06.04.2026. Politik heute? Purer Nervenverschleiß. Fruchtlose Debatten, verhärtete Fronten, Konflikte, die zum Flächenbrand auszuufern drohen. Wie damit umgehen? Die indische Schriftstellerin Devika Rege hat den Versuch gewagt - und legt ein Erstlingswerk von ungewöhnlicher Reife vor.
Devika Rege. Foto: VerlagEin Schnellschuss war das nicht. Aber Devika Reges Debütroman, in den gegen zehn Jahre voraufgehender Recherche und disziplinierter gestalterischer Arbeit eingeflossen sind, kann man heute, da selbst in Demokratien die Bereitschaft zu Dialog und Konsensfindung schwindet, als Buch zur Stunde lesen. Denn der Ansatz, den die Autorin bei ihrem Blick auf den immer aggressiveren Vormarsch des Hindu-Nationalismus in ihrer Heimat wählt, ist so ungewöhnlich wie beispielhaft.
Obwohl die Handlung 2014 - im Jahr von Narendra Modis Machtantritt - angesiedelt ist und das fiktionale Pendant zu seiner Bharatiya-Janata-Partei im Roman nur dünn verschleiert unter dem Namen Bharat figuriert, möchte auch Rege selbst ihr Werk nicht auf diesen spezifischen Moment festgenagelt sehen. "2014 rückte weit ausgreifende moralische, kulturelle und wirtschaftliche Veränderungen in den Blick, die in der indischen Gesellschaft schon seit den Neunzigerjahren und vielleicht noch früher eingesetzt hatten", erklärt sie im indischen Online-Magazin The Wire. "Und vieles davon fand im Echoraum ähnlicher Entwicklungen in anderen Demokratien statt - etwa der Aufstieg konservativer Kräfte, die Folgeschäden des Spätkapitalismus, die Abkehr von liberalen Wertvorstellungen." Aber auch mit diesem Hinweis auf die zeitliche und globale Spannweite von "Quarterlife" - so der Originaltitel des 2023 erschienenen Buches - ist noch nicht das Letzte und Wichtigste gesagt. "Der Moment", fährt die Schriftstellerin fort, "war lediglich ein Rahmen, innerhalb dessen ich etwas tiefer Liegendes erkunden wollte - so etwas wie die Psychologie, in der unsere politischen oder wirtschaftlichen Überzeugungen wurzeln, und die Art, wie unser Bewusstsein mit ihnen umgeht."
Jenen Rahmen allerdings hat Rege, den Realitäten ihres Landes entsprechend, weit gesteckt. Vom Hindutva-Aktivisten bis zum Unternehmensberater, der mit Kalkül und Ellbogen um seine Karriere kämpft; von den unbemittelten muslimischen Familien und den Dalits, die - eine erzwungene Schicksalsgemeinschaft - vom Gesellschaftssystem fast buchstäblich auf die Müllhalde gedrängt werden, bis zu den beflaggten Bühnen, auf denen schillernde Parteigrößen trotz ihrer laufend wechselnden Allianzen zu überzeugen versuchen; vom homosexuellen parsischen Schauspieler bis hin zum in der Wolle gefärbten Kommunisten, der als Investigativreporter sein Leben aufs Spiel setzt: So weit reicht das Figurenspektrum, und damit ist noch nicht einmal das ganze Ensemble vorgestellt. Die Devise, auf die sich die Autorin dabei verpflichtete, war: Nicht vorverurteilen, sondern auf dem Boden der Realität das Gespräch mit Vertretern dieser Gruppierungen aufnehmen. Zuhören und dabei versuchen, die Erfahrungen und Denkungsarten zu ergründen, die hinter einer Haltung stehen, auch wenn man diese als falsch oder gefährlich betrachtet.
