Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2020 - Kunst

Bild: "Fernand Khnopff, Die Zärtlichkeit der Sphinx [Des Caresses], 1896, Öl auf Leinwand, 50 × 150 cm, © Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel.

Das "Trüffelduftige" und "Narkotische" in den Bildern von Fernand Khnopff, James Ensor oder Felicien Rops kann Peter Richter in der SZ in der Blockbuster-Ausstellung "Dekadenz und dunkle Träume" in der Alten Nationalgalerie nicht darüber hinwegtäuschen, dass "das junge Belgien damals wirtschaftlich und kulturell nicht zuletzt auf Kosten seiner Kolonien prosperieren konnte": "So richtig dunkel und dekadent werden die Traumbilder jener Belgier aber erst dann, wenn man sie sich als Pendants zu den Fotos von abgehackten Kinderhänden aus dem Kongo denkt. Dabei ist gar nicht die Frage, ob und was genau diese Maler von den Grausamkeiten in der Privatkolonie ihres Königs wussten. Symbolistisch gesprochen: Ihre Bilder ahnen es für sie. Als eminent bürgerliche Künstler für eine eminent bürgerliche Kundschaft sind sie zwangsläufig verstrickt in exakt die Wirtschaftsordnung, vor deren brutaler Diesseitigkeit sie malend oder bildhauernd die Augenlider senkten, um in rauschhafter Begeisterung für die eigene Empfindsamkeit nach innen zu schauen."

Den Entstehungskontext der Bilder blendet auch Andreas Kilb in der FAZ nicht aus - und doch ist die von Ralph Gleis aus gut hundertachtzig Stücken aus öffentlichen und privaten Sammlungen zusammengestellte Ausstellung für ihn ein "Liebeswerk", ein "Monument der Hingabe eines Experten an sein Thema". Den belgischen Symbolismus verkörperte kaum ein Künstler so wie Fernand Khnopff, erkennt er: Aus "dem damals handelsüblichen Symbolvokabular aus Sphingen, Rittern, Heiligen, Lilien und antiken Reminiszenzen - das schreiende Antlitz der Medusa und das geflügelte Haupt des Schlafgotts Hypnos sind seine Leitmotive - schuf Khnopff eine Bilderwelt, die noch heute fasziniert, weil sie mit dem frühen Industriekapitalismus zugleich dessen freundliche Fassade, die heute so gern verklärte Massenkultur des Fin de siècle, zu exorzieren versuchte."

Bild: © Miron Zownir, ohne Titel, aus der "Berlin Noir" Serie, 1979

Ganz "unsentimental" zeigt die Foto-Ausstellung "Berlin, 1945 - 2000" in den Berliner Reinbeckhallen die Stadt im Wandel und die Parallelen über Grenzen und Generationen hinweg, staunt die Schriftstellerin Annett Gröschner auf ZeitOnline: "Rudi Meisel reiste in den Achtzigerjahren im Auftrag verschiedener Magazine nach Berlin und fotografierte auf beiden Seiten mehr das Gemeinsame als das Trennende. Er hätte leicht den Weg von Gundula Schulze Eldowy kreuzen können, die zur selben Zeit im Scheunenviertel und der Spandauer Vorstadt fotografierend unterwegs war, um das Leben ihrer Nachbar*innen - Alte, Kranke und aus der Welt gefallene Randexistenzen - zu dokumentieren. Die Häuser sind kaputt, die Straßen stehen still und jedes Haus scheint in einen feuchten Keller zu führen. Die junge Fotografin zeigt Berlin als eine erloschene Stadt, die das 'Gefühl einer archäologischen Stätte verströmte', an den Fassaden Informationen aus einer anderen, unbegreiflichen Epoche."

