Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2019 - Kunst

Miriam Cahn, o.t., 2018. Courtesy of the artist, Galerie Jocelyn Wolff, Paris, und Meyer Riegger, Berlin / Karlsruhe. © Miriam Cahn, Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter

Anne Katrin Feßler unterhält sich für den Standard mit der Künstlerin Miriam Cahn, die in diesem Jahr mit fünf Soloschauen (derzeit in Bregenz) in ganz Europa präsent ist. Cahn verteidigt ihr Recht auf Zorn und aufs Lachen: "Dieses Lachen ist ein Zähnezeigen. Das kennen wir alle. Frauen machen das wahnsinnig oft: Jemand ist bös zu dir, und eigentlich müsstest du dem eine schwingen, aber du schaffst es nicht, also lachst du. Bei den Hunden und Wölfen und anderen Tieren ist das genauso: Sie ziehen die Lefzen hoch, werfen sich auf den Rücken und zeigen dem Feind den Bauch. Diese Unterwerfungsgeste finde ich sehr interessant - wir sind ja auch Säugetiere. Diese Geste zeigt natürlich den Zustand."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel schreibt Christian Schröder zum 500. Todestag Leonardo da Vincis. In der Welt erklärt Swantje Karich, warum Leonardo nicht nur ein begnadeter Maler, sondern auch ein Feminist war. Tal Sterngast betrachtet für die taz "Die Darbringung Christi im Tempel" von Mantegna und Bellini, die man gerade beide in der Ausstellung "Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance" in der Berliner Gemäldegalerie sehen kann.

Besprochen werden die Schau "Flucht in die Bilder?" im Brücke Museum in Berlin (Tagesspiegel) und die große Rothko-Ausstellung im KHM in Wien ("Mehr als die Präsenz von Rothkos Œuvre gegenüber den Altmeistern erstaunt es, dass sie auch der verkorksten Ausstellungsarchitektur standhalten", schreibt Catrin Lorch in der SZ).
Stichwörter: Cahn, Miriam

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2019 - Kunst

Ernst-Ludwig Kirchner: Schafherde, 1938. Brücke-Museum / Wikipedia


In der Kunst fällt die Trennung von Künstler und Werk leichter. Mit seiner neuen Ausstellung setzt sich das Brücke Museum in Berlin erstmals mit der Haltung der Brücke-Maler während der NS-Zeit auseinander. Spektakuläres gibt es nicht zu verzeichnen, meint Ingeborg Ruthe in der FR: "Aber es stimmt freilich, dass Karl Schmidt-Rottluff als junger Offizier im Ersten Weltkrieg unverzeihlich Dummes über die 'jüdische Weltverschwörung' gesagt hat. ... Es ist auch eine peinliche Tatsache, dass Ernst-Ludwig Kirchner sich empört gegen den Anwurf wehrte, es gäbe einen 'jüdischen Einfluss' auf seine Arbeit, und er habe doch für eine 'echte deutsche Kunst gekämpft ...'. Kirchner, der zu Kriegsende 1918 in die Schweiz gezogen war, nur von fern erlebte, was in Deutschland politisch passierte, nahm sich 1938 resigniert über die Feme und seinen fatalen Irrtum das Leben. Eines seiner letzten Motive in der Ausstellung ist das einer blökenden, offenbar heillos chaotischen Schafherde vor steilen Berggipfeln."

Besprochen wird außerdem eine Polke-Richter-Kiefer-Baselitz-Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart (Zeit).
Stichwörter: Brücke, Brücke-Maler

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2019 - Kunst

Valentin de Boulogne: David mit dem Haupt des Goliath und zwei Soldaten, 1620/22. Bild: Museo Nacional Thyssen-Bornemisza

