Magazinrundschau - Archiv

Perfil

4 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 07.10.2014 - Perfil

Der argentinische Schriftsteller Martín Kohan ist vor kurzem, am letzten 11. September, in Buenos Aires wieder einmal an dem Haus vorbeigekommen, in dem er seine Kindheit verbrachte: "Es steht noch. Aber das unmittelbar angrenzende Haus ist abgerissen worden. Ich weiß, weil ich davon gehört oder gelesen habe, was man fühlt, wenn das Haus verschwindet, in dem man seine Kindheit verbracht hat - man fühlt sich irgendwie schutzlos und verwaist. Das Haus meiner Kindheit steht noch, wie gesagt, aber nach dem Abriss des Nachbarhauses hat der Anblick meines einstigen Wohnhauses, der so sehr zu mir gehört, auf einmal etwas höchst Provisorisches. Es scheint nicht mehr dasselbe, hängt gewissermaßen bloß noch am seidenen Faden. Für gewöhnlich hält man die Vergangenheit für etwas, was man kennt, etwas fest Verwurzeltes, Sicheres. Beunruhigung und Unsicherheit gehen für uns dagegen normalerweise von der Zukunft aus. Ab sofort werde ich mich jedoch an den Gedanken gewöhnen müssen, dass die Vergangenheit um nichts weniger zerbrechlich ist als die Zukunft, ein ebensolcher Schwebezustand."

Magazinrundschau vom 03.12.2013 - Perfil

Der argentinische Schriftsteller Martín Kohan beobachtet den Moskauer Streit um den Louis-Vuitton-Riesenkoffer auf dem Roten Platz: "Jahrelang wurde an der Fassade eines Gebäudes in der vornehmen Avenida Callao in Buenos Aires auf einzigartige Weise symbolisch der zu jener Zeit die Welt bestimmende ideologische Konflikt ausgetragen: Die Abkürzung PC war dort gleich zweimal zu sehen, unmittelbar übereinander und in einzigartiger Spannung. Oben, im ersten Stock, standesgemäß verziert mit Hammer und Sichel, dem Graphem der proletarischen Revolution, verwies sie auf ein Büro der PC, der Kommunistischen Partei Argentiniens; genau darunter zeigten die beiden elegant geschwungen Buchstaben P und C an, dass sich dort eine Pierre Cardin-Filiale befand, die Quintessenz des gehobenen bürgerlichen Konsums. Im Moskau von heute gibt es keinen solchen Echo-Effekt mehr; dafür ergibt sich hier eine Spiegelung: VL/LV, Vladimir Lenin/Louis Vuitton - jeder möge sich selbst fragen, wen von beiden er ansteuern würde, ließe man ihm in diesem Augenblick auf dem Roten Platz die Wahl."

Magazinrundschau vom 13.03.2012 - Perfil

Martín Kohan macht sich Gedanken zum einmal mehr aufgeflammten Streit um die Falklandinseln: "Wir Argentinier sind dann am meisten Argentinier, wenn wir sehen oder das Gefühl haben oder glauben, dass man uns beraubt hat. Denn auf diese Weise lässt sich für uns alles erklären: das, was wir sind, und das, was wir nicht geworden sind. Was uns definiert, ist das Beraubtwordensein. Insofern sind die Falklandinseln bzw. die Malwinen argentinisch - aber nicht, damit wir sie zurückgewinnen, und auch dann nicht, wenn wir sie tatsächlich zurückgewinnen. Sie sind argentinisch, weil sie verloren und unerreichbar sind. Die Steinplatte des Malwinen-Denkmals im patagonischen Ushuaia enthält ein Loch, dessen Form den Umriss der Inseln wiedergibt. Mit einem beeindruckenden Effekt: der Ausschnitt wird durch den Anblick des dahinter liegenden dunklen Meeres ausgefüllt. Doch der Sinn dieser Form ist das Loch, und der Sinn dieses Lochs ist das Fehlen, die Abwesenheit. Sollten sich die Malwinen trotz allem eines Tages zurückgewinnen lassen, wären sie ein bisschen argentinischer. Aber wir Argentinier wären ein bisschen weniger argentinisch."
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Stichwörter: Argentinien

Magazinrundschau vom 05.07.2011 - Perfil

Der Dramatiker Rafael Spregelburd wünscht sich in seiner Kolumne mehr radikales Theater von Wutbürgern: "Wie klug und umsichtig - wie traurig aber auch: Die aufrührerischen Mittelschichtler hier wie dort rackern sich für Änderungen ab, die die Struktur des Systems bloß reparieren, sprich: konservieren. Hm? Sollte das tatsächlich die einzige Veränderungsmöglichkeit sein, die bleibt? Die Empörten etwa, die sich an der Puerta del Sol niederlassen, ohne Dreck zu machen (damit man sie bloß nicht für subversiv hält), die die Politiker aus dem Verkehr ziehen wollen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen, die auf einen Sozialismus mit allen Vorteilen der Konsumgesellschaft aus sind: Überall die gleiche Wandlung, hin zu neuen, aber weiterhin kapitalistischen Gesellschaften. So sehen die eleganten Sprünge und Hüpfer von Gemeinschaften aus, die keine Revolutionen machen. Bei ihrem Umsturz wenden sie sich gegen die symbolische Ordnung, statt zu den Waffen zu greifen und den Schuldigen den Bauch aufzuschlitzen."