Weiteres: Ein wenig analoge Kunst entdeckt Helmut Ploebst im Standard dann doch beim diesjährigen Steirischen Herbst, der unter dem Titel "Paranoia TV" eher als "Medienkonglomerat" erscheint: "Auf dem Burgring befinden sich zwei Straßenlaternen, die wie im Dialog miteinander über tausend Namen von fiktiven Orten aus der Weltliteratur aufsagen und dabei blinken. So unterwandert der Künstler Vadim Fishkin die leidigen Reisebeschränkungen." Besprochen wird die Ausstellung "Jürgen Wittdorf: Lieblinge" im Berliner Kunstverein Ost (Welt) und die Installation "Dolorem Ipsum" der georgischen Künstlerin Anna K.E. in der Berliner Galerie Thumm (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.09.2020 - Kunst

Chantal Joffe: Pictures of What I Did Not See 5, 2019. Chantal Joffe/Victoria Miro


Imogen Greenhalgh unterhält sich für die NYRB mit der Malerin Chantal Joffe - sie hat derzeit eine Ausstellung in Bristol - über das Leben während der Corona Pandemie. Joffe nutzt sie zum Arbeiten und für Zeitreisen: "Als es im vergangenen Sommer eine Hitzewelle gab, war das Schlimmste daran für mich das Gefühl, genau in diesem Moment auf diesem Planeten gefangen zu sein. Ich finde Carlo Rovellis Theorien über die Zeit sehr tröstlich. Er sagt, dass die Zeit schnell oder langsam sein kann, und ich liebe diese Vorstellung, die Vorstellung, dass die Zeit nicht linear verläuft, sondern nur vorwärts schreitet - deine Mutter, die jünger ist und in diesem Restaurant isst, das findet irgendwie immer noch irgendwo statt. Ich habe meine eigene Mutter während der Sperrstunde oft gemalt, Bilder von ihr heute und als sie jung war. Ich liebe den Gedanken, dass all das nicht verloren ist - ihre Jugend, wir als Kinder. Es ist immer noch präsent. Du kannst an der Person festhalten, die sie war... Ja, alte Fotos von ihr malen - ich habe Kisten und Kisten davon. Ich habe dieses Foto gemalt, auf dem sie uns allen auf dem Sofa vorliest. Und als ich es gemalt habe, war ich da, auf dem Bild: Es war elektrisch, wie eine Zeitreise. Deshalb liebe ich Rovellis Ideen - dass es Löcher in der Zeit gibt, in die man hineingehen kann."

Weitere Artikel: In der SZ berichtet ein entsetzter Alexander Menden vom Vorschlag eines Mitglieds des durch Corona in die Krise geratenen Londoner Museums Royal Academy of the Arts, eine Skulptur von Michelangelo zu verkaufen, um 150 Mitarbeiter vor der Entlassung zu bewahren: "In dieser Not 'an einem Klumpen Marmor festzuhalten, der die RA für die kommenden Jahre finanziell absichern könnte', sei moralisch falsch, findet der Künstler. Eine Sprecherin der RA-Präsidentin Rebecca Salter dementierte: Man plane nicht, irgendein Stück aus der Sammlung zu verkaufen." Für Menden ist die Diskussion vor allem ein Hilferuf an die Regierung. In monopol erzählt Donna Schons, wie das Städtische Museum Braunschweig das koloniale Erbe seiner ethnografischen Sammlung aufarbeitet. Brooklyn Rail bringt ein Interview mit dem kenianischen Künstler Michael Armitage, der gerade im Münchner Haus der Kunst ausstellt.

Max Beckmann - weiblich-männlich
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Max Beckmann - weiblich-männlich" in der Hamburger Kunsthalle (Welt), eine Film-Installation des Kanadiers Jeremy Shaw im Frankfurter Kunstverein (FR), Philip Grönings VR-Ausstellung "Phantom Oktoberfest - Oktoberfest Phantom"  in der Münchner Villa Stuck (monopol), eine Ausstellung der letzten Monat gestorbenen venezolanischen Künstlerin Luchita Hurtado in der New Yorker Galerie Hauser & Wirth (hyperallergic), eine Ausstellung über "Krieg und Frieden: Bilderchroniken aus der Frühzeit der Alten Eidgenossenschaft" in der Zentralbibliothek Zürich (NZZ) und eine Ausstellung mit "Tierischem" von Paul Klee im Ingelheimer Kunstforum Altes Rathaus (FAZ).
Stichwörter: Joffe, Chantal

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2020 - Kunst

Michael Armitage The Fourth Estate, 2017 © Michael Armitage. Photo © White Cube (George Darrell)