Spektakulär ist die Schau natürlich, mit der die Alte Pinakothek in München Caravaggio und seinen Utrechter Adepten huldigt. Aber SZ-Kritikerin Kia Vahland stellt sie auch vor ein Rätsel, denn die Kunstgeschichte allein kann diesen Kosmos düsterer Brutalität nicht erklären, meint Vahland: "Jetzt kommt das wahre Leben, scheinen ihre Gemälde zu sagen - und führen dann die Betrachter doch nicht wirklich in die Spelunken und dreckigen Gassen, sondern auf eine theaterhafte Bühne, auf der Gaunerinnen und Mörder dramaturgisch perfekt inszeniert auftreten. So entstehen bildstarke, überwältigende Kompositionen. Und der Pinakothek ist es gelungen, das Beste vom Besten vor allem der Utrechter, aber auch der anderen europäischen Nachfolger Caravaggios in der Schau zu versammeln. Woher aber kommt der Kult der Härte im Barock? Was ist das für eine Gesellschaft in Rom, in der die Demütigung darstellungswürdiger ist als das Mitgefühl und nicht einmal mehr die Verhöhnten ihre Gefühle offenbaren?"

Ansicht von Kader Attias Museum of Emotion. Hayward Gallery, London.

Auf Hyperallergic feiert Naomi Polonsky Kader Attias "Museum of Emotion" in der Londoner Hayward Gallery und attestiert dem in Berlin lebenden französisch-algerischen Künstler ein echtes Talent für verbale und visuelle Pointen: "Er durchgräbt Geschichte, Politik, Literatur, Religion, Kunst, Anthropologie und Medizin und stößt überall auf Echos: Zwischen den Gesichtsnarben von Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg und von afrikanischen Stämmen, zwischen den Emotionen, die Diktatoren und Jazz-Singer erregen, zwischen Masken aus dem Kongo und Edvard Munchs 'Schrei'. Aber in Attias Methode steckt nichts distanzierten oder klinisches. Die Retrospektive in der Hayward Gallery beweist, dass Attia zugleich über emotionale Tiefe und ernste Gelehrsamkeit verfügt."

Weiteres: Der Guardian erzählt im Schweinsgalopp die Kulturgeschichte von Notre Dame in den Künsten. Auf Hyperallergic erinnert Erica Rawles an die erste Generation schwarzer Film- und Videoküntler, die Filmemacher der LA Rebellion. taz-Kritikerin Katharina Cichosch begutachtet im Weltkulturenmuseum vergnügt, was der Frankfurter Künstler Reinhard Wanzke von seiner Reise um die Welt zusammengetragen hat.

Besprochen werden die Schau des DDR-Fotografen Roger Melis in den Berliner Reinbeckhallen (Tsp) und eine Ausstellung der Fotografin Barbara Probst in der Galerie Kuckei & Kuckei (Tsp).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2019 - Kunst

Anja Niedringhaus: Bilderkriegerin. Ausstellungsplakat des Käthe-Kollwitz-Museums in Köln

In der taz schreibt die frühere Fotoredakteurin Gunda Schwantje über die erste posthume Einzelausstellung der Fotografien Anja Niedringhaus im Käthe Kollwitz Museum in Köln. Schwantje lässt auch die AP-Reporterin Kathy Gannon zu Wort kommen, die bei dem Attentat auf Niedringhaus in Kabul schwer verletzt wurde, jetzt aber wieder in Afghanistan arbeitet: "'Kein Verrückter mit einer Waffe wird für mich entscheiden, ob ich arbeite, wie ich arbeite, wann ich arbeite. Ich spüre dieselbe Dankbarkeit, in der Lage zu sein, die Geschichten der Menschen zu hören. Ich betrachte die Menschen nicht anders als früher. Davor hatte ich Angst', sagt sie. 'Afghanen, Pakistaner, Deutsche: Man definiert sie nicht durch die Verrückten unter ihnen, sondern durch die Masse. Afghanen sind wirklich wundervolle Leute. Pakistaner und Deutsche sind es. Ich werde keiner verrückten Person erlauben, eine Nation zu definieren. Und Anja ist die ganze Zeit präsent. Ich vermisse sie schrecklich.'"

