Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2020 - Kunst

"Dad shares all the shit from work at the dining table". Richard Jacksons Dining Room, 2006-2007. Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt

Aufregend und frech findet SZ-Kritiker Till Briegleb die große Ausstellung des amerikanischen Künstlers und Provokateurs Richard Jackson in der Frankfurter Schirn. Jackson nennt Sammler schon mal "Trottel mit kotzblödem Lebensstil", in der Ausstellung empfängt die Besucher ein nackter Hintern, der über einem Esstisch seinen Scheiß versprüht: "Diese Drehbühnen, Peepshows und Tableaus verraten aber nicht nur etwas vom Zorn des Künstlers auf die verlogene Oberflächlichkeit des amerikanischen Traums von Schönheit und Gier. Sein farbiger Amoklauf erzählt vor allem vom seelischen Brutkasten der Gewalt, für den er die erbitterte Konkurrenz um Geld, Macht und Applaus im kapitalistischen System (und im Kunstmarkt) hält. Im Gegensatz zu Paul McCarthy, der provozierende Strategien der Entblößung betreibt, demaskiert Jackson die us-amerikanischen 'Tugenden' aber eher mit den Mitteln der Satire."

Besprochen werden die Ausstellung "Der Traum vom Museum,schwäbischer' Kunst, mit der das Kunstmuseum Stuttgart seine NS-Vergangenheit aufarbeitet (taz) und eine Schau des Landschaftsmalers Karl Hagemeister im Potsdam Museum (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2020 - Kunst

Das illegale Bild. Foto: © Espen Eichhöfer


Mit gemischten Gefühlen geht Tilman Baumgärtel durch die pathetisch betitelte Ausstellung "Das illegale Bild. Fotografie zwischen Bildverbot und Selbstzensur" im Berliner "freiraum für fotografie". Zu sehen ist dort auch ein Bild des Straßenfotografen Espen Eichhöfer, der am Bahnhof Zoo eine Frau fotografiert hatte, die die Ausstellung des Bildes wegen Verletzung ihres Persönlichkeitsrechts gerichtlich verbieten ließ. Die Frau hat er jetzt für die Ausstellung aus dem Bild retuschiert, eine weiße Fläche ist jetzt dort zu sehen. "Bilderverbot" findet Baumgärtel etwas stark für diesen Vorgang. Andererseits: Wenn man jeden Passanten fragen müsste, wäre dies das Ende der Straßenfotografie. Die Ausstellung bietet also reichlich Stoff für Diskussionen: Was ist zum Beispiel mit den Blinden auf einem der Fotos? "Wer blind ist, merkt nicht nur nicht, dass er fotografiert wird und kann sich das darum nicht verbitten. Vor allem kann er aber auch nicht die Bilder sehen, auf denen er gezeigt wird. So wird die Debatte über Street Photography schnell zu einer Debatte über Macht und soziale Privilegien. Die Frau mit dem Schlangenmusterkleid konnte nur deswegen klagen, weil sie offenbar aus einer sozialen Schicht stammt, in der man überhaupt mitbekommt, dass das eigene Bild in einer Galerie zu sehen ist. Und weil sie sich einen Anwalt leisten konnte. Der abgerissene Mann mit den Glubschaugen oder der türkische Rentner, die auf anderen Bildern Eichhöfers zu sehen sind, werden vielleicht nie erfahren, dass sie in den Augen eines deutschen Fotografen repräsentativ für die Situation rund um den Bahnhof Zoo waren."

Es lag an den Versicherungsgesellschaften, die wegen der US-Sanktionen kniffen, dass die deutsch-iranische Archäologieausstellung "Tod im Salz" vorerst doch nicht nach Deutschland kommen kann, erzählt im Interview mit der FR Wolfgang David, der Direktor des Archäologischen Museums Frankfurt. Die Kontakte mit den Kollegen im Iran sind nach wie vor gut, sagt er und bleibt optimistisch: "Es gibt Reisebeschränkungen. Aber die Menschen sind sehr offen. Deutschland und Iran haben immer enge Kontakte gehabt. Ich plädiere dafür, diese Kontakte unbedingt zu halten. Wir sind nicht blauäugig, was die politische Unterdrückung und außenpolitischen Umtriebe angeht. Aber wir Wissenschaftler müssen im Gespräch bleiben."