Susanne Lenz kann sich gar nicht satt sehen an den Bildern des kenianischen Künstlers Michael Armitage im Münchner Haus der Kunst. Sie sind nicht nur schön, sondern auch eminent politisch, schreibt sie in der Berliner Zeitung: "Armitage ist ein politischer Bilderschöpfer. ... 'Die vierte Gewalt' zeigt eine Wahlkampfveranstaltung, Menschen in Kostümen, mit grünen Perücken und Plakaten, merkwürdigerweise zeigen einige eine Kröte, im Hintergrund ist die Skyline von Nairobi zu sehen. Die Menschenmenge ist riesig, einige Teilnehmer sind auf einen Baum geklettert und haben auf einem ausladenden Ast Platz genommen - wohl, um von dort bessere Sicht zu haben. Man hat so etwas schon im Prado gesehen, in einem der 'Disparatos' von Goya: Was für ein raffiniertes Zitat. Einen Raum weiter hält 'Antigone' ihre Klitoris ins Bild, in einem Land, in dem Mädchen noch immer beschnitten werden. Ein Laokoon kämpft im Foltergefängnis unter dem Nyayo House in Nairobi mit einer Giftschlange, die sich um seinen Fuß wickelt. Alles bei Armitage ist mehrdeutig, doppelbödig."

"Armitage macht Ernst mit der viel beschworenen Hybridität, dem Miteinander divergierender Welten", lobt auch Hanno Rauterberg in der Zeit. "Mühelos durchkreuzt er die üblichen Erwartungen, bedient sich bei Goya, Velasquez oder Gauguin und lässt zugleich keinen Zweifel daran, dass er ein Künstler aus Kenia ist. Er kennt die Fallen der folkloristischen Klischees und malt trotzdem Paviane, Alligatoren, Schlangen und auch sonst so ziemlich alles, was zu einer afrikanischen Bildsafari dazugehört. Er entwirft diese Bilder mit einigem Trotz, das merkt man schon am Farbauftrag, der oft ruppig ist und ungeduldig. Denn wo käme er hin, wenn er nur deshalb keine Paviane, Alligatoren, Schlangen malte, weil sie im Westen als Kitsch gelten könnten? Das fände er seltsam unfrei. Von der Freiheit aber will seine Kunst erzählen."

Allen Sicherheitskonzepten zum Trotz gab es auch beim Gallery Weekend Berlin einige Corona-Ansteckungen, berichtet Catrin Lorch in der SZ. Passiert ist das offenbar vor allem bei gemeinsamen Abendessen und privaten Veranstaltungen. Da stellt sich ihr die Frage: "Wie weit gehören soziale Events zur Kunst? Die Vorstellung, auf die persönliche Nähe zu Künstlern, Kuratoren, Sammlern und Sponsoren zu verzichten, fällt vielen schwer. Deswegen bleibt die zweite Frage: ob das kultivierte Kulturpublikum - im Kunstbetrieb, aber auch im Theater oder Konzert - womöglich genauso unkontrollierbar ist wie Fußballfans, die vielerorts nur deswegen nicht in die hygienisch korrekten Stadien dürfen, weil man nicht ausschließen kann, dass sie auf dem Rückweg gemeinsam herumgrölen oder sich in den Armen liegen." Die Reaktionen auf eine Galeristin, die ihre Besucher telefonisch informierte, dass sie an Corona erkrankt sei, lässt wenig Hoffnung: Eine ganze Reihe lehnte es ab, sich nun selbst testen zu lassen. "Ihr Fazit: Die Krankheit stigmatisiert."

In Wien sollen die geplanten zwei Kunstmessen aber stattfinden, berichtet Katharina Rustler im Standard: "Kaum vorstellbar, aber die Zeit der großen Parallel-Partys scheint vorbei - zumindest in bekanntem Ausmaß. Dafür könne man, wie im Programm zu lesen ist, Cocktails auf der Dachterrasse des ehemaligen WKO-Gebäudes zu sich nehmen. Die Kunst aber stehe jetzt im Fokus."

