Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.02.2019 - Kunst

ZKM, Foto: Felix Grünschloss
Eine besondere Subversivität entdeckt Ursula Scheer in der FAZ in den Arbeiten zeitgenössischer afrikanischer Künstler, die aktuell in der Ausstellung "Digital Imaginaries - Africas in Productoon" im ZKM in Karlsruhe zu sehen sind und die sich mit Kolonialgeschichte, aber auch "neuen Kolonisatoren" aus dem Silicon Valley oder China auseinandersetzen: "Die Spannweite der Arbeiten reicht von traditionell anmutender Perlenkunst, mit deren Hilfe eine afrikanische Tradition algorithmischen Denkens beschworen wird, über einen Beitrag zum expandierenden Städtebau der Gegenwart bis zu Zukunftsvisionen wie der eines Science-Fiction-Films aus Kenia. Afrika präsentiert sich als Kontinent der Ungleichzeitigkeiten, der Vielfalt und Unterschiede. Der internationale Kunstmarkt setzt auf seine Dynamik, dafür ist auch diese Ausstellung ein Symptom. Künstler wie 'The Nest Collective' aus Nairobi brechen den Trend ironisch auf. In ihrer Kurzfilmserie 'We Need Prayers' behängt sich eine Frau mit allerlei Kabeln und Elektro-Firlefanz, bis sie aussieht wie eine Ethno-Techno-Puppe. Kann sie sich so nicht perfekt als Vertreterin des hochgehandelten Afrofuturismus positionieren?"
 
Weitere Artikel: Für die Welt porträtiert Annegret Erhard die libanesische Galeristin Andrée Sfeir-Semler, die in ihren Galerien in Hamburg und Beirut zeitgenössische arabische Künstler vertritt. In der SZ erklärt Till Briegleb, weshalb der unbekannte chinesische Exilkünstler Zao Wou-Ki zu den teuersten Malern der Welt gehört: "War der westlichen Avantgarde- und Boheme-Moden verpflichtete Künstler mit Wohnsitz in Paris in früheren Zeiten wenig gelitten im Land seiner Eltern, so findet das in Asien zuletzt gewachsene Interesse potenter Sammler an außerasiatischer Kunst in ihm den perfekten Kompromiss."

Besprochen wird die Frieze Los Angeles (FAZ, Hyperallergic), die Rembrandt-Ausstellung im Amsterdamer Rijksmuseum (Guardian) und die Jeff-Koons-Ausstellung im Oxforder Ashmolean Museum (Monopol-Magazin).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2019 - Kunst

Aloïse Corbaz, Brevario Grimani, um 1950 (Ausschnitt), Buntstift auf Papier abcd / Bruno Decharme collection, Foto: César Decharme

Als "funkelnde Schatzkammer" erscheint auch Anne Katrin Fessler im Standard die Wiener Ausstellung "Flying high", die die vergessenen Künstlerinnen der Art Brut würdigt: "Ganze 14 Meter lang ist (…) eine Arbeit aus dem von Romantik durchdrungenen, schillernden und erotischen Prinzessinnenkosmos von Aloïse Corbaz. Als Gouvernante am Hof Wilhelms II. steigerte sie sich in eine fiktive Liebesaffäre mit dem Kaiser hinein. Als ihr Hirngespinst wahnhafte Züge bekam, führte das zur Einweisung in die Psychiatrie. Dort entstanden leuchtende 'Ich-Asyle' (Brugger), kreative Zufluchten, bis zum Bildrand mit Ornament oder Blumen gefüllt, mit entblößten Brüsten, die Rosenköpfen oder Kamelienblüten gleichen. Männer verkommen neben dieser Opulenz zur schmächtigen Staffage."