Peter Doig: Lion in the Road (Sailors), 2019, Ausstellungsansicht Secession 2019, Foto: Hannes Böck, Courtesy the artist and Michael Werner Gallery, New York and London / Bildrecht Wien

Im Standard feiert Michael Wurmitzer eine Schau des in Trinidad lebenden schottischen Malers Peter Doig in der Wiener Secession: "Peter Doig wirkt wie ein Paul Gauguin der Gegenwart. Mit seinem Lebensmittelpunkt entzieht er sich der Kunstszene ein Stück weit. Er bietet dem westlichen Kunstmarkt keine Gender- und Medienkritik, keine Kapitalismus- und Selbstreferenzen, sondern zeigt das Fremde. Was schimmert da in der Ferne am Horizont? Es ist die Gefängnisinsel Carrera. Die Szenen umweht ein Hauch von Animismus und Voodoo."

Besprochen werden die große Schau "Baselitz Richter Polke Kiefer" über die jungen Jahre der Alten Meister in der der Stuttgarter Staatsgalerie (FR), Ausstellungen zu Bauhaus-Porzellan im Staatliches Museum für Porzellan in Hohenberg und im Rosenthal-Werk in Rotbühl/Selb (FAZ), und eine Schau von Tish Murtha, Benita Suchodrev und "Distant Islands zur Gegenwart in Großbritannien im Willy-Brandt-Haus in Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2019 - Kunst

In der NZZ verteidigt auch Claudia Schwartz Angela Merkels Entscheidung, Emil Noldes Bilder aus dem Kanzleramt zu entfernen, schließlich müsse sie nicht jedem Staatsgast Debatten über Deutschlands Vergangenheit aufdrängen: "Die Diskussion über politische Verfehlung der Künstler ist Sache der Museen." Im Tagesspiegel findet Christiane Peitz dagegen, dass man die Widersprüchlichkeit eines Künstlers aushalten muss: "Ja, Wissen ist anstrengend, aber auch eine aufregende Sache. Gut, dass wir wissen, wie Brecht seine Mitarbeiterinnen schikaniert und seine Ko-Autorinnen verschwieg. Gut, dass die Provenienzrecherche vorangetrieben wird. Gut, dass es Ausstellungen gibt wie jetzt die kritische Nolde-Schau in Berlin im Hamburger Bahnhof, dass die Kunst auch mal unsanft aus ihrem Elfenbeinturm geschubst wird. Was keineswegs heißt, dass ihr Genuss sich verböte. Er ist nur nicht umsonst zu haben.  

Weiteres: In der NZZ begrüßt Melanie Keim, dass eine Ausstellung im Haus für Kunst in Uri die avantgardistische Furk'art der achtziger Jahre einem breiten Publikum eröffnet, das lange den Gästen des Hotels Furkablick auf der Furka vorbehalten war. Besprochen wird die Rembrandt-Ausstellung "Kassel... Verliebt in Saskia" im Schloss Wilhelmshöhe (FAZ).
Stichwörter: Furk'art

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2019 - Kunst

Emil Nolde, Verlorenes Paradies, 1921 Öl auf Leinwand, 106,5 × 157 cm, Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Fotowerkstatt Elke Walford, Hamburg, und Dirk Dunkelberg, Berlin

Nach der neuen Emil-Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof, die Nolde als Antisemiten und Rassisten zeigt, debattieren die KunstkritikerInnen aufgeregt über das künstlerische Erbe des Expressionisten. Die Ausstellung ist ein "Prozess", die den Künstler entlarven will, meint Andreas Kilb in der FAZ: "Wo immer die Ausstellung mit Bildern illustrieren will, was ihre Dokumente belegen, greift sie ins Leere. Nolde war ein Rassist, der von einer 'reinlichen Scheidung' zwischen Juden und Germanen träumte und noch kurz vor Kriegsende gegen 'Bolschewismus, Judentum u. Plutokratismus' hetzte, aber seine Kunst ist weder reinlich noch eindeutig. Sie macht Jesus nicht zum Arier und Eva nicht zur Heldenmutter. Sie folgt nicht der Ideologie ihres Schöpfers, sondern seinem Blick."

