction 20-118, 2020 © Ha Chong-Hyun.


Der südkoreanische Maler Ha Chong-Hyun wurde in den frühen 1970er Jahren berühmt, als er begann, Farbe durch die Rückseite der aus Hanf gewebten Malgründe zu drücken, die er verwendete, erinnert Gabrielle Schwarz, die sich für den Guardian bereits die Ausstellung in der Londoner Lisson Gallery angeschaut hat. Von seinen abstrakt malenden Zeitgenossen unterscheidet den Maler eine kulturelle Besonderheit seines Ansatzes, erklärt die Kritikerin. So ist seine künstlerische Sprache auch eine Reaktion auf den Koreakrieg, die wirtschaftliche Not der Nachkriegszeit und eine Militärdiktatur, die erst 1988 endete: "Die Abstraktion war für ihn und andere Künstler zumindest teilweise ein Mittel, sich gegen den vom Staat bevorzugten figurativen Stil aufzulehnen. Die Verwendung von Hanf als Malgrund begann hingegen aus der Not heraus. 'In der Armut nach dem Koreakrieg waren herkömmliche Malutensilien schwer zu beschaffen', erklärt Ha. 'Zu den Materialien, die uns zur Verfügung standen, gehörten grobe Säcke, in denen Getreide und andere Hilfsgüter aus dem Ausland transportiert worden waren.' Für Ha bedeutete sein Bekenntnis zur 'Back-to-Front'-Technik 'niemals, einfach immer dasselbe zu wiederholen'."

Die unter dem Namen Rita Flores bekannte Margarita Konowalowa, Aktionskünstlerin und Mitglied von Pussy Riot, hat sich vor wenigen Tagen als Zuträgerin des russischen Geheimdienstes FSB geoutet, berichtet Stefan Scholl auf den politischen Seiten der FR: "Nach einer Hausdurchsuchung im Februar 2023 seien zwei Beamte in Zivil in ihrer Wohnung geblieben, hätten ihr unter anderem gedroht, ihre Mutter zu töten und sie wegen eines Antikriegs-Posts für viele Jahre ins Gefängnis zu bringen. Wenn sie nicht als Spitzel für den FSB arbeite. (...) Aber Flores versichert, sie habe ihrem FSB-Führer 'Iwan' möglichst alles verschwiegen, was die Leute, auf die sie angesetzt war, belastet hätte. Mit mehreren zerstritt sie sich sogar absichtlich, um allen Kontakt zu ihnen abbrechen zu können. (...) Wie viele Oppositionelle für die russischen Dienste spitzeln, zuerst vor Ort und später im Exil, ist unbekannt. Aber die Angst vor den Ohren der anderen wächst überall."

Auch die deutschen Zeitungen bringen heute Nachrufe auf die im Alter von 97 Jahren verstorbene japanische Künstlerin Yayoi Kusama. In der FAZ erinnert Ursula Scheer daran, wie sich Kusama aus ihrem gewalttätigen Elternhaus befreite: "Rettung kam von der anderen Seite des Pazifiks: Kusama hatte Kontakt mit der amerikanischen Malerin Georgia O'Keeffe aufgenommen und wurde von ihr ermutigt. Das war der Anstoß zum Umzug 1955 in die USA - und zum Bruch mit der eigenen Familie. Es war ein Befreiungsschlag sondergleichen, auch wenn der Anfang hart war. In den ersten New Yorker Jahren lebte Kuasama praktisch von der Hand in den Mund." In der FR erinnert Lisa Berins: "1966 crasht sie, offiziell nicht eingeladen, die Biennale von Venedig: Sie legt 1.500 verspiegelte Plastikkugeln auf den Rasen vor dem italienischen Pavillon und bietet sie den Besucherinnen und Besuchern für zwei Dollar das Stück an, bis die Veranstalter einschreiten. Es ist eine typische Kusama-Geste - halb Kunstaktion, halb Selbstbehauptung einer Frau, die in der von Männern dominierten Kunstwelt lange nicht die Anerkennung findet, die männliche Zeitgenossen wie Warhol oder Claes Oldenburg erhalten." In der Welt schreibt Gesine Borcherdt, in der SZ David Pfeifer und im Tagesspiegel Birgit Rieger.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.08.2026 - Kunst