Performance artist Pandemonia at Frieze Los Angeles 2020 (Foto: Renée Reizman)
Weitere Artikel: Renée Reizmann (Hyperallergic) amüsiert sich prächtig - untermalt mit vielen schönen Fotos - auf der Frieze in Los Angeles.In der Berliner Zeitung erzählt einer von Ai Weiweis Berliner Studenten, wie der Unterricht bei ihm war (den meistens seine Assistenten bestritten).  Tom Mustroph besucht für die taz Kunst- und Kulturzentren in Moskau. Katharina Cichosch besucht für monopol die Künstlerin Helga Schmidhuber in ihrem Atelier. Sarah Khan unterhält sich für monopol mit dem Künstler Jeremiah Day über dessen Ausstellung im Badischen Kunstverein. Und Hakim Bishara erzählt auf Hyperallergic die Geschichte von Frank Stellas Gemälde "Isfahan III", das 20 Jahre verschwunden war und als Mittagstisch für Arbeiter diente.

David Bomberg: The Mud Bath, 1914. Tate, London
Besprochen werden die Ausstellung "Young Bomberg and the Old Masters" in der National Gallery in London (NYRB), die Ausstellung "Jetzt!" mit junger Malerei aus Deutschland in den Hamburger Deichtorhallen (taz) und die Ausstellung "Fiktion Kongo. Kunstwelten zwischen Geschichte und Gegenwart" im Museum Rietberg in Zürich (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2020 - Kunst

Hannes Binder: Die Chronik des Zeichners | Limmat Verlag 2014


Die Zeichnungen von Hannes Binder muss man enträtseln wie eine Geschichte, denkt sich Manuel Müller (NZZ), während er sich im Zürcher Strauhof über die Illustrationen des Künstlers beugt. "Binder kombiniert Text und Bild dabei auf gewagte Weise, so etwa in Mörikes 'Um Mitternacht' (1828). Neben dessen Verszeile 'Und kecker rauschen die Quellen hervor' stellt Binder ein ebenso unerwartetes wie überwältigendes Bild. Er breitet die Zürcher Hardbrücke aus, in einer Momentaufnahme. Über die vierspurige Straße rauscht bei Nacht und Regen der dichte Verkehr. Was Hannes Binder berühmt gemacht hat - und anders wäre eine Darstellung wie bei Mörike kaum möglich: Er arbeitet mit Schabkarton. Jedes seiner Werke ist aus dem Schwarz gehoben. ... Während andere ihre schwarzen Linien aufs weiße Papier zeichnen, zieht Binder mit feinen, aber dezidierten Bewegungen seine Messer über die dunkle Fläche. Er erklärt: 'Man nennt mich immer den Schwarzmaler und meint das auch ganz im negativen Sinne: der, der alles so schwarz sieht. Im Gegenteil, was ich mache, ist Weiß-Malen - es entsteht Licht.'"

Besprochen werden weiter eine Ausstellung des Fotografen Beat Schweizer in der Hamburger Freelens-Galerie (taz), die Ausstellung "Fantastische Frauen" in der Frankfurter Schirn (Standard), die Ausstellung "Sound of Sculptures" des Bildhauers und Bühnenbildners Alexander Polzin im Foyer des Pierre-Boulez-Saales der Barenboim-Said-Akademie in Berlin (Berliner Zeitung), der Film "Wir haben die Schnauze voll" des britischen Konzeptkünstlers Jeremy Deller für den Kunstverein Bonn (taz), die Modeausstellung "Show Off" im Wiener Mak (Standard) und die "Erlebnisschau" "Feelings" in der Münchner Pinakothek der Moderne (Tsp).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2020 - Kunst