Alles ein bisschen viel "Tugendhysterie", sagt auch im Dlf-Gespräch mit Christoph Heinemann der Historiker Michael Wolffsohn: "Zur Tatsachenfindung gehöre, dass Emil Nolde ein ganz bedeutender deutscher Künstler gewesen sei, und dass viele bedeutende deutsche Künstler und Denker 'gebrochen gewesen sind in dem, was für uns heute geltende Moral ist.' Das gelte auch für andere wie zum Beispiel Luther. 'Wir haben im Jahre 2017 das Luther-Jahr gefeiert. Luther war ein ganz schlimmer Antisemit, der bishin zur Verbrennung von Juden plädiert hat. Soweit ist Herr Nolde nicht gegangen.'"

Dass Nolde sich den Nazis andiente, wusste man spätestens seit der Frankfurter Schau 2014, winkt Christian Schröder in der FR ab: "Aber da sich der Kunstbetrieb ganz offensichtlich nicht mehr für das Gedächtnis zuständig zeigt, herrschte in den letzten 14 Tagen eine selbstvergessene Nolde-Diskussion, nervös und gesinnungsstark." Nach dem Krieg sorgte Nolde in Windeseile dafür, sich als verfolgter Künstler darzustellen, erinnert Till Briegleb indes in der SZ. Mit Erfolg: "Der junge Staat und seine vielen Wendehälse auch in der Kulturpolitik suchten dringend nach Leitfiguren mit Opferstatus, die für die Legitimation einer neuen deutschen Kunst mit Weltgeltung taugen könnten." Aber: "Man wird zukünftig nicht mehr seine Kunst und seinen Hass sauber scheiden können."

Die Deutschen verklären gute Künstler gern zu guten Menschen, sagt im Dlf-Kultur-Gespräch mit Ute Welty der Kunsthistoriker Daniel Hornuff: "Es ist ein Phänomen, das im Grunde genommen anschließt an die Vorstellung einer Hochkultur. Die Hochkultur soll das Gute und das Schöne miteinander vereinen. Insofern gibt es ganz viele Menschen, die Werken, die der Hochkultur zugeschrieben werden, auch sofort einen großen moralischen Wert, eine große moralische Bedeutung zuweisen." "Am Beispiel Nolde können wir viel über Deutschland und geschichtliche Verdrängung lernen", schließt Ingeborg Ruthe in der FR. Ebenfalls im Dlf-Kultur sprechen die Kuratoren Aya Soika und Bernhard Fulda über die Ausstellung.

Weitere Artikel: Für den Guardian porträtiert Oliver Basciano den marokkanischen Maler Mohamed Melehi, dessen psychedelische Bilder in den sechziger Jahren das Bauhaus mit islamischer Kunst verbanden - und der aktuell in den Londoner Mosaic Rooms wiederentdeckt werden kann.

Besprochen wird die 53. Art Cologne (FAZ, SZ, Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.04.2019 - Kunst

Pablo Picasso, Mädchenbildnis, 1914. © Centre Pompidou, Mnam - CCI/Jean Claude Planchet/Dist. RMN-GP © Succession Picasso / 2019, ProLitteris, Zurich


Fahren Sie in die Schweiz, empfiehlt Gottfried Knapp in der SZ. "Wohl noch nie ist der Pariser Teil der Entwicklungsgeschichte der Moderne so umfassend dargestellt worden" wie derzeit in Basel. Dort kann man außer der Ausstellung über den jungen Picasso in der Fondation Beyeler jetzt auch eine Ausstellung im Kunstmuseum Basel über den "Kosmos Kubismus. Von Picasso bis Léger" sehen. "Im ersten Raum - er trägt den Titel "Primitivismus" - ist zu erleben, wie radikal Picasso, Georges Braque oder André Derain um 1907 auf die irritierend fremdartigen Werke außereuropäischer Kulturen reagiert haben. Archaische Kultobjekte treffen hier auf moderne Bilder. ... Wie diese beiden Männer in den folgenden Monaten auf das allmähliche Verholzen der von ihnen gemalten Figuren mit immer präziseren Spaltungen antworteten und so gemeinsam den Kubismus entwickelten, wird in den folgenden Räumen zum Ereignis. Besonders eindrucksvoll lässt sich der Einfluss von Paul Cézanne nachvollziehen."