Als erstes "Wunder von Bern" bezeichnet Roman Bucheli in der NZZ die Unternehmersstochter und Mäzenin Lydia Welti-Escher, die im Jahre 1890 ihr Vermögen der Eidgenossenschaft vermachte, mit dem Vorschlag eine Kunststiftung zu gründen. Bis in die 1880er Jahre mangelte es der föderalen Schweiz an einer der nationalen Selbstverständigung dienenden Kulturpolitik, so Bucheli, der den erworbenen Werken mit der nun startenden Ausstellung "Glanzlichter der Gottfried Keller-Stiftung" mehr Sichtbarkeit wünscht: "Damit machte Lydia Welti-Escher eine historische Verspätung wett und wendete sie in einen Fortschritt, der indes seinen Preis darin hat, dass die Gottfried-Keller-Stiftung gleichsam unsichtbar bleibt. Sie legt zwar mit ihren Legaten ein imaginäres Netz über die Schweiz und stellt eine virtuelle Nationalgalerie dar, im Bewusstsein der Menschen aber ist sie nicht verankert. Denn die Stiftung kann ihre heute vom 12. bis ins 20. Jahrhundert reichende Sammlung nur allzu selten im Überblick zeigen."

Weiteres: In der NZZ würdigt Thomas Ribi den im Alter von 90 Jahren verstorbenen Schweizer Luftbildfotografen Georg Gerster, der seine Fotografien unter anderem im National Geographic Magazine, im Magazin Geo oder im Sunday Times Magazine publizierte: "Eine 'Ikonografie der Erde' wolle er erstellen, sagte er vor wenigen Jahren und fügte hinzu: 'Ich werde nie fertig.'" Besprochen werden die Ausstellung "Tizian und die Kunst" im Frankfurter Städel (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Hate Speech" im Grazer Künstlerhaus (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2019 - Kunst

Judith Scott, Ohne Titel, o. J. Wolle und gefundene Objekte, abcd / Bruno Decharme collection. Creative Growth Art Center, Foto: César Decharme

Eine faszinierende, auch erschütternde "Explosion aus Farben und Fantasie" erlebt Almuth Spiegler in der Presse in der Ausstellung "Flying High" im Wiener BA Kunstforum, die erstmals Künstlerinnen der Art Brut vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart in solcher "Dichte" präsentiert. Es dauerte, bis Art-Brut-Künstlerinnen wahrgenommen und Stars wie Guo Fengyi oder Judith Scott gewürdigt wurden, so Spiegler, der Museumsdirektorin Ingried Brugger erklärt: "Frauen waren damals das Letzte unter den Letzten in den 'Irrenanstalten'." Spiegler schreibt: "Diese Ausstellung ist auch emotional ein harter Brocken, manche Arbeiten erzählen von den Zuständen, etwa das unsäglich bedrückende gehäkelte Kaffeeservice mit Zwangsernährungskanne von Hedwig Wilms von 1913/15. Oder die Fotos der Muster, die Marie Lieb 1894 aus zerrissenen Leintüchern auf den Boden ihres Krankenzimmers legte, die erste textile Rauminstallation überhaupt vielleicht."

Kiki Smith, Litter, 1999. Lithographie mit Vergoldung auf Arches, Cover White-Papier. Staatliche Graphische Sammlung München
Tief beeindruckt betrachtet Gottfried Knapp in der SZ das einzigartige grafische Werk der amerikanischen Künstlerin Kiki Smith, die ihre Druckgrafiken der Münchner Pinakothek der Moderne schenkte und sich vor allem in späteren Arbeiten mit den "Existenzformen zwischen Leben und Tod" beschäftigte: "In einem der eindrucksvollsten Radier-Zyklen hat Kiki Smith die Beileidsblumensträuße, die zum Begräbnis ihrer Mutter eintrafen, im leicht ramponierten Zustand, in dem sie sich nach den Feierlichkeiten befanden, aufs Papier gebannt und unter dem Titel 'Touch' zu einem Kompendium des Mitgefühls und des Dahinsiechens verdichtet. Das Sterben der Mutter in der Klinik aber ist in einem Zyklus großformatiger schwarzer Holzschnitte eindrucksvoll ausschnitthaft angedeutet."