Karl Ove Knausgard verbringt ein paar sehr seltsame, aber auch interessante Stunden mit Anselm Kiefer, dessen Werk er bewundert. Kiefer ist erratisch, sehr persönlich, dann scheint er gar nicht zu wissen, wer Knausgard ist (ein Finne namens Klaus?) Und dann steht Knausgard im Atelier - bevor er ihn nach Donaueschingen begleitet - und beobachtet, wie Kiefer einige wunderbare Bilder mit Blei zerstört. So sah es zumindest erst aus, erzählt er in der New York Times. "Kiefer goss an diesem Tag Blei über drei Gemälde, und jedes von ihnen war völlig unterschiedlich, obwohl der Ausgangspunkt für alle ähnlich gewesen war. Das dritte Bild, von Wellen im Meer, hat er am stärksten bearbeitet. Nachdem er Bleisplitter so aufgefächert hatte, dass es fast so aussah, als ob das Meer aus dem Bild herauskam, stieg Kiefer auf eine Scherenhebebühne. Er stieg hoch in die Luft, etwa 20 Fuß über dem Boden, und lenkte von dort aus die Arbeiter unter ihm, die das Bild auf den Boden senkten und begannen, es nach seinen Anweisungen, die er auf Deutsch rief, zu modifizieren. Das Gießen von Blei über ein Bild führte eindeutig ein Element des Zufalls ein. Kiefer hatte seine eigenen Ideen, aber die den Materialien innewohnenden Eigenschaften bildeten den Ausgangspunkt; er musste gegen das Material kämpfen, und der Kampf - Idee gegen Materie - wurde zur Kunst. Viele der entstandenen Werke machen einen wilden und aufgewühlten Eindruck; sie haben etwas Gewalttätiges, etwas Chaotisches an sich. Aber ihre Gewalt liegt außerhalb der menschlichen Domäne, sogar außerhalb der Biologie; sie gehört zur Welt der Mineralien. Es ist die Gewalt von Steinschutt und Metallhaufen. Er drängt die Darstellung der Materialität weiter in Richtung des Materials selbst, bis die Darstellung ganz aufgehoben ist und er nicht mehr Asche, Stroh oder Holz malt, sondern Asche, Stroh und Holz direkt in das Bild einarbeitet. An diesem Punkt ist es, als ob die Welt selbst zu einer Sprache geworden wäre. Wir lesen Asche, wir lesen Stroh, wir lesen Holz, und sie sind mit Bedeutung aufgeladen."

Bridget Tichenor, "Die Surrealisten/Die Spezialisten". © Bridget Tichenor


Lauter Entdeckungen macht Sandra Danicke in der Ausstellung "Fantastische Frauen", die surrealistische Künstlerinnen in der Frankfurter Schirn versammelt. 36 Künstlerinnen aus elf Ländern werden gezeigt, viele bekannte Namen wie Meret Oppenheim oder Dorothea Tanning sind dabei. "Vor allem jedoch sind es Künstlerinnen, von denen man aus unerfindlichen Gründen noch nie gehört hat", freut sich Danicke in der FR. "Emila Medková (1928-85) etwa, eine tschechische Fotografin, deren Bilder vor Erfindungsreichtum nur so sprühen und die gleichzeitig eine hohe formale Eleganz ausstrahlen. Sie ließ Beine in den Himmel wachsen, Haare aus einem Wasserhahn fließen und Frühstückseier an den unmöglichsten Orten auftauchen. Oder die belgische Künstlerin Jane Graverol (1905-84), die in den 60er und frühen 70er Jahren betörende Collagen von technoiden Wesen geklebt hat, die uns heute noch gespenstisch aktuell vorkommen. Das Werk von Toyen immerhin wird derzeit auch an anderen Orten wiederentdeckt: Die Hamburger Kunsthalle plant für 2021 eine opulente Einzelausstellung." (Weitere Besprechungen bei BR 24, in der Westdeutschen Zeitung und in der FAZ)

Weiteres: Künstlerpartnerschaften zwischen Männer und Frauen - man denke nur Camille Claudel und Auguste Rodin, Frida Kahlo und Diego Rivera, Jackson Pollock und Lee Krasner - haben einen Haken: Sie sind fast immer vorteilhafter für die Männer, meint Christian Saehrendt in der NZZ. Besprochen wird außerdem eine Ausstellung mit Arbeiten aus der Sammlung Donata Pizzi im Fotografie Forum Frankfurt (FR)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2020 - Kunst