Jack Whitten, Apps for Obama, Detail, 2011, Privatbesitz, courtesy Zeno X Gallery © Jack Whitten, courtesy Zeno X Gallery, Antwerp / John Berens


Im Hamburger Bahnhof in Berlin kann man derweil einen ganz anderen Zugang zu afrikanischer Kunst erleben, nämlich mit einer Ausstellung des afroamerikanischen Malers Jack Whitten, schreibt Simone Reber im Tagesspiegel: Hier "lassen vor allem die reliefartigen Mosaikbilder aus den letzten Jahrzehnten des Schaffens ihren Charme spielen. In ihnen verbinden sich Malerei und plastisches Arbeiten. Als Jack Whitten mit der Holzschnitzerei begann, beschäftigte er sich intensiv mit afrikanischen Artefakten. Anders als die Expressionisten und Kubisten wollte er jedoch den spirituellen Gehalt der afrikanischen Figuren und Masken ergründen, er wollte, wie er später schrieb, über Picasso hinausgehen. Seine Suche nach dem afrikanischen Spirit übertrug sich in die Malerei."

Emil Nolde, Herrin und Fremdling, o. D. (wahrscheinlich Vorlage für das Gemälde Nordische Menschen, 1938), © Nolde Stiftung Seebüll / Dirk Dunkelberg


In der neuen Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof kann man jetzt gut nachvollziehen, welche Mühe Emil Nolde sich gab, von den Nazis anerkannt zu werden, lernt taz-Kritiker Wolfgang Ruppert: "Er distanzierte sich vom Christentum, weil dieses jüdischen Ursprungs sei, und fand im Nationalsozialismus seinen Glauben. Er malte bis in die fünfziger Jahre keine christlichen Themen mehr. Als zahlreiche seiner Werke 1937 in der Ausstellung 'Entartete Kunst' in München gezeigt wurden, erhielt dies die Wirkungsmacht einer offiziellen Ausgrenzung. Nach seiner Intervention mit Verweis auf seine Parteimitgliedschaft bei Goebbels wurden seine Bilder bei den weiteren Stationen der Ausstellung nicht mehr gezeigt. Nolde malte nun Heldengestalten der Wikinger und mythische Kultszenen mit 'heiligem Feuer'." Es nützte nichts: "1940 sprach der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste, Adolf Ziegler, ein Berufsverbot gegen ihn aus." (Eine weitere Ausstellungsbesprechung gibts im Tagesspiegel)

In seinem Blog (und in der Welt) schreibt auch Thomas Schmid: "Die Kunstkritik übersieht gerne, dass der deutsche Expressionismus, zu dem man Nolde zählen muss, von Anfang an auch eine deutsch-völkische Unterströmung hatte. Es geht um das Echte gegen das Gekünstelte, das Wuchtige gegen das Zierliche, das Dramatische gegen das Gefällige, das Nordische gegen das Südliche, vor allem gegen das Französische, das Deutsche gegen das Jüdische. In diesem Kampf steht Nolde in erster Reihe, für einen 'nordischen Expressionismus'."

Dass Emil Nolde nicht der einzige deutsche Maler mit Sympathien für die Nazis war, erzählen auch Christiane Meixner, Christiane Peitz, Birgit Rieger und Georg Ismar im Tagesspiegel: "Eine Ausstellung im Brücke Museum zeigt ab 14. April die schwierige Gemengelage anhand ehemaliger Brücke-Künstler: Maler wie Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein und Ernst Ludwig Kirchner hegten um 1933 und in den Jahren danach noch die Hoffnung, mit ihrer Kunst Anerkennung unter den Nationalsozialisten zu finden. Auch der Architekt Mies van der Rohe versuchte zunächst mit den Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten, bevor er verfolgt und vertrieben wurde. Genauso wie der Bauhaus-Künstler Oskar Schlemmer, der ebenfalls aus seinem Lehramt gejagt wurde. Der geläufige Gegensatz von hier 'entarteter Kunst' und dort 'Nazi-Kunst' wurde in letzter Zeit vielfach angezweifelt und widerlegt."