In der taz nimmt Johanna Schmeller den japanischen, vor allem für seine Kinbaku-Fotos bekannten Fotografen Nobuyoshi Araki, dessen Werke derzeit im c/o Berlin zu sehen sind, vor den Sexismus-Vorwürfen der Frauenrechtlerinnen der "Angry Asian Girls Association" in Schutz: "Dass es mehr mit Sexismus zu tun hat, jede Auseinandersetzung mit weiblichen Genitalien zu vermeiden, als weibliche Lust öffentlich darzustellen, betont die Kulturhistorikerin Mithu M. Sanyal: Ein Schulkind, das einen Penis zeichnen kann, sollte auch eine Vulva hinbekommen. Die japanische Künstlerin Rokudenashiko wurde sogar festgenommen, als sie in einem Kanu, das einen vergrößerten Abguss ihrer Vulva darstellt, durch Tokio paddelte, um auf die Unterrepräsentation weiblicher Lust hinzuweisen. Bei einem jährlichen Fest des stählernen Penisses werden in Japan dagegen Lutscher in Penisform verteilt."

Besprochen werden die Ausstellung "Tizian und die Renaissance" im Frankfurter Städel (FR, Dlf), eine Ausstellung mit Werken von Maryam Jafri im Innsbrucker Taxis Palais (Standard) und die Ausstellung "Torture" mit Arbeiten des Fotografen Andres Serrano in der Stills-Gallery in Edinburgh (Guardian).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2019 - Kunst

Bild: Pumpkin. 2015. Yayoi Kusama.

Avantgarde-Kunst ist eine "Nischenveranstaltung" in Japan, schreibt Christoph Neidhart in der SZ - aber das von der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama in Tokyo eröffnete und mit ihren Arbeiten bestückte Museum erfreut sich größter Beliebtheit, so Neidhart weiter, den das wenig wundert. Ihre Arbeiten, etwa die gepunkteten Kürbis-Skulpturen werden entgegen der Intention der seit 1977 in einer Nervenklinik lebenden Künstlerin als "kawai", also niedlich, wahrgenommen, so wie es Japaner lieben: "Die noch immer sexistische Gesellschaft erwartet von der Japanerin, dass sie sich bemüht, 'kawaii' zu sein, selbst als rebellische Künstlerin oder harte Geschäftsfrau. Dafür dürfen Frauen auch als Erwachsene kindlich juchzen, wenn sie ein Häschen oder ein Katzenbaby sehen. Manche Experten wie die britische Japanologin Sarah Parson machen den Kawaii-Kult dafür mitverantwortlich, dass Japan die Frauen stärker diskriminiert als einige islamische Länder."

Bild: Die Madonna mit dem Kaninchen, um 1530. Tizian

Einfach überwältigt ist Stefan Trinks in der FAZ von der Schau "Tizian und die Renaissance", die ihm den ganzen Zauber des venezianischen "Farbmagiers" vor Augen führt: "Das nackte Fleisch im Akt-Saal vibriert, atmet und zwingt noch hundert Jahre später Rubens zur übertreffenden Nachahmung. Der über Achtzigjährige schließlich wirft die Farbe wie Pollock auf die Leinwand, er verreibt sie großräumig mit den Fingern, er spachtelt Wände aus Bleiweiß und reißt sie wieder auf. So lässt der alte Meister auch wie ein aufrichtiger Dorian Gray Haut, Fleisch und Farbe seines gemalten Personals mitleidlos mitaltern."

Weitere Artikel: Die Dauerleihgabe der Sammlung Batliner an die Albertina wurde bis 2027 verlängert, wie es danach weitergeht, ist ungewiss, schreibt Olga Kronsteiner im Standard. Ungeklärt ist nach wie vor auch auch die Frage, ob die Sammlung von Hermann Batliner, dessen Kanzlei auch das Vermögen von Kriminellen und Diktatoren verwaltete, durch Steuerhinterziehung und Geldwäsche finanziert wurde, so Kronsteiner weiter. In der NZZ erzählt Judith Basad, wie Oskar Kokoschkas Bilder durch Versteigerungen der Nazis nach Basel und sein literarischer Nachlass nach seinem Tod in die Zürcher Zentralbibliothek geriet.