So hat Devika Rege die unterschiedlichen Milieus, in denen sich die Hauptfiguren ihres Romans bewegen, im Vorfeld des Schreibens geduldig ausgeleuchtet: "Ich habe junge Leute aus dem ganzen politischen Spektrum über Jahre im Auge behalten. Freiwillige, die sich in Organisationen des rechten Flügels engagierten, Aktivisten, die als antinational gebrandmarkt wurden, Firmenpraktikanten, die weder nach links noch nach rechts schauten. Wirkliche Einsichten waren da nur selten in formellen Interviews zu gewinnen, sie ergaben sich erst aus der langfristigen Beobachtung. Das hieß, diese Menschen zu Hause und in ihrem Büro aufzusuchen, herauszufinden, was ihre Lebensentscheide über ihre Vorstellungen und Überzeugungen verrieten und herauszuhören, wie sich die Sprache entwickelte, mit der sie ihren Wünschen Ausdruck gaben", verrät sie Michelle Johnson von World Literature Today. Sie verfolgte auch die Berichterstattung in den Medien, Debatten und öffentliche Anlässe, stets bereit, ihre Einsichten neu und noch feiner zu kalibrieren.
Die Informationen zu Reges eigenem Werdegang sind eher spärlich. Geboren wurde sie - wohl Mitte der 1980er Jahre - in Pune im südlichen Gliedstaat Maharashtra, später studierte sie in Mumbai und war anschließend in einer Firma tätig, für die sie mehr als ein Dutzend Gliedstaaten bereiste. Das weitete ihren Blick auf Indien - und schärfte das Gefühl, dass ihre eigentliche Berufung das Schreiben war. Sie bewarb sich mit Erfolg um ein Stipendium in Iowa, und in den USA registrierte sie, dass die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, die sie in der Heimat beobachtet hatte, sich auch anderweitig abzeichneten. Zudem weckte der Wechsel in eine andere Kultur und Lebenswelt ihre Neugier, wie sich ihr eigenes Land in den Augen einer Fremden ausnehmen würde.
Solche Erfahrungen führt sie in den drei Hauptfiguren ihres Romans zusammen, den Barbara und Stefan Weidle unter dem Titel "Die rastlosen Jahre" für Culturbooks übersetzt haben. Da sind die Brüder Naren und Rohit Agashe: Wie Reges Familie stammt auch die ihrige aus Pune, doch schon die Eltern übersiedelten nach Mumbai, sind dort von ihrer Wohnung im Außenquartier Bandra in ein privilegiertes Etablissement namens Imperial Heights aufgestiegen und haben den Söhnen das Rüstzeug für ganz unterschiedliche Karrieren mitgegeben. Naren, inzwischen 31, hat in Amerika studiert und schaffte es anschließend bis zu einer Anstellung bei Goldman Sachs in New York - wo er dann aber so schmerzhaft an die gläserne Decke stieß, die man über dem "cleveren kleinen Inder" eingezogen hatte, dass er in die Heimat zurückkehrte. Der sieben Jahre jüngere Rohit, ganz Kind des digitalen Zeitalters, hat unterdessen in Mumbais rasant wachsender Start-up-Szene ein kleines Filmstudio gegründet; Naren blickt etwas scheel auf die dürftige Ausstattung, realisiert aber schnell: "Abgesehen von der richtigen Adresse spielt der eigentliche Raum kaum noch eine Rolle in der virtuellen Welt, wo man Teams aus nomadisierenden Freelancern zusammenbastelt, Kunden durch persönliche Empfehlung findet, Flyer in Cafés gestaltet und sein Equipment projektweise anmietet - denn warum sollte man irgendwas kaufen, wenn die Geräte sowieso nach drei Monaten veraltet sind?" Die Amerikanerin Amanda schließlich, die einen Freiwilligendienst in Deonar leisten will, einem direkt bei der Mülldeponie gelegenen Mumbaier Armenviertel, steht mit 27 Jahren altersmäßig zwischen den Brüdern - und wird mit Naren die Erfahrung teilen, in und an einem fremden sozialen Kontext zu scheitern.