Thomas Billhardt: "Soldatenpaar, Hanoi, Vietnam". 1968. © Thomas Billhardt, CAMERA WORK Gallery

Thomas Billhardt war nicht nur einer der bekanntesten Reportage-Fotografen der DDR, er galt vielen auch als "Propaganda-Fotograf der Staatsführung", erinnert Jens Hinrichsen bei Monopol. Dem widerspricht nun die Ausstellung "Die Augen weit offen" in der Fotografiska Berlin, die zeigt, dass sich Billhardt einen "unabhängigen Blick" bewahrte: Den Sozialisten Salvador Allende fotografiert er nach dessen Wahlsieg im offenen Wagen, daneben General Augusto Pinochet zu Pferd. Der wird Allende drei Jahre später mit US-Hilfe stürzen. Viele von Billhardts Aufnahmen von DDR-Parteigrößen werden, da nicht genehm, konfisziert. Zu seiner Überraschung geht ein Schnappschuss beim Besuch von Angela Davis in Ost-Berlin durch. Die attraktive US-Kommunistin muss sich zum Bruderkuss mit dem dicklich-kleinen Spitzenfunktionär Hermann Axen tief bücken. Ein groteskes Bild."

Yayoi Kusama ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Im Guardian erinnern Tim Jonze und Sian Cain an die japanische Künstlerin, die seit 1977 in einer Psychiatrie lebte und weltweit für ihre psychedelischen Polka Dots oder verspiegelten Infinity Rooms gefeiert wurde. Weniger bekannt ist, dass Kusama in den 1980er Jahren mehrere Romane veröffentlichte - und bereits in den Sechzigerjahren für Skandale sorgte: "Sie inszenierte 'Körperfeste' mit nackten Darstellern, die in Tupfen bemalt waren, und schrieb einmal an US-Präsident Richard Nixon und bot ihm an, im Gegenzug für ein Ende des Vietnamkriegs mit ihm zu schlafen. (…) Im Jahr 1963 begann Kusama mit der Herstellung von 'Soft Sculptures' - Möbelstücken und anderen Objekten wie Leitern, die mit weißen, mit Stoff gefüllten phallischen Formen überzogen waren. Sie seien, so sagte sie, ihr Versuch gewesen, ihre Abneigung gegenüber Sex zu überwinden, den man ihr in ihrer Erziehung als schmutzig und beschämend vermittelt hatte. Obwohl sie sich lose im Umfeld der Pop-Art und des Minimalismus bewegte, wurde Kusama von der Kunstwelt nicht akzeptiert. Sie beharrte stets darauf, dass viele ihrer Ideen aus dieser Zeit von weißen männlichen Künstlern, darunter Andy Warhol, übernommen wurden, während sie selbst aus der Kunstgeschichte ausgeklammert wurde."

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Ebenfalls im Alter von 97 Jahren ist Hans Traxler, Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule und des Satire-Magazins Titanic gestorben. Andreas Platthaus erinnert in der FAZ an den lebenslang Staunenden, dessen Malerei selten an die Öffentlichkeit gelang, weil seine Ansprüche an sich selbst so enorm waren: "Ordentlich malen, darum ging es. In seinem schmalen Buch 'Die Nacht, in der Kasimir Malewitsch das Schwarze Quadrat klaute …' hatte Traxler 2022 seinen Spott über die Moderne ausgegossen. Abstraktion war ihm ein Graus, weil sie in seinen Augen die Entschuldigung für Dilettantismus darstellte, und für die besten Zeichner seiner eigenen Lebensspanne erklärte er deshalb einmal die Comiczeichner Robert Crumb und Moebius - weil sie keine willigen Sklaven eines Kunstmarkts waren, der mit der Tradition gebrochen hat. Bilder schaffen, um damit zu anderen zu sprechen, das war sein Verständnis von Zivilität; der Mensch war ihm das zeichnende Tier."