Besprochen werden die Ausstellung "Konkrete Gegenwart" im Zürcher Haus Konstruktiv (NZZ), eine Ausstellung mit frühen Arbeiten von Diane Arbus in der Londoner Hayward Gallery (Guardian), eine Ausstellung in einem Berliner Abrisshaus, in dem die Mieter gegen Gentrifizierung protestieren (monopol-magazin), die Kunstschau "Desert X" im Coachella Valley rund um Palm Springs, die sich für Naturschutz einsetzt (Dlf), die Ausstellung "Hugo Pratt, lignes d'horizons" im Musee des Confluences in Lyon den Einflüssen von Stammeskunst auf dessen Comics nachspürt (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2019 - Kunst

Zum Tod des amerikanischen Minimal-Art-Malers Robert Ryman erinnert sich Max Dax in der Welt daran, wie er von dem Schweizer Sammler Urs Raussmüller dazu verdonnert wurde, eine Stunde lang vor Rymans aus fünf Einzelgemälden bestehendem Bild AVON zu verbringen und plötzlich das Geheimnis hinter Rymans Werk erkannte: "AVON gehört zu den Schlüsselwerken Rymans, und sein Claim to Fame kann in dieser monumentalen, aus fünf weißen Gemälden bestehenden Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes minutiös abgelesen werden. Denn in einer Stunde verändert sich das Tageslicht langsam, aber beständig. Mein Blick auf die fünf Farben Weiß ähnelte einer Meditation: In demselben Maße, wie sich das Licht änderte, veränderte sich die Malerei. Deren gleißend helle Quadrate durchliefen gewissermaßen einen auratischen Materialisierungsakt, der den von Laien gerne geäußerten Einwand, 'jeder könne schließlich weiße Bilder malen', von der Wand wischte." Im Guardian schreibt Adrian Searle: "Ryman nahm die Malerei auseinander, um zu sehen, wie sie funktionierte, und baute sie dann von Null auf wieder zusammen."

Weitere Artikel: Recht knapp handeln Boris Abel und Sophie Eliot in der taz ihren Besuch auf drei Kunstmessen in Mexiko-Stadt, der "Zonamaco México Arte Contemporanéo", der "Modern Love vol. 3" und der "Material Art Fair" ab, auf denen sie immerhin erkennen, wie die mexikanische Kunststzene "gesellschaftlichen Konflikten" trotzt und an internationaler Bedeutung gewinnt. Im Standard geht Anne Katrin Fessler der Frage nach, ob von Algorithmen entworfene Bilder Kunst sind. In der FR bewundert Sylvia Staude die in der Frankfurter Galerie Peter Sillem ausgestellten Tierporträts von Walter Schels.

Besprochen wird die Ausstellung "Der junge Picasso - Blaue und Rosa Periode" in der Basler Fondation Beyeler ("ein exquisites ästhetisches Erlebnis" von "fast unerwarteter Klarheit", meint Rose-Maria Gropp in der FAZ)
Stichwörter: Ryman, Robert

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.02.2019 - Kunst

Der französische Zeichner, Karikaturist und Kinderbuchautor Tomi Ungerer, bekannt geworden vor allem durch seinen subversiven Band "Fornicon" mit erotischen Karikaturen und Kinderbücher wie die "Die drei Räuber" ist im Alter von 87 Jahren gestorben. In der SZ erinnert sich Roswitha Budeus-Budde: "Es machte ihm höllischen Spaß, als Anarchist seine Umgebung zu schockieren, die Provokation war seine Lebensstrategie. Bei einer Tagung für Sozialpädagogen, die vor 20 Jahren in der Internationalen Jugendbibliothek in München stattfand, ging er einmal vor der Moderatorin auf die Knie und bat sie um ein Kind. Das halbe Auditorium flüchtete. Bei einer Begegnung mit ihm, in den 90er-Jahren, gab es nur zwei Möglichkeiten auf seine verbalerotische Begrüßungsattacke zu reagieren: Entrüstung oder Gegenangriff."