Anfänglich glaubte die Schriftstellerin, mit diesen drei Figuren - dem Insider Rohit, der Außenseiterin Amanda und dem zwischen den beiden positionierten Naren - gut aufgestellt zu sein. Aber bald schon hätten andere Stimmen versucht, sich einen Weg ins Manuskript zu bahnen, erzählt sie im Gespräch mit Merve Emre von Public Books; obendrein "schien es ziemlich undemokratisch, dass ein Roman über Demokratie ausschließlich aus der Sicht zweier zu einer hohen Kaste und zur Oberklasse gehöriger Hindus und einer weißen Frau erzählt werden sollte (…) So kam es, dass der Roman sich von drei auf neun und schließlich auf beinahe vierzig Stimmen erweiterte."
Der Gefahr des Ausuferns begegnet die Schriftstellerin dabei mit einem durchdachten erzählerischen Aufbau. In fünf Hauptteilen und einer Koda entwickelt sie das Geschehen, moduliert dabei gelegentlich den Erzählduktus, setzt die Weiterung der Perspektive geschickt in Szene. Die Handlung beginnt im November 2013 in den USA; Naren hat bei Goldman Sachs das Handtuch geschmissen, und während die Amerikaner beim Thanksgiving-Dinner sitzen, quält er sich, nur Sandalen an den bloßen Füßen, durch eisigen Wind zum Esslokal, wo ihn ein fader Hackbraten erwartet. Deprimiert und desillusioniert entschließt er sich zur Rückkehr nach Indien. Auch in der US-Kleinstadt Jaffrey plagt sich eine mit dem Festessen und geht dann allein in die stürmische Nacht: Amanda, die mit ihrem Partner Andrei bei ihren Eltern lebt. Zunehmend fühlt sie sich als Außenseiterin im alten Familienhaus, dessen "bedrückende Sogkraft (…), seit neun Generationen stärker als der Wille seiner Besitzer, alle immer wieder in seine musealen Räume zurückzieht". Als sie später am Abend die Posts von Freunden und Bekannten durchscrollt, entdeckt sie Narens Ankündigung seiner bevorstehenden Abreise; kurzerhand kontaktiert sie den einstigen Studienkollegen und bittet ihn um Rat, wie auch sie in Indien tätig werden könnte.
"Unbehagen" heißt dieser erste Teil, der die drei Hauptfiguren einer krisenhaften Wende in ihrem Leben entgegenführt. Bei Rohit ist sie, auf den ersten Blick zumindest, weniger einschneidend als bei den anderen - und quasi eine spiegelverkehrte Variante derjenigen Amandas. Zusammen mit Naren ist die junge Frau in Indien eingetroffen und verbringt dort ihre ersten Tage bei den Agashes. Rasch nähert sie sich dem attraktiven, quecksilbrigen Rohit an, schüttet jedoch unwissentlich einen Gifttropfen in sein Herz - ausgerechnet indem sie ihm die lange Familiengeschichte erzählt, der sie entfliehen wollte. Bis ins Jahr 1643 reicht diese zurück, und Amandas Fingerring zeigt noch das Wappen der englischen Vorfahren, die damals die Übersiedlung nach Amerika wagten. In einem stillen Moment öffnet der junge Mann dann den Schrank, in dem die Erinnerungsstücke seiner eigenen Familie verwahrt sind. Ein paar alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Eltern und Großeltern, Plastikalben mit Ferienfotos, drei Bücher aus der Studienzeit des Vaters: "Da ist nichts, das es mit Amandas Familienwappen aufnehmen könnte." So macht sich Rohit selbst auf das, was er seine "#rootstour" nennen wird: Er erkundet die Region der Konkan-Küste, aus der die Agashes stammen, besucht seinen Onkel Ravi, der in Pune beharrlich am kläglichen Rest des einstigen Familienbesitzes festhält. Durch Ravi lernt er den jungen Filmemacher Omkar Khaire kennen, der ihn augenblicklich in seinen Bann zieht - ein Naturtalent hinter der Kamera, aber auch ein Ziehsohn der hindu-nationalistischen Bharat Brotherhood, die dem aus miserablen Verhältnissen stammenden Jungen seinerzeit die Tür zu Lektüre und Bildung aufgestoßen hat.