Weitere Artikel: In der SZ schreibt Elisa Britzelmeier zum aktuellen Stand um den Diebstahl von Antonello da Messinas Tafel der "Madonna mit Kind und einem Franziskanermönch in Anbetung" und dreier weiterer Kunstwerke im Museo Regionale Interdisciplinare di Messina in Sizilien: Nun stehen die Mafia und ein Mitarbeiter unter Verdacht. Hanno Rauterberg erzählt in der Zeit die inzwischen 200-jährige Geschichte der Fotografie. Im taz-Interview erklärt Sarah Lombardi, Direktorin der Collection de l'Art Brut in Lausanne, die ihr 50-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung feiert, wie sich die Sammlung zusammensetzt. Peter Kropmanns wandelt in der FAZ beglückt durch das frisch sanierte Musée de la Vie romantique in Paris

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.08.2026 - Kunst

Albrecht Kauw: Vorratskammer mit Hahn und Henne, 1678 
Öl auf Leinwand, 146,5 × 101,3 cm, Kunstmuseum Bern 
Foto: Kunstmuseum Bern 

Maria Becker lernt im Kunstmuseum Bern "Das volle Leben" kennen - in einer gleichnamigen Ausstellung, die Werke alter Meister aus der Zeit der Gotik und des Barock präsentiert. Auf immer wieder neue Weise verbindet sich in den Bildern Weltliches und Geistliches. Zum Beispiel in Stillleben Albrecht Kauws aus dem 17. Jahrhundert: "Sie fächerte sich auf in zahlreiche Untergattungen wie Blumen, Esswaren, Gläser und vieles mehr. Dabei hatten die Künstler nicht nur malerische Artistik im Sinn, sondern ebenso forschende Neugier. Die Stillleben sind immer auch einer akribischen Beobachtung der Natur geschuldet. Das gehörte zur Kennerschaft ebenso wie die virtuose Feinmalerei. Beides verbindet sich zu einem Lob von Gottes Schöpfung. Auch beim Anblick von Wildbret und Fischen kann man in Andacht verweilen."

Vilhelm Hammershøi: Offene Türen, 1905. The David Collection, B 209, Foto: Pernille Klemp

Was hat es mit dem Hype um Vilhelm Hammershøi auf sich, den eine dem dänischen Maler gewidmete Ausstellung im Kunsthaus Zürich derzeit auslöst (siehe hier). Die Schau fungiert, glaubte Florian Illies auf Zeit Online, als "eine Art Escape-Room für eine überreizte Digitalgesellschaft". Illies zumindest hat beim Betrachten der Bilder den Eindruck: "Die Zeit steht still. Wenn seine Frau ans Klavier tritt, dann spielt sie nicht, wenn die Türen sich öffnen, dann tritt niemand hinein. Manchen fehlt sogar die Türklinke. Es gibt immer nur die Möglichkeit einer Handlung. Und je länger man diese Bilder betrachtet, umso mehr wird die Möglichkeit zu einer Unmöglichkeit." Genau das macht den Maler modern: "Hammershøi ist nicht ohne Grund der Held einer Gesellschaft, die versucht, ihre größten Probleme durch Prokrastination zu lösen. Wenn es draußen immer heißer wird, bleibt man lieber in der angenehmen Kühle der Wohnung Hammershøis, da scheint die Klimakrise nur ein Fiebertraum zu sein."