Ai Weiwei wütet in einem wirklich anstrengenden Interview mit Susanne Lenz in der Berliner Zeitung gegen Berlin, "die langweiligste, hässlichste Stadt, die es gibt", gegen die Berlinale, die schon wieder seinen Film nicht ins Programm genommen hat, gegen die faulen Studenten, das korrupte System und überhaupt die chinahörigen Deutschen. Ernst nehmen kann man das Rumgemotze nicht: "Ich könnte ein ganzes Buch über Deutschland schreiben. - Tun Sie das doch. - Ich bin zu beschäftigt. Es gibt Wichtigeres als Deutschland. Genießt doch eure Berlinale, oder wie das heißt. - Werden Sie Ihr Studio hier behalten? - Wenn die Deutschen mich weiter unter Druck setzen, muss ich es aufgeben. - Wer setzt Sie unter Druck? - Das möchte ich Ihnen nicht sagen. Ich werde von der deutschen Gesellschaft unter Druck gesetzt. Das ist okay. Ich kenne ihre Geschichte, weiß, wer ihre Großeltern sind." Ach ja, und noch nie hat ihn die deutsche Presse nach seiner Meinung gefragt, wie eine kleine Stichprobe beim Perlentaucher, ähem, nicht bestätigt! Im Tagesspiegel versucht Birgit Rieger, angesichts von Ai Weiweis Tiraden fair zu bleiben.

Johanna Diehl: ARS, 2019, Filmstill. Bild: Haus am Waldsee

Hellauf begeistert kommt SZ-Kritiker Peter Richter aus der Ausstellung Johanna Diehls, die er bisher als Fotografin kannte und die im Haus am Waldsee in Berlin die Geschichte ihrer Familie aufbereitet: "Als reine Abrechnung mit dem Bürgerlichen als Milieu wie als Haltung (Stichwort Affektkontrolle), bestünde auch hier die Gefahr von Selbstgerechtigkeit. Aber die Dinge sind zum Glück ambivalenter: Selbst für die kalte Großmutter gibt es auch noch andere Sichtweisen, solche, die mehr mit Traumaverarbeitung zu tun haben zum Beispiel. Die Leistung dieser Arbeit ist es, in dieser Ambivalenz eine ganze ästhetische Welt dingfest zu machen. Die Begegnung eines Marmorfußbodens mit dem Heckfenster eines XJ8 kann man, wenn man will, immer als eine Anklage lesen - aber auch als eine Würdigung. Und in dieser Weise gelesen ist Johanna Diehls 'In den Falten das Eigentliche' tatsächlich der beste bundesdeutsche Familienroman, den man zur Zeit nicht im Buchhandel bekommt."

Die Kunstwelt diskutiert wieder über die NS-Vergangenheit ihrer bundesdeutschen Galionsfiguren. In der Welt wundert es Hans-Joachim Müller nicht sonderlich, dass auch Documenta-Gründer Werner Haftmann schwer belastet war, wie eigentlich jeder, der nicht emigriert war. Trotzdem bereitet ihm der eilfertige Sound der Kunst-Internationalität, den auch Haftmann anschlug, Unbehagen: "Wer heute die Kataloge der Documenta I bis III durchblättert, begegnet einem Pathos kunstmoralischer Integrität, das so etwas wie Scham angesichts des zerbombten Größenwahns gar nicht erst aufkommen lässt."

Zum Tod der französischen Comic-Zeichnerin Claire Bretécher schreibt Christian Thomas in der FR und betont, dass sie nicht nur feministische Karikaturistin war, als dies noch nicht in Mode war, sondern viel viel mehr: "Nämlich eine scharfe Beobachterin der sprichwörtlichen 'Mythen des Alltags', also der falschen Versprechungen, der wahren Sehnsüchte und unserer dazwischen changierenden Enttäuschungen." So witzig war Gesellschaftskritik nur bei ihr, meint auch Lars von Törne im Tagesspiegel.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.02.2020 - Kunst

René Burri: Albisguetli, Zürich, Schweiz, 1980 Bild: Musée de l'Elysée, Lausanne

Als Augenmenschen, Weltenbummler und Dandy erlebt SZ-Kritiker Joseph Hanimann den Fotografen Rene Burri, dem das Musée d'Elysée in Lausanne eine große Ausstellung aus dem Nachlass heraus widmet, mit den ikonischen Bildern von Che Guevara, Le Corbusier, Picasso, Giacometti und Uwe Johnson, aber auch mit Zeichnungen und Grafiken: "Im Unterschied zu vielen Kollegen wie Henri Cartier-Bresson, dem Freund und Kollegen bei Magnum, lag für René Burri die Leistung des Fotografen nicht primär im Knipsen zum genau richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, sondern im Geschick bei der Nachbereitung der Bilder. Wichtiger als das Bild im Sucher war ihm das Ergebnis auf der gedruckten Seite. Insofern war dieser Mann kein Fotograf der Schnappschüsse, obwohl er sich der Bedeutung der schnellen Reaktion bewusst war. Bilder seien wie Taxis zur Hauptverkehrszeit, sagte er: Wenn man nicht schnell genug ist, bekommt sie immer ein anderer."