Besprochen werden die Keith-Haring-Retrospektive im Folkwang Museum in Essen (SZ), eine Ausstellung zur Geschichte des Georg-Kolbe-Museums in Berlin (Berliner Zeitung), "We never sleep", eine Ausstelllung zur Kunst der Spionage in der Schirn, die auch Kritikerin Sandra Danicke um den Schlaf bringt (FR), die Ausstellung des fotografischen Gruppenprojekts "B1 - eine Straße durch Berlin" in Schloss Biesdorf in Berlin (taz) und die Schau "Voll das Leben!" des Ostkreuz-Fotografen Harald Hauswald im C/O Berlin (FAZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2020 - Kunst

Mit dem Kreuzberger Candomblé-Tempel der Brasilianerin Virginia de Medeiros, dem Gefängnistagebuch der kurdischen Künstlerin Zehra Doğan und anarchistischen Weihnachtsmännern aus Kopenhagen ist SZ-Kritikerin Kito Nedo bei der - bereits vielfach besprochenen - Berlin Biennale voll auf ihre Kosten gekommen: "Die Kritik an den Verhältnissen, die sich das Berliner Kunstfestival verschrieben hat, kommt hier meistens in Form einer Nach-Geschichte, mit radikaler Poesie und gerahmt von Pathos. Es geht auch um Formen des Widerstands, um Gemeinschaft, die Sorge füreinander. Wer meint, Gegenwartskunst sei durch den Markt korrumpiert und eine seichte, unpolitische Spaßveranstaltung geworden, der wird auf dieser Biennale das Gegenteil erleben."

Weiteres: Hanno Hauenstein meldet in der Berliner Zeitung, dass bereits im August zwei Plastiken Arno Brekers gefunden wurden, im Vorgarten des Kunsthaus Dahlems, das Hitlers Lieblingsbildhauer einst als Atelier gedient hat. Im Monopol-Interview mit Silke Hohmann spricht Justin Hoffmann, Direktor des Kunstvereins Wolfsburg, über seine Phänomenale mit solarbetriebener Kunst.

Besprochen werden eine Ausstellung über die Künstlerfamilie Rehfeldt in der Galerie Wolf & Galentz in Berlin (taz) und eine Ausstellung des japanischen Künstlers Shinichi Sawada im Georg-Kolbe-Museum (Tsp).
Stichwörter: Berlin Biennale

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.09.2020 - Kunst

Gibt es aber nur in limitierter Edition. Julian Schnabels "Look to the Future", 2020. 

Die NZZ hat die gesamte Zeitung heute von Julian Schnabel gestalten lassen, dazu gibt es auch für die potente Leserschaft ein Plakat des Künstlers zu kaufen. Über Zoom lässt sich der amerikanische Maler von Michael Gotthelf und René Scheu befragen. Zum Stichwort Kunst und Krise etwa meint Schnabel: "Man sagt, Matisse habe neue Frauen gemalt, während die Welt in Flammen stand. Picasso hingegen hat 'Guernica' gemalt, ein Kriegsbild. Aber das hat nichts zu sagen, denn eigentlich steckt der Künstler ja immer in einer Krise. Ich fühle mich Matisse jetzt nicht näher als früher, ich liebe ihn genau gleich, und am meisten natürlich seine Chapelle du Rosaire de Vence mit den Glasfenstern und den Wandgemälden, den vierzehn Kreuzwegstationen, ein Spätwerk. Er benutzte für die Kapelle weiße Ziegel und gab ihnen einen schwarzen Anstrich. Als ich Matisse in einer Show im Museum of Modern Art zuletzt gesehen habe, habe ich zuerst das Spätwerk betrachtet, dann das Frühwerk, und ich denke, so muss es immer sein: Zuerst musst du sehen, wo sie gelandet sind, und dann erst, wie sie begonnen haben." In einem Porträt fasst Philipp Meier Schnabels Kunst in drei Motiven: "Gelebte Exzentrik, eine Prise Genie und die Arbeit am Großen."