Weitere Artikel: Gropius-Bau-Chefin Stephanie Rosenthal wird die nächste Biennale-Jury in Venedig leiten, meldet der Tagesspiegel. Im New Yorker stellt Peter Schjeldahl den Maler T.C. Cannon vor, dem die New Yorker Abteilung des Smithsonian's National Museum of the American Indian gerade eine große Retrospektive widmet.

Besprochen werden außerdem Roger Melis' Fotoretrospektive "Die Ostdeutschen" in den Berliner Reinbeckhallen (Berliner Zeitung), "Christo - Walking on Water", Andrey Paounov Filmdoku zu Jeanne-Claudes und Christos Projekt "The Floating Piers" (taz), die Ausstellung "Van Gogh and Britain" in der Londoner Tate Britain (Tagesspiegel), eine Ausstellung mit finnischer Kunst in der Kieler Stadtgalerie (taz) und die Ausstellung "Botticelli. Heroines and Heroes" im Isabella Stewart Gardner Museum in Boston (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2019 - Kunst

Annamirl Bauer, Diskutierende Frauen in Arles


In der Zeit ermuntert Annett Gröschner zur Wiederentdeckung der Malerin Annemirl Bauer (1939-1989), die nicht nur ein beeindruckend couragiertes Leben führte, sondern auch eine Künstlerin war, die sich vor Jahrzehnten in der DDR mit feministischen Positionen auseinandergesetzt hat, die jetzt auch im Westen aktuell sind: "Sie thematisierte die Schönheit und Vielgestaltigkeit des Weiblichen genauso wie die Gewalt, der es ausgesetzt war, ob es nun die staatliche, die strukturelle oder die männliche Gewalt war. Aber sie beschönigte auch nicht die Rollen, die Frauen spielten. Ihr Blick auf sie war nicht unkritisch. 1989 beschrieb sie in einem Interview in der Untergrundzeitschrift Bizarre Städte ihre Arbeit: 'Ich mache immer öfter Bilder in Korrespondenz zu klassischen Werken, meist in kritischer Auseinandersetzung mit ganz subtiler Frauenfeindlichkeit. Die 'drei diskutierenden Frauen in Arles' erinnern an Picassos 'Frauen von Avignon'. '"

Renate Meinhof widmet sich auf der Seite 3 der SZ den neuen Erkenntnissen zu Emil Nolde, der ein noch viel schlimmerer Antisemit gewesen sei als bisher bekannt. Im Gespräch mit ihr möchte der Historiker Bernhard Fulda, der den Nachlass Noldes mit aufgearbeitet hat, jedoch gern etwas klarstellen: "Also um moralische Verurteilung kann es überhaupt nicht gehen, oder dass man sich überlegen fühlt und sagt: Wir hätten uns anders verhalten in der Diktatur. Aber aufzufächern, hier hat der Künstler die Wahrheit gesagt, hier nicht, darum geht es. Und der historische Nolde hat uns ja viel zu sagen. Da fangen die Fragen doch erst an."

Angela Merkel übt "vorauseilenden Gehorsam gegenüber möglichen Tugendwächtern", klagt Florian Illies in der Zeit mit Blick auf die Nachricht, dass Merkel die zwei Nolde-Gemälde im Kanzleramt abhängen lässt. Und seufzt: "In einer seltsamen Zeit wie der unseren, wo die Kunst unter dem Vorwand der Ideologiefreiheit wieder selbst auf ein ideologisches Accessoire reduziert wird, fehlt vielen die Bereitschaft, sich den widersprüchlichen Konsequenzen der Autonomie der Kunst offen zu stellen."