Auf Hyperallergic meldet Naomi Polonsky, dass Anti-BP-Aktivisten das British Museum besetzt haben. Besprochen werden ein Schau dokumentarischer Porträt-Kunst in der Münchener Pinakothek der Moderne (taz) und Herman de Vries Klimakunst im Berliner Kolbe-Museum (Tsp).
Stichwörter: Burri, Rene

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.02.2020 - Kunst

David Hockney: Man in Shower in Beverly Hills, 1964, © David Hockney, Tate

Viel Oberflächenfetischismus und Westküsten-Libertinage durfte SZ-Kritiker Alexander Menden in der David-Hockney-Retrospektive im Bucerius-Kunstforum in Hamburg genießen, aber nicht nur. Hockney konnte nicht nur knallige Farben und kalifornisches Licht, betont Menden: "Besonders gut arbeitet die Ausstellung unter der Rubrik 'Moving Focus' seine permanente Beschäftigung mit Perspektive heraus. Die Konvention des Fluchtpunktes, die Illusion einer gemalten Dreidimensionalität, hatte er schon früh infrage gestellt. In den Achtzigerjahren entstehen im Innenhof des Hotels Romano Angeles im mexikanischen Acatlán großformatige farbige Grafiken, die verschiedene Blickwinkel in ein einziges Bild übernehmen. Diese Herangehensweise gipfelt in den Neunzigerjahren in Werken wie 'A Closer Grand Canyon' (1997), einem riesigen, flachen Landschaftstableau, das aus 60 Einzelleinwänden zusammengesetzt ist. Zoom, Froschperspektive und Panoramawinkel vereinen sich hier in einer Landschaftsdarstellung, in der sich die Meisterschaft dieses Künstlers manifestiert."

Vielleicht das erste Letzte: Plautilla Nellis "Abendmahl" im Museo Santa Maria Novella. Foto: Advancing Women Artists Foundation


In Florenz wurde das vielleicht erste von einer Frau gemalte "Abendmahl" restauriert. Es stammt aus dem Jahr 1560 von der Nonne Plautilla Nelli, und angesichts ihres energischen, entschlossenen Pinselstrichs kann Felicitas Witte in der FAZ nicht erkennen, dass Frauen anders malen als Männer. Aber halt, die Kunsthistorikerin Penny Howard stößt auf einen Unterschied: "Es gibt viel zu essen und zu trinken auf dem Tisch und Plautilla zeigt die Schüsseln aus edlem Porzellan - bei Ghirlandaios Abendmahl zum Beispiel sieht der Tisch eher karg aus und das Geschirr schlicht."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.02.2020 - Kunst

Schock und "erhabene Schönheit" zugleich erlebt Gina Williams auf lensculture auf den Fotografien des dänischen Fotojournalisten Klaus Bo, der Todesrituale auf aller Welt dokumentiert: "In Ghana werden die Verstorbenen in wunderschönen handgefertigten Särgen beigesetzt, die ihren Beruf oder ihre Leidenschaft im Leben darstellen. Beispielsweise fotografierte Bo die Beerdigung eines Hühnerbauern, dessen Körper in einem kunstvoll gestalteten und farbenfrohen Hühnersarg lag. In Indonesien veranstalten einige Gemeinden eine Ma'nene-Zeremonie, bei der tote Verwandte aus den Familiengräbern entfernt werden. Die Leichen werden gereinigt und frisch gekleidet. 'Bevor sie zurückgebracht werden, machen Familienmitglieder Fotos mit ihnen', sagt Bo. Das Volk von Madagaskar hat eine Bestattungstradition namens Famadihana, bei der das Familiengrab geöffnet, die Vorfahren herausgeholt und in frische Seide gewickelt werden. Bei Musik und Tanz wird gebetet, bevor sie in die Krypta zurückgebracht werden."