Das Brooklyn Museum bricht mit einer ehernen Regel und will unter anderem Werke von Courbet, Corot und Lucas Cranach versteigern, um den laufenden Betrieb weiter finanzieren zu können (mehr dazu hier). In der Berliner Zeitung hält Nikolaus Bernau das für einen gravierenden Fehler: "Aus drei Gründen. Wenn Spender und Erbe - die für amerikanische Museen essentiell sind - ahnen, dass ihre guten Taten zum Spielball des Kunstmarkts werden könnten, halten sie sich aller Erfahrung nach zurück. Auch die Behauptung, irgendwelche Objekte seien 'entbehrlich', ist blanker Unsinn. Keine Museumsleitung der Welt weiß, was künftige Generationen als wichtig betrachten werden... Schließlich: In der Not verkaufen heißt billig verkaufen."

Weiteres: Bettina Maria Brosowsky sichtet staunend für die taz den Schatz, den das Sprengel Museum Hannover aus seinem Depot geborgen hat: Eine Papprolle voller Filmplakate der sowjetischen Avantgarde. Ingeborg Ruthe empfiehlt in der FR die Schau "Voll das Leben!" des Ostkreuz-Fotografen Harald Hauswald im C/O Berlin.
Stichwörter: Schnabel, Julian

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2020 - Kunst

Auch Ingeborg Ruthe feiert in der FR die große Symbolismus-Schau in der Alten Nationalgalerie in Berlin, rät aber, alle Coolness fahren zu lassen: "Dieser Künstlerblick ins Abgründige, ins Exzessive, Wollüstige und Absurde verband sich mit Verfall und Todessehnsucht, der Welt entfliehende Seelenschau mit Mystik und der aufkommenden Psychoanalyse." Im Tagesspiegel entdeckt Rüdiger Schaper die Vorzüge eines von (den anderen) Touristen entleerten Venedigs und vor allem die erneuerte Glaskunst von Murano.

Weiteres: Nicht ganz überzeugt ist taz-Kritiker Andreas Schlaegel vom Konzept des Amsterdamer Nxt Museum, das mit seiner elektronischen Kunst neue Technologien, KI und Biometrie eher feiert als reflektiert: "Kunst ist hier auch Show und nicht ohne Pathos."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2020 - Kunst

Hai Bo, Blue Bridge, datiert 2004, Digitaldruck © the artist, courtesy Fondation INK


Anlässlich einer Ausstellung über Sprechende Landschaften in der Kunst Chinas im Museum Rietberg denkt Philipp Meier in der NZZ über unser Naturverständnis im Zeitalter des Anthropozäns nach: Reale Umweltzerstörung wird ausgeblendet, statt dessen die Suche nach der wahren Natur des Menschseins in einer intakten Umwelt inszeniert. "In diesen Landschaften kann auch das westliche Auge wunderbar spazieren gehen, über Bäche hüpfen, kleine Brücken passieren, auf schmalen Pfaden durch Wälder streifen und nach Belieben Bäume umarmen. Solch visuelles 'Waldbaden' - übrigens unter dem Begriff 'Waldmedizin' in Japan längst Teil des nationalen Gesundheitsprogramms - kann für uns zum alternativen Fitnessprogramm für Geist und Seele werden. Fehlte nur noch der Geruch des Waldbodens. Die kalligrafisch-dichterischen Aufschriften, wie sie traditionell Bestandteil vieler chinesischer Landschaftsbilder sind, liefern zum visuellen oft noch den akustischen Part ... Die Kunst geht hier ganz auf im Kosmos der Natur, und der Betrachter verschmilzt mit allem."

Mit ihren Themen "Haus", "Refugium", "Asyl", "Hafen", "Park", "Schule" wirft die Manifesta 13 in Marseille "die richtigen Fragen auf", meint Josef Hanimann in der SZ. "Doch was tun, wenn die Ausstellungssäle schütter bestückt bleiben, weil die Künstler mit ihren Werken nicht anreisen konnten? Was tun, wenn man als Kurator ständig umdisponieren muss und das Publikum nur spärlich kommt, das internationale, weil es nicht kann, und das lokale, weil es nicht mag?" Er hofft, dass die Kuratoren darauf bis Oktober, wenn alle Ausstellungsorte geöffnet haben, noch eine Antwort finden.