Eine Entdeckung macht taz-Autorin Petra Schellen im Hamburger Kunstraum Parabel. Der widmet dem Expressionisten Rolf Nesch eine Ausstellung - einem Hamburger, dessen Arbeiten in der NS-Zeit als "entartet" gebrandmarkt wurden und der bereits 1933 ins Exil ging. Gleichwohl prägt seine Heimatstadt sein Werk: "In der Serie 'Hamburger Brücken', für Nesch ein neuronales Netz durch die Stadt, begann er mit dem neu entwickelten Metalldruck zu arbeiten, also Draht, Metall, Stoffe auf die Platte zu legen und mitzudrucken. Drahtspuren ergeben da stilisierte Brückenstreben; Elbbrückenbögen tanzen in eleganten Schwüngen. Orte und Gegenstände bleiben dabei immer kenntlich: Auch die Pfeiler und Häuser des 'Rödingsmarkts' balancieren zwischen Konkretum und Abstraktion. Stilisierte Figuren erinnern teils an den bewunderten Edvard Munch."

Außerdem: Dorothea Zwirner stellt in der Welt das Schweizer Privatmuseum Susch im Südengadin vor, das derzeit unter anderem Arbeiten der Künstlerin Mariuccia Secol (siehe hier) präsentiert. Laut Standard-Autorin Olga Kronsteiger wird sich die in der Kunstwelt zeitweise gehypte, aber inzwischen ökonomisch tief gefallene NFT-Branche nicht so schnell erholen. Alexander Menden unterhält sich in der SZ mit Felix Krämer, dem Direktor des Düsseldorfer Kunstpalastes, über dessen publikumsfreundliche Museumspolitik inklusive Hundetage und von Claudia Schiffer kuratierten Modeausstellungen. Besprochen wird die Jon Rafman gewidmete Ausstellung "Main Street Media" im Düsseldorfer K21 (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.08.2026 - Kunst

Yuko Mohri: Moré, Moré. Installationsansicht. Foto:Kunstmuseum Bochum. © Heinrich Holtgreve 

Einem "zarten, aber beharrlich-fordernden Trommeln der Katastrophe" lauscht taz-Kritiker Benno Schirrmeister in der Ausstellung "How We Meet" im Kunstmuseum Bochum. Die beiden japanischen Neofluxus-KünstlerInnen Ei Arakawa-Nash und Yuko Mohri dokumentieren mit ihren Werken den "Verfall der Welt", erklärt der Kritiker, so beispielweise in Yuko Mohris Langzeitprojekt "Moré Moré", was auf Deutsch "undicht" bedeutet: "Seit 2011 dokumentiert die Tokyoter Künstlerin fotografisch die einfallsreichen Konstruktionen, mit denen die U-Bahn-Arbeiter das an zahllosen Stellen in die Metroschächte der größten Stadt der Welt eindringende Wasser auffangen. Diese aus Gummistiefeln, alten Schirmen, Zinkgießkannen, Eimern und Flatterband geschaffenen genialen Interimsplastiken bastelt sie nach, auch in Venedig waren solche Installationen 2024 zu erleben. Hier allerdings stehen sie nicht auf dem dunkel strukturierten Marmorboden des japanischen Pavillons, sondern in einem weißen langen Saal. Und das ist von Vorteil: Wie ein dürrer Wald aus toten Bäumen ragen die Gebilde auf, an denen wie Lianen Gummischläuche hängen: Mit Pumpen hat Mohri das Wasser in einen Kreislauf überführt und dafür gesorgt, dass seine Bewegung Bongos, Becken, Snaredrums oder anderes Schlagwerk in Schwingung versetzt."

Die Kunsthistorikerin Julia Voss hat an der Ausstellung "Porträts der deutschen Geschichte" im Deutschen Historischen Museum mitgewirkt, entsprechend wohlwollend steht sie Wolfram Weimers Vorschlag einer nationalen Porträtgalerie nach britischen Vorbild (unsere Resümees) gegenüber. Auf Zeit Online geht sie aber auch nochmal auf die Gründe ein, warum man sich speziell in Deutschland bisher schwer tat mit einem solchen Unterfangen. Die Nazis waren geradezu besessen von Porträts: "Eine Flut von Gemälden und Fotografien zeigte Amts- und Funktionsträger von Partei und Staat, vom Hitlerjungen und SA-Mann bis zum NS-Führungspersonal. (...) Als nach 1945 im Auftrag des US-amerikanischen Kriegsministeriums in Deutschland Tausende Kunstwerke der NS-Zeit konfisziert wurden, waren darunter auch viele NS-Porträts. Die bald 'German War Art Collection' genannte Sammlung wurde nach Washington gebracht. Die Verantwortlichen dort zogen einen interessanten Schluss: Von den umfänglichen Rückgaben nach Deutschland, die bis in die Achtzigerjahre erfolgten, wurden die Porträts der NS-Eliten ausgenommen. Offensichtlich trauten die Amerikaner den Bildern weiter zu, Schaden anzurichten."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Franz Karl Bühler. Zeichnungen aus der Sammlung Prinzhorn" im Museum Pfalzgalerie (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.08.2026 - Kunst