Einen Hauch Pariser Avantgarde verspürt Bernhard Schulz (Tagesspiegel) in den Kunstsammlungen Chemnitz, die ihm in der Ausstellung "Paris 1930. Fotografie der Avantgarde" neben bekannten Namen wie Eugene Atget, Man Ray oder Brassai auch Arbeiten weniger bekannter FotografInnen zeigen: "Da ist die aus Deutschland stammende Germaine Krull, die 1926 nach Paris kam und mit der Publikation 'Métal', einer Mappe mit Spiralbindung, Furore machte. (…) Krull suchte durchaus auch die typischen Orte der Stadt auf, wie die sprichwörtlichen 'Hallen' mit ihrem Gewühl und ihrem Abfall. Ganz still hingegen die Etüden von Florence Henri, die sorgfältig mit Glas, Spiegeln und wechselnden Entfernungen operiert, besonders schön in der Treppenhauskomposition 'Pariser Fenster' von 1929."

Besprochen wird die Herman-de-Vries-Ausstellung "How green is the grass?" im Berliner Georg Kolbe Museum (taz), die Ren-Hang-Retrospektive "Love" im C/O Berlin (Tagesspiegel) und eine Ausstellung mit ganz neuen Zeichnungen von Gerhard Richter im Dresdner Albertinum (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.02.2020 - Kunst

Zilia Sánchez, "Troyanas" (1967) aus der Serie "Módulos infinitos" ("Infinite Modules").


Jillian Steinhauer besucht für die New York Times eine Ausstellung der 93-jährigen kubanische Künstlerin Zilia Sánchez im New Yorker Museo del Barrio. In der modernen Kunst nimmt Sánchez eine Sonderstellung ein, erklärt Steinhauer: "Sie ist sich nicht bewusst, dass sie zwischen den Medien operiert, und ihre Arbeit stellt keine klugen formalen Fragen. Stattdessen verweisen ihre Rundungen und Hügel, Schwellungen und Vorsprünge auf erkennbare Quellen, vor allem auf die Landschaft, den Mond und den weiblichen Körper. Ihre malerischen Konstruktionen, von denen viele als 'topologías eróticas' oder erotische Topologien bezeichnet werden, sind nicht narrativ, sondern voller verborgener Bedeutungen, die etwas zutiefst Persönliches und grundlegend Körperliches zum Ausdruck bringen. Sie sind kontrolliert, mit einer kühlen Palette von meist Schwarz, Weiß und Grau, und doch so lebendig, dass sie oft den Eindruck erwecken, als wollten sie lebendig werden - oder, wie die Künstlerin es einmal formulierte, 'paintings with air that breathe'."

Eine ziemlich beeindruckte Sandra Danicke lernt in einer Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, dass Peter Lindbergh nicht nur Models, sondern auch Mörder wie Menschen aussehen lassen konnte, bei denen man nicht über ihre Schönheit oder ihre Taten nachdenkt, sondern die individuelle Person. "Bemerkenswert an dieser Ausstellung", schreibt sie in der FR, "ist auch die Zusammenstellung einzelner Bilder-Blöcke, die ganz offensichtlich keinerlei Erzählung suggerieren, sondern sehr intuitiv aufeinander zu reagieren scheinen. Da ist dieser Stier in einer kargen Landschaft, daneben ein Paar Hände in Nahaufnahme. Ein nackter Frauenkörper, ein Pferderücken, Schatten, die aufeinander Bezug zu nehmen scheinen - und immer wieder Aufnahmen, die nach landläufigen Kriterien misslungen sind: unscharf, schlecht ausgeleuchtet, ohne zentrales Motiv. Die in der Kombination aber einen sehr eindrücklichen Zweck erfüllen - nicht nur, weil sie die Glätte in anderen Aufnahmen konterkarieren. Auch weil sie die Realität eines Gesamteindrucks komplettieren, in dem es das Nebensächliche gibt und den abschweifenden Blick."