Weitere Artikel: Bei monopol freut sich Sarah Alberti, das Rebecca Horns "Raum des verwundeten Affen", dessen Entstehungshintergrund sie ausführlich würdigt, restauriert wird. Rolf Brockschmidt besucht für den Tagesspiegel das erweiterte James-Ensor-Haus in Ostende. Die Zeitungskästen auf der Straße, die "stummen Verkäufer" sterben aus. Deshalb hat der Künstler HA Schult sich 150 ausrangierte Kästen gesichert und sie auf dem Kölner Börsenplatz aufgestellt, berichtet Cornelius Stiegemann auf monopol: "Die ausrangierten Kästen werden zu einem Memorial für die Kulturpraxis Zeitunglesen. Und dafür, dass das immer weniger gemacht wird, zumindest in Printform." Die NZZ bringt eine Bilderstrecke ihrer Fotografin Karin Hofer, die Holzbauten fotografiert hat. In der FAZ erklärt Kolja Reichert ausführlich, warum er die acht Millionen Euro, die Düsseldorf für die Fotosammlung Kicken bezahlt hat, für vollkommen überteuert hält: "Hier sind allerdings zwei Fragen zu trennen: Die eine ist die, ob man zweitklassige Abzüge ins Museum holen muss. Die andere ist die, ob man dafür so viel bezahlen muss wie für erstklassige."

Besprochen werden die Ausstellung "Lost in America" im Neuen Berliner Kunstverein (taz) und eine Ausstellung von Peter Fischli im Kunsthaus Bregenz (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.09.2020 - Kunst

Jean Delville, Porträt der Madame Stuart Merill - Mysteriosa, Detail, 1892 © Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Bruxelles / J. Geleyns - Art Photography


"Selten hat man in diesem Tempel der Kunst des 19. Jahrhunderts eine so überdrehte, aber auch anregende und entdeckungsreiche Schau gesehen", schwärmt eine begeisterte Nicola Kuhn im Tagesspiegel von der Symbolismus-Ausstellung "Dekadenz und dunkle Träume" in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Über den "Jünglingsbrunnen" des Bildhauers Minne schreibt sie: "Er ist kein selbstverliebter Narziss, der sich in sein eigenes Antlitz vernarrt hat, sondern ein feingliedriger Junge, der eher zaudernd die Arme vor seiner mageren Brust kreuzt, mit den Händen die eigenen Schultern umklammert. Minnes Multiplizierung einer Figur ins Fünffache - nicht aus Selbstbewusstsein, sondern aus Zweifel - ist bezeichnend für die Bildwelt der Symbolisten, die mit ihren Werken psychologisierten. Noch vor Veröffentlichung von Freuds 'Traumdeutung' erspürten sie den überspannten Menschen, der durch die Umbrüche der Moderne seinen festen Ort verloren hat. Gerade darin besteht der Aktualitätsbezug der Schau."

Weitere Artikel: Im Standard ist Katharina Rustler leicht genervt, dass jetzt sogar der Bauzaun vor dem Wien Museum mit Corona-Porträts plakatiert ist. Der Kunstsammler Axel Haubrock darf jetzt doch im Gewerbehof der ehemaligen SED-Fahrbereitschaft bleiben, auch wenn Berlin-Lichtenberg damit die Gentrifizierung droht, meldet Jamin Schneider in der Welt. Banksy hat nach einer Entscheidung der EU-Behörde für geistiges Eigentum die Markenrechte an seinem "Flower Thrower"-Motiv verloren, meldet Zeit online mit der dpa: "In einer Erklärung wird die Entscheidung der Behörde damit begründet, dass Banksy seine Identität geheim halte und sich außerdem in der Vergangenheit wiederholt entschieden gegen Urheberschutzrechte ausgesprochen habe." Jürgen Müller betrachtet für die FAZ mit Nietzsche Raffaelos "Paris-Urteil".