Cretto di Burri. Urheber: Davide Mauro. Wikimedia Commons.  
CC BY-SA 4.0.


Luca Bognanni erzählt im Standard von der Kunststadt Gibellina in Westsizilien. 1968 hatte ein Erdbeben die Stadt heimgesucht, die von Rom aufgezwungene neue Stadtplanung wollte nicht fertig werden, stattdessen kamen Künstler wie Beuys oder Consagra, um der Stadt ihren künstlerischen Stempel aufzudrücken: "Die eindrucksvollste Arbeit entsteht jedoch außerhalb der Planstadt. Alberto Burri lässt die Trümmer des alten Ortes mit Beton überziehen. Der Cretto di Burri zählt zu den größten Land-Art-Kunstwerken der Welt, 90.000 Quadratmeter fasst das Labyrinth aus weiß gekalkten Betonschollen. Aus der Ferne wirkt der quadratische Monumentalbau wie eine Küchenfliese inmitten bewirtschafteter Felder. Burri selbst sollte die Fertigstellung nicht mehr miterleben. Immer wieder stockte die Finanzierung. Der Cretto begann zu verwahrlosen, das Leichentuch bekam Risse. So wie Burris Cretto erging es auch anderen Großprojekten. Pietro Consagras Theater im Zentrum der neuen Stadt, verblieb als Rohbau-Skelett. Die Kirchenkugel der Chiesa Madre krachte kurz vor der Eröffnung in sich zusammen und war für Jahrzehnte unbetretbar. Gibellina Nuova haftete fortan der Ruf der gescheiterten Idealstadt an. Ein riesiger Parkplatz für eine Utopie, die nie eingetroffen war."
Stichwörter: Gibellina, Burri, Alberto

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2026 - Kunst

Die britische Künstlerin Alexandra Daisy Ginsberg ist berühmt für ihre "Pollinator Pathmaker" genannten Gärten, für die sie mit einem Mathematiker einen Algorithmus erarbeitete, der insektenfreundliche Gärten schafft. Im SZ-Gespräch mit Martin Wittmann erklärt sie, worauf dabei zu achten ist - etwa mit Blick auf Bienen: "Sie kann etwa Rot nicht sehen, aber Ultraviolett. Eine Blume, die für uns gelb aussieht, kann für eine Biene rosa sein. Bienen sehen eine Wiese nicht so, wie wir sie sehen. Ihre Flimmerfusionsschwelle liegt höher, das heißt, was für uns wie Bewegung aussieht, wird von Bienen als einzelne Bilder wahrgenommen. Sie orientieren sich außerdem anhand polarisierten Lichts. Sie können die elektrischen Felder von Blumen wahrnehmen: Wenn eine Blume ihren Nektar aufgebraucht hat und sich regeneriert, verändert sich ihr elektrisches Feld, und die Biene bemerkt das. Sie riecht Duftspuren, die der Wind durch die Landschaft trägt. Bestimmte Arten können sich die Orte jeder Blume merken, die sie an einem Tag besucht haben."