Weiteres: In der NZZ stellt Angelika Affentranger-Kirchrath den Kunstsammler Werner Coninx vor. Die Art Basel Hongkong ist wegen des Coronavirus abgesagt, meldet Philipp Meier in der NZZ. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Somuk, der erste moderne Künstler des Pazifik" im Musée du quai Branly in Paris (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.02.2020 - Kunst

"Wieder ein großer kunstdurchdrungener Mann, und wieder stellt sich heraus: ein Nazi", seufzt Hanno Rauterberg in der Zeit und blickt auf die Akte, die NSDAP- und SA-Mitgliedschaft von Werner Haftmann bezeugt, einem der bedeutendsten Kunsthistoriker der Nachkriegszeit, der nicht nur die Documenta mitbegründete, sondern auch Gründungsdirektor der Neuen Nationalgalerie in Berlin war. Wie bei Alfred Bauer hat sich auch bei ihm jahrzehntelang niemand aus der Kulturszene für seine Vergangenheit interessiert. Das mag auch daran liegen, dass Museen die "Uneindeutigkeit" der Nazi- und Nachkriegsjahre fürchten, die eine simple Trennung von Tätern und Opfern oft unmöglich macht, kritisiert Rauterberg: "Fast alle Kunsthäuser tun so, als seien zwischen 1933 und 1945 keine nennenswerten Bilder und Skulpturen entstanden. Sie unterschlagen, aus welchen Traditionen die vielen Hundert Künstler kamen, die Hitlers Regime zu Diensten waren. Vor allem aber ersparen sie sich die Frage, wie die Brüche des 20. Jahrhunderts auch die eigene Sammlung durchziehen und wie sich diese wechselvolle und manchmal auch abgründige Museumsgeschichte in den Ausstellungssälen aufarbeiten ließe." Ähnliche Verhaltensmuster zeigen sich für Rauterberg beim Umgang mit Raubkunst und kolonialistischer Beutekunst. Von den Museen gingen da wenig Impulse aus, "ganz so, als wären sie vor allem die Bewahrer des Status quo: die Hüter eines falschen Friedens".

Einen Fall von fehlgeleiteter Bilderstürmerei prangert der Theologe Jan-Heiner Tück in der NZZ an: Im Oktober letzten Jahres hatte der 26-jährige Wiener Aktivist, Student, Konvertit und Lebensschützer Alexander Tschuguell mehrere indigene Holzfiguren, sogenannte Pachamamas, aus der Kirche Santa Maria in Traspontina entfernt und im Tiber versenkt. Seine Begründung: Die Figuren seien erstens nicht wirklich alt und verstießen zweitens als Fruchtbarkeitssymbole gegen das erste Gebot: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Tschuguell hatte seine Aktion und Erklärung gefilmt und auf Youtube gepostet, wo sie millionenfach gesehen wurde. Auch Kirchenobere haben seine Aktion begrüßt. Tück dagegen findet Tschuguells Aktion "historisch blind. Er sieht nicht, dass er genau die Tradition fortschreibt, die die Missionsgeschichte der Kirche bis heute belastet. Die Verachtung 'heidnischer' Kulturen im Namen der christlichen Wahrheit hat immer wieder ikonoklastische Praktiken freigesetzt. Das semantische Dynamit, das im Eifern für den wahren Gott gegen die falschen Götzen liegt, kann nur durch eine reflexive Haltung zum eigenen Erbe entschärft werden."


Claudius Schulze, Historische Hummelsammlung, zeitgenössische Hummelsammlung. Beide entomologischer Verein Krefeld, 2018. © Claudius Schulze

Katharina Rustler unterhält sich im Standard mit dem Künstler Claudius Schulze über dessen Ausstellung "Biosphäre X" im Kunsthaus Wien, die Artensterben und Künstliche Intelligenz thematisiert. Schulze erklärt seine Arbeit so: "Ich dokumentiere mit Fotografien das Artensterben und visualisiere mittels neuer Technologie neue Arten. Würde man zum Beispiel als Außerirdischer auf die Erde blicken, würde man unzählige Veränderungen beobachten: Das Klima wandelt sich, viele Lebewesen verschwinden, und neue Arten entstehen als kluge Maschinen. Und dafür ist genau eine Spezies verantwortlich: der Homo sapiens. ... Das ist die Frage, die ich aufwerfen möchte. Was ist einfacher: Das Artensterben aufzuhalten oder neue Arten zu entwickeln?

Weiteres: Nicola Kuhn unterhält sich für den Tagesspiegel mit dem nigerianischen Fotografen Akinbode Akinbiyi, dessen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau heute Abend eröffnet. In der FAZ berichtet Stefan Trinks von heftigen Diskussionen über den Standort Karlsplatz für ein künftiges Documenta-Institut in Kassel. Besprochen wird eine Ausstellung von Richard Jackson in der Frankfurter Schirn (FR).