Auf Spon schreibt Arno Frank: "Das Glück seiner frühen Jahre war, dass es kein Internet gab. Freier Künstler, PR-Experte, Satiriker, Kinderfreund, Pornograf - es waren alle möglichen Leben nebeneinander möglich, ohne einander ins Gehege zu kommen. Einer rigorosen Prüfung durch die Gesinnungstechniker vom neopuritanischen TÜV unserer Zeit würde sein Werk nicht standhalten." Weitere Nachrufe in FAZ, taz und Berliner Zeitung.

Weitere Artikel: Bereits im letzen Jahr startete Nan Goldin eine Kampagne gegen die Mäzenatenfamilie Sackler, die mit dem Schmerzmittel OxyContin mitverantwortlich für die Opioid-Krise in den USA ist. (Unsere Resümees). Die von Goldin gegründete Aktionistengruppe Prescription Addiction Intervention Now (PAIN) fordert Museen und Kulturinstitutionen auf, den Namen Sackler aus den von der Familie unterstützten Projekte zu streichen. Jetzt forderte Goldin in dem im Guggenheim eröffneten Sackler Center for Arts Education, die Familie solle wegen Mordes angeklagt werden, wie Artnews meldet.

Besprochen werden die Ausstellungen "Ties, Tales and Traces. Dedicated to Frank Wagner, Independent Curator" in der Berliner Galerie Kunst-Werke (taz) und die Ausstellung "Fünfhundert Jahre Meisterzeichnungen" mit Werken aus dem Puschkin-Museum in der Pariser Fondation Custodia (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.02.2019 - Kunst

Brassaï: Avenue de l'Observatoire in the Fog, circa 1937. Estate Brassaï Succession, Paris


Carole Naggar lässt sich für das Blog der New York Review of Books vom Kurator durch die große Brassai-Ausstellung im San Francisco Museum of Modern Art führen. Besonders angetan haben es ihr seine Nachtaufnahmen, die "oft von Nebel durchzogen waren, der den Magnesiumblitz abschwächte. In einer Aufnahme vom Dach der Kathedrale von Notre-Dame ragt die Silhouette eines Wasserspeier mysteriös hoch über die Lichter und Dächer der Stadt. In vielen seiner atmosphärischeren Fotografien entsteht der Eindruck der schrittweisen Vermischung wie bei einer Kohlezeichnung, der Auflösung von Grenzen. 'Die Nacht zeigt keine Dinge', sagte Brassaï einmal, 'sie suggeriert sie. Sie stört und überrascht uns mit ihrer Seltsamkeit.' Obwohl er die Surrealisten kannte und oft in der surrealistischen Zeitschrift Minotaure veröffentlichte, widersetzte sich Brassaï allen Labels und wollte nicht als Surrealist bezeichnet werden: 'Ich wollte nur die Realität einfangen, weil nichts surrealistischer ist als das.'" Dass er dazu seine Bilder auch manipulierte, ist eine andere Geschichte.

Weitere Artikel: In der NZZ denkt Sarah Pines über die Schönheit der Antike nach. Im Interview mit der taz plaudert der britische Künstler Peter Blake über Pop-Art und das Schallplattencover des Beatles-Albums "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", das er zusammen mit seiner Frau Jann Haworth entworfen hat.