Minnie Evans, Untitled (Face with Crown and Angels), 1968.  Collection of Wendy Williams, New York. © The Estate of Minnie Evans. Photograph by Christopher Burke

Veronica Esposito (Guardian) taucht ein in eine Welt voller Leuchtkraft und Momenten von Ruhe in der großen Retrospektive, die das Whitney Museum of American Art der schwarzen Künstlerin Minnie Evans aktuell widmet. Evans Bilder, die die Vision einer untergegangenen Welt heraufbeschwören, wurden oft als Reaktion auf den Rassismus der Jim-Crow-Ära gelesen, dabei waren die Bilder genauso von der Bibel beeinflusst, erkennt die Kritikerin: "Evans' Kunst ist dicht und inspiriert: Formen wiederholen sich in schillernden Anordnungen, Wesen sind mit einer Detailfülle verziert, die fast zu winzig ist, um wahr zu sein, und mandalaartige Gesichter weisen endlose Kurven und Spalten auf, die Raum für Evans' präzisen Umgang mit Farbe und Schattierung bieten. Häufig finden sich biblische Motive sowie üppige, fast tropisch anmutende Darstellungen von Grünpflanzen und Blumen."

Weitere Artikel: In der SZ erkennt Tanja Rest, wie wenig Tomas Saraceno, der im Münchner Haus der Kunst einen Teil der Ausstellung "Verwobene Welten" für Hunde hat öffnen lassen, über Hunde weiß.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.08.2026 - Kunst

Volker Zander (taz) taucht tief ein in das Gesamtwerk der Mathematikerin, Komponistin, Dichterin, Künstlerin und Musikerin Catherine Christer Hennix, der der Badische Kunstverein in Karlsruhe derzeit die Ausstellung "Cosmological Critque" widmet. Neben Einflüssen Lacans und des Sufismus erkennt Zander hier auch, wie früh der Transfeminismus im Werk der Künstlerin, die sich aber den 1990ern C.C. Hennix nannte, eine Rolle spielt: "Das erste C steht für ihren selbstgewählten Namen Catherine, das zweite C für ihren männlich gelesenen Geburtsnamen Christer. Diesem transfeministischen Komplex im Werk von Hennix sind die Kabinette des Kunstvereins gewidmet. Eine doppelte Schwingtür - die eine Seite rot, die andere blau - hängt zwischen den Kabinetten. Wer von der einen Seite zur nächsten will, kann zwischen einem roten, männlichen 'Hommes'-Flügel oder einem blauen, weiblichen 'Femmes'-Flügel wählen, oder auch beide gemeinsam aufschwingen lassen. An den Wänden verschlungene, ausladend große, wieder rot blau gefärbte Papierschleifen, unschwer als Kombinationen aus Möbiusschleife und Lacans Borromäischem Knoten zu erkennen."

Der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn will sich dezidiert an ein "nichtexklusives Publikum" richten - doch die Werkschau mit 45 Schautafeln mit Dokumenten, Zeichnungen und Fotos vergangener Installationen, die Philipp Meier (NZZ) im Bündner Kunstmuseum sieht, scheint das Gegenteil zu versprechen. Angelehnt an Aby Warburgs Bilderatlas einer "Kunstgeschichte ohne Worte" mit rund tausend Bilddokumenten zur Wirkung der Antike auf die abendländische Kunst blickt Hirschhorn hier auf sein "eigenes visuelles Universum" zurück: "So gilt eine Tafel dem temporären Denkmal, das Hirschhorn jüngst in Genf Simone Weil gesetzt hat. Die Dokumentation macht die von Hirschhorn eingerichtete Bastelstube unter der Kuppel des Pavillon Sicli von April bis Mitte Juni dieses Jahres nochmals erfahrbar. Von deren Wänden beobachtete die französische Philosophin mit ihrer unverkennbaren Nickelbrille auf Fotoporträts das bunte Treiben: Da fanden sich jeden Tag Menschen ein zum Kaffeetrinken, zum Schach- oder Theaterspielen und zum Diskutieren."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.08.2026 - Kunst

Simon Hantaï in seinem Atelier in Meun 1974. (Quelle: Archives Simon Hantaï, CC BY-SA 4.0)