Besprochen werden Valerio Vincenzos "Borderline", eine Ausstellung mit Fotografien von Europas verschwundenen Schlagbäumen im Lichthof des Auswärtigen Amtes in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Generation Wealth" der Fotografin Lauren Greenfield in den Hamburger Deichtorhallen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.04.2019 - Kunst

Roger Melis: Fischer, Usedom, 1983. Aus der Serie: Die Ostdeutschen - Fotografien aus drei Jahrzehnten DDR. © Roger Melis / Stiftung Reinbeckhallen

Die Reinbeckhallen in Berlin-Schöneweide zeigen Arbeiten des DDR-Fotografen Roger Melis. Im DlfKultur spricht dessen Stiefsohn Mathias Bertram, der die Schau kuratiert hat, über Melis, die kritische Fotografie und den realistischen Blick: "Die Ausstellung fällt jetzt in eine Zeit, in der viel über die Ostdeutschen nachgedacht wird und ihnen gern eine Identität zugeschrieben wird. Und die Ausstellung zeigt eigentlich genau das Gegenteil: Sie zeigt eine äußerst vielfältige, differenzierte, ja, heute würde man sagen, diverse Gesellschaft, und zwar einmal natürlich eine sozial vielschichtige Gesellschaft - und das führt hier eben dazu, also dass man die Landarbeiter, die Forstarbeiter, die Fabrikarbeiter genauso sieht wie den Parteisekretär, den Betriebsdirektor. Und natürlich ist das auch im politischen Spektrum eine vielfältige Gesellschaft, die sich nicht auf einen Nenner bringen lässt. Das kann man sehr schön an diesen Porträt-Serien sehen."

Erst musste Angela Merkel die Bilder des NS-Mitläufers Emil Nolde im Kanzleramt abhängen, dann musste sie vom antibritischen Antisemiten Karl Schmidt-Rotluff Abstand nehmen. Dass sie jetzt erstmal gar kein Bild mehr aufhängen will, kritisiert  Kia Vahland in der SZ aber auch schon wieder als "mutlos". In der Berliner Zeitung wirft Harry Nutt die Frage auf, wer eigentlich die Kanzlerin in Kunstfragen berät. (Der Perlentaucher würde dem Kanzleramt Lotte Laserstein empfehlen, oder Katharina Grosse!)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2019 - Kunst

Über Leben auf dem Land: Éva Szombat, Calves, Tiszaújváros, 2012 © Éva Szombat


In der taz kann Dominikus Müller nur begrüßen, dass sich das Festival Foto Wien stärker bündeln und fokussieren möchte, doch bei aller Unübersichtlichkeit hat er etliche interessante Arbeiten gefunden, etwa die Found-Footage-Kompilation "Der illegale Film" von Martin Baer und Claus Wischmann zum Thema Bildrechte. Aber: "Wenn auf der Foto Wien ein Thema wiederholt aufgegriffen wird, dann die fotografische Auseinandersetzung mit dem Land als Gegenpol zur Stadt als klassischem Sujet der Fotografie. Zum Beispiel in der von Verena Kaspar-Eisert im Kunst Haus kuratierten großangelegten Ausstellung 'Über Leben am Land', die das Dokumentarische wie auch eine gewisse Fokussierung auf die Härten des Landlebens bereits im doppeldeutigen Titel vor sich herträgt. Das Land wird in dieser großen Ausstellung mit insgesamt 20 Künstler*innen ganz bewusst als Provinz ins Auge genommen - als strukturschwaches Hinterland, wenn man so will, das mit den verkitschenden Klischees einer städtischen Perspektive wenig zu tun hat: Bilder von Misthäufen und hochgezüchteten Bullen, von tristen Bushaltestellen, Futtersilos und leeren Straßen."

Weiteres: Nach Besuch der großen Edvard-Munch-Schau "Love and Angst" im British Museum in London erscheint Guardian-Kritiker Jonathan Jones die den Maler umgebende Düsternis überhaupt nicht symbolistisch: "Munch hatte guten Grund sich verdammt zu fühlen. Aufgewachsen im Norwegen des 19. Jahrhundert war er umgeben von Krankheit und Tod." Für die FAZ besichtigt Patrick Bahners in der Ludwiggalerie Oberhausen eine die Schau britischer Pop Art aus der Sammlung Heinz Beck.

Stichwörter: Foto Wien