Besprochen werden eine Werkschau des Fotografen Manfred Willmann in der Wiener Albertina (Standard) und die Ausstellung "Es war einmal in Amerika" im Wallraf-Richartz-Museum in Köln (FAZ).
Stichwörter: Brassai

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.02.2019 - Kunst

Pablo Picasso: Femme (Epoque des "Demoiselles d'Avignon"), 1907. Fondation Beyeler, Riehen/Basel © 2017, Succession Picasso/ProLitteris, Zürich


Eine Ausstellung wie diese in der Basler Stiftung Beyeler über Picassos blaue und rosa Periode wird es so schnell nicht wieder geben, glaubt ein völlig hingerissener Gottfried Knapp in der SZ. Denn die Basler zeigten nicht nur, "wo der neue, monochrom abstrahierende Stil herkommt, sondern auch, wohin er am Ende geführt hat, welch folgenschwere bildnerische Entwicklung er eingeleitet hat. So endet die Ausstellung nicht mit den letzten Bildern der Rosa Periode, sondern in einem Saal, in dem sieben Gemälde aus dem Jahr 1907 das Drama vor Augen heben, das Picasso ausgefochten hat, als er das Schlüsselwerk dieser Umbruchphase in zahlreichen radikalen Bildexperimenten vorbereitete und begleitete: die 'Demoiselles d'Avignon'. Diese Vorstudien zeigen in radikaler Verkürzung, wie archaisch-primitivistisch Picasso in dieser Phase gearbeitet hat. Der Pinsel wird zum Beil, mit dem die Formen herausgehauen und quasi plastisch in den Bildraum gestellt werden."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung mit Porträts des Fotografen Stefan Moses im DHM in Berlin (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "John Ruskin. The Power of Seeing" im Londoner Two Temple Place (FAZ).
Stichwörter: Picasso, Pablo

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.02.2019 - Kunst

Astrid Klein, "CUT II" von 1986, digital produziert 1996. Foto: Timo Ohler


An der Zeit war's ja, aber verblüffend ist es doch: Plötzlich werden nur noch Künstlerinnen ausgestellt. Ist das ernst gemeint oder ein Marketingtrick, fragt sich in der Welt Swantje Karich. Jedenfalls ist etwas ist in Bewegung, meint sie, jetzt kommt es darauf an aufzuarbeiten, warum Frauen so lange ausgeschlossen waren. Karich trifft sich mit der gerade in Berlin bei Sprüth Magers ausstellenden Künstlerin Astrid Klein, die sich in der "Männerkunstwelt" der Siebziger und Achtziger durchsetzte: "Betritt man die Schau, erkennt man sofort, wie früh sie war in vielen künstlerischen Formen, wie unnachahmlich ihre Sensibilität und Kraft im Umgang mit dem Material ist. ... Was Astrid Klein aber zu hören bekam, war nicht Lob, sondern: Sie mache Kunst wie ein Mann. Man spürt, was das sein könnte, was da abschreckte: Spannung, Dominanz, Kraft. All das also, was gute Kunst ausmacht. Heute haben sich die Stile emanzipiert! Frauenstil versus Männerstil - das klingt aus der Zeit gefallen. Kleins Werk aber stößt uns in Berlin auch auf andere alte Themen, auf Stereotypen und Machtstrukturen der damaligen Zeit - die sich kaum verändert haben."

Anna Mariani, Xique-Xique, Bahia, Brésil, 1979, Courtesy Fondation Cartier pour l'art contemporain


Höchst angeregt steht Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Meixner in der Pariser Fondation Cartier, wo eine große Ausstellung 250 Arbeiten aus Lateinamerika zeigt. Dass Ausstellungen den Dialog mit der westlichen Kunst verdeutlichen, kennt man ja. "Was aber, wenn man die Arbeiten in Beziehung zur Vergangenheit der eigenen Kultur setzt? 'Géométries Sud' tut genau dies, indem sie die Granden einer internationalen, übergreifenden Kunstgeschichte mit den eigenen Wurzeln konfrontiert. Die präkolumbischen Funde der Valdivia-Kultur Ecuadors sind ein Beispiel dafür, mit welcher Raffinesse harter Stein in vorchristlichen Jahrtausenden bearbeitet wurde. Die glatten Oberflächen der sonst schlicht gestalteten Figuren werden von geometrischen Mustern überzogen. Ähnlich wie bei der alten Zeremonienmaske aus dem heutigen Osten Kolumbiens. Sie trägt ein abstraktes All-over aus kleinen, vollkommen perfekt in die Keramik geritzten Kreisen."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung mit dem Werk Ernst Kahls im Caricatura Museum in Frankfurt (FAZ), zwei Ausstellungen zum 50. Todestag der Schweizer Künstlerin Helen Dahm im Kunstmuseum Thurgau und im Helen-Dahm-Museum in Oetwil am See (NZZ) und die Ausstellung "Objects of Wonder - British Sculpture from the Tate Collection 1950s" im Palais Populaire der Deutschen Bank im Berliner Kronprinzessinnenpalais (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.02.2019 - Kunst