Ob Simon Hantaï (1922-2008) die "publikumswirksame Fokussierung" auf die Farben in seinem Werk gefallen hätte, wie es in einer Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden geschieht? Wohl eher nicht, glaubt Alexandra Wach in der FAZ, wenn sie bedenkt, dass der ungarisch-französische Maler den kommerziellen Kunstbetrieb ablehnte. Beeindruckend ist die Ausstellung aber allemal, versichert die Kritikerin, die sich fasziniert die frühe Serie "Mariales" anschaut, die Hantaï Mariengewändern auf berühmten Fresken nachempfunden hat. Es handelt sich bei den "blauen, roten oder goldenen Farbräumen auf die sakrale Bildtradition der Schutzmantelmadonna verweisenden Werken um erste Beispiele von Hantaïs legendärer Falttechnik (...). Spätestens seit 1960 war die Leinwand für ihn vor allem ein Textil, das auf dem Boden zerknüllt oder verschnürt werden konnte. Dann erst trug er Farbe auf die hervorstehenden Partien und die eingezogenen Bereiche auf. Nach der Entfaltung und Glättung der dreidimensionalen Objekte kamen auf den im letzten Schritt auf Keilrahmen gespannten Tüchern Muster weißer Flächen zum Vorschein. Sie erinnerten mal an geologische Brüche, mal an kristalline Blattformen, die sich fern des menschlichen Treibens in unendlicher Stille selbst genug waren."

Weiteres: In Monopol zeichnet Jens Hinrichsen Leben und Wirken der amerikanischen feministischen Künstlerin Nancy Spero (1926-2009) nach, die erst ab den 2000er Jahren von der breiten Öffentlichkeit gewürdigt wurde und am 24. August 100 Jahre alt geworden wäre.
Stichwörter: Hantai, Simon

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.08.2026 - Kunst

Findet nicht den Zuspruch der Welt: Felix Burgers Videoinstallation "Swanhood". © Felix Burger

In Bayreuth begehen nicht nur die Festspiele dieses Jahr ein Jubiläum; auch das Richard-Wagner-Museum in der Villa Wahnfried, wo Wagner einst höchstpersönlich lebte, feiert einen runden Geburtstag. Zum 50. präsentiert das Haus eine Reihe von Installationen - die Welt-Kritiker Tilman Krause gehörig auf den Keks gehen. Arbeiten von, unter anderen, Felix Burger und dem Kollektiv Sounding Situations findet er beliebig, sie verbinden das Werk mal mit diesem, mal mit jenem, im Fall von Sounding Situations gar mit der russischen Söldnergruppe Wagner. Krause zürnt: "Merken die Installationskünstler, merken die Leute vom Richard-Wagner-Museum nicht, dass hier ein keinerlei Erkenntnisgewinn zutage fördernder Wagner-Ausverkauf stattfindet? Eine Usurpation der 'Marke' Wagner, die für alle möglichen Übel auf der Welt herangezogen wird, die er nicht nur nicht kannte, sondern die er, der ja ein intelligenter Mann war, aller Wahrscheinlichkeit nach genauso verurteilt hätte wie wir? Die leerlaufende Routine dessen, was man heute unter der aussagelos gewordenen Floskel 'kritische Auseinandersetzung' subsumiert, feiert jedenfalls beim Museums-Jubiläum Triumphe, wie man sie so sinnfrei lange nicht erlebt hat."

Weitere Artikel: Ursula Scheer mokiert sich in der FAZ über den fragwürdigen Verkauf eines Werks des Malers Sacha Jafri, das im Jahr 2021 für 62 Millionen Dollar den Besitzer wechselte. Zumindest vermeintlich: Der "Käufer", der französisch-algerische Kryptounternehmer André Abdoune, hat bis heute nicht bezahlt - und folglich ist auch bei den Wohltätigkeitsorganisationen, an die der Kaufpreis weitergereicht werden sollte, bislang nichts angekommen. Maxi Gaiser besichtigt für monopol das schwimmende Kunstwerk "Treasure" von Michel de Broin im Waldsee Kohlengrube.
Stichwörter: Richard-Wagner-Museum