Besprochen werden die Ausstellung "Migration als Avant-Garde" des Fotografen Michael Danner im C/O Berlin (taz) und eine Ausstellung der Fotografin Helga Paris in der Berliner Galerie Kicken (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.09.2020 - Kunst

Mit drei Fenstern im saarländischen Kloster Tholey, dem ältesten Deutschlands, will sich Gerhard Richter von der großen Kunst verabschieden: Sein Hauptwerk sei damit getan, soll er laut dpa gesagt haben, meldet der Spiegel. "'Das ist sicher meine letzte Werknummer', sagte Richter. Er habe ein Verzeichnis für all seine Werke. 'Das fängt mit 'Tisch' als Nummer eins an. Und die Fenster haben Nummer 957. Ja. Aus.' Dass er später noch große Malereien mache, glaube er nicht." Thomas Assheuer durfte sich für die Zeit die drei Fenster schon ansehen. Sind sie nun eher religiös oder säkular konnotiert? Es ist verzwickter, meint Assheuer: Die Motive entstammen Richters Band 'Patterns', für den er eins seiner abstrakten Bilder in immer kleiner Teile zerschnitten hatte. In Glas umgesetzt entdeckt man darin "wie in einem Rorschachtest ... leuchtende Muster und rätselhafte Formen. Die Benediktinermönche, wer will es ihnen verdenken, erkennen schwebende Engel und schwärmen von der trinitarischen Komposition der drei Fenster. Der weltliche Blick hingegen sieht darin eher kleine Teufel, dazwischen Gesichter mit spitzen, schreckhaft aufgerissenen Mündern und schlanke maskenhafte Gestalten in einer entrückten buddhistischen Ruhe. Während die Formen äußerst diszipliniert sind, explodieren die Farben in Chagallblau, Brombeerrot und Pfirsichorange. Doch nichts von dem, was man in diesem ornamentalen Fest zu sehen glaubt, steckt auch darin. Es ist allein die Fantasie des Betrachters, die Richters zufallsgenerierte Bildatome zu bekannten Gestalten zusammenfügt."

Weiteres: Albert Boesten-Stengel besucht in Krakau für die FAZ das renovierte Czartoryski-Museum. Besprochen wird eine Ausstellung über die Germanen im Neuen Museum Berlin ("Die als Germanen bezeichneten Menschen waren offenbar von phänomenaler kultureller Konservativität. Während sich in Gallien eine neue gallorömische Kultur entwickelte, Spanien und ganz Nordafrika gänzlich romanisierten, selbst Alexandria oder Antiochia römische Städte wurden, mahlten die rechtsrheinischen Germanen immer noch ihr Mehl per Hand mit Steinscheiben", lernt der Kritiker der Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2020 - Kunst

Mohamed Bourouissa: Nous sommes halles, 2002-2003 © Mohamed Bourouissa / Deutsche Börse Prize

Der Deutsche Börse Preis für Fotografie geht in diesem Jahr an den algerisch-französischen Fotografen Mohamed Bourouissa. Im Guardian hält Sean O'Hagan die Entscheidung für absolut gerechtfertigt: Seine Installation "Free Trade" wurde bei den Rencontres d'Arles in einem Monoprix-Supermarkt ausgestellt: "Bourissa lässt sich direkt auf die Menschen ein, die von Frankreichs Politik und rechten Medien entrechtet und dämonisiert werden. Seine Arbeit zeigt auch, wie Papierlose Geld, Arbeit und Waren austauschen und wie dieser Handel ihr alltägliches Dasein ausmacht - als Widerhall eines Martkkapitalismus in seiner darwinistischen Härte. Engagiert, provokativ und mit Blick auf die vielfältigen politischen und sozialen Spannungen in seiner Umgebung ist er ein Kunstaktivist unserer Zeit." Aus seiner noch nicht ganz fertigen Webseite finden sich bereits grandiose Fotografien aus den Serien "Périphériques" oder "Ladendiebe".

Weiteres: Auf Hyperallergic präsentiert Matt Stromberg eine Serie von Constrance Hockaday, für die amerikanische Künstler für präsidiale Porträts posierten. Besprochen werden die Schau "Nach uns die Sintflut" im Kunst Haus Wien (Standard) und die Ausstellung über das Olympia-Kunstprogramm "Die Spielstraße München 1972" im Skulpturenmuseum Glaskasten in Marl (SZ).
Stichwörter: Bourouissa, Mohamed