Annette Kelm: Still Life with Spring, 2017, Courtesy Annette Kelm, König Galerie, Berlin, Andrew Kreps, Gallery, New York und Gió Marconi, Mailand

Catrin Lorch stellt in der SZ die Fotografin Annette Kelm vor, die mit attraktiv anmutenden Bildern immer auch einen Überschuss an Sinn produziere und derzeit in der Kunsthalle Wien gezeigt wird: "Die Fotografie der Annette Kelm, das wird in Wien sichtbar, bezieht sich nicht nur auf Kunstgeschichte, sondern auch auf Ökonomie, die Wissensgesellschaft und Industriekultur. So knüpft die Künstlerin an das Werk der Generation von Allan Sekula, Harun Farocki oder Christopher Williams an. Doch hat sich dieses Werk von dem Gedanken verabschiedet, dass konzeptuelle Kunst karg, zeichenhaft und zurückgenommen auftritt - die Fotografien sind strahlend bunt, bestechend attraktiv, großformatig und wagemutig."

Tracey Emin: A Fortnight of Tears, Ausstellungsansicht. Foto: White Cube Bermondsey.

Kraftvoll, gewaltig, erschütternd findet Hettie Judah Tracey Emins in ihrer neuen Ausstellung "A Fortnight of Tears" im White Cube Bermondsey in London, wo sich ihr der Schmerz und die Trauer der Künstlerin offenbaren: "Emin ist heimgesucht, doch das Malen bietet wenig in Sachen Exorzismus. Die grauenvolle, stümperhafte Abtreibung, die sie 1990 hatte, die Vergewaltigungen, die sie als Teenager erleiden musste, der Tod ihres Vaters - das alles ist noch hier, brutal und in den Eingeweiden. Hinzu kommt ein Mix aus neuer Trauer - der Tod der Mutter - und aufgestauten Schichten aus vertaner Liebe und verratenem Vertrauen... Emin ist zu einer Bekenntniskünstlerin geworden, sie nutzt das Rohmaterial des Selbst: den Körper und die Seele. Ihre Arbeit bleibt eine Antwort auf den seltsam gehemmten Stoizismus britischer Respektabilität. Auf dieser Stufe ihrer Karriere, da sie die Grenzen ihres Könnens immer weiter ausdehnt, erscheint die brutale Ehrlichkeit nicht mehr bekenntnishaft, es geht vielmehr darum, die dezidiert weibliche Tragik als Thema großer Kunst geltend zu machen."

Weiteres: Stefan Trinks freut sich in der FAZ, dass das Berliner Kupferstichkabinett seinen Bestand um Adolph Menzels Pastell "Die Schlittschuhläufer" bereichern konnte. Eckhart Gillen besucht für den Tagesspiegel das neue von Daniel Libeskind entworfene Modern Art Museum in Vilnius.

Besprochen werden Rossella Biscottis Videoinstallation "The City", die Ausgrabungsarbeiten im südanatolischen Çatalhöyük in der Nähe von Konya dokumentiert und in der DAAD-Galerie Berlin zu sehen ist (taz) und die von Wes Anderson kuratierte Schau Ausstellung "Spitzmaus Mummy in a Coffin and other Treasures" im Kunsthistorischen Museum Wien (NZZ).