Die drastische Entwicklung, die Amandas Erzählung bei Rohit auslöst, mag etwas konstruiert wirken, was Rege sich nur selten zuschulden kommen lässt. Aber solche gelegentlichen Kunstgriffe sind vonnöten, um die unterschiedlichen Milieus, die ihr Roman ausleuchtet, zusammenzuführen und so ein Forum für die Diskussionen und Emotionen zu schaffen, die innerhalb der indischen Gesellschaft zum Austrag kommen - oder kommen müssten.
Wie im ersten wechseln sich auch im zweiten, "Transformation" betitelten Teil des Romans Passagen ab, die den drei Protagonisten zugeordnet sind. Zudem wird dort die im ersten Teil einheitliche Erzählform je nach Figur variiert. Bei Amanda, die mittlerweile ihre Arbeit bei einem in Deonar tätigen Hilfswerk aufgenommen hat, gestaltet die Autorin eine Art Momentaufnahmen: mehrheitlich nur knapp seitenlange Passagen, gelegentlich inspiriert durch die Eindrücke, welche die Protagonistin mit ihrem Fotoapparat einfängt. Rohit wiederum hat Omkar spontan offeriert, dessen anstehendes Filmprojekt in seinem Studio zu realisieren; damit gerät er, in unbequemer Mittelstellung zwischen seiner progressiven Clique in Mumbai und den Bharat-Aktivisten um Omkar, in ein eigentliches Kreuzfeuer der Weltsichten und Meinungen, das sich formal in zahlreichen, in kurzen Abschnitten und direkter Rede festgehaltenen Aussagen der unterschiedlichen Akteure niederschlägt. Naren schließlich hat sich nach der Heimkehr erfolgreich um eine Stelle als Unternehmensberater beworben und profitiert dabei sogar von den bitteren Früchten, die ihm das Amerika-Abenteuer eingebracht hat. Das eine ihm gewidmete Unterkapitel zeigt ihn bei einer gewagten beruflichen Bewährungsprobe; den absatzlos durchlaufenden Text unterbrechen lediglich kursiv gesetzte und zentriert eingeschossene Phrasen aus dem mentalen Werkzeugkasten der Business-Welt.
Schon hier tritt Naren - der einzige der drei, der am Ende sein Glück finden wird - hinter die anderen Hauptfiguren zurück. In "Transformation" liegt das Hauptgewicht zu gleichen Teilen auf Rohits Konflikt, der an der Heimatfront ausgetragen wird, und auf der interkulturellen Tragödie, die Amanda aus Unwissen über die indische Gesellschaftsordnung und - wie sie realisieren wird - durch ihre eigene, naive Selbstgerechtigkeit auslöst. Ihre Blindheit kostet einen Mann aus Deonar das Leben.
"Stillstand" heißt der dritte Teil des Romans - was allerdings nicht für die Handlungsebene gilt. Zwar eröffnet eine feierliche Zeremonie bei den Agashes das Geschehen: der Beginn von Ganeshotsav, einem mehrtägigen großen Fest zu Ehren der elefantenköpfigen Gottheit Ganesha. Zu diesem Anlass hat Rohit seine engsten Freundinnen und Freunde aus Mumbai und Omkar eingeladen; auch sein Cousin Kedar, der als Investigativjournalist die üblen Praktiken indischer Bergbaukonzerne durchleuchtet, ist zu Gast. Diese Figuren treten nun neben den drei Hauptakteuren gleichberechtigt ins Geschehen - doch was das Ensemble aufführt, ist weder freundschaftlich noch festlich, sondern ein krachender Streit an mehreren Fronten und in wechselnden Konstellationen, der am Ende nur Verlierer kennt. Die Szene ist eine Art Brennglas, in dem Devika Rege die unterschiedlichen Weltsichten konvergieren lässt, die im Lauf ihrer Recherche Kontur angenommen hatten; eine Passage daraus stellen wir in unserer Leseprobe vor.
Omkar, von mehreren Seiten her angefeindet und dem Diskurs seiner besser gebildeten Angreifer nicht immer gewachsen, verstummt nach einer besonders gemein unter die Gürtellinie zielenden Attacke. Schon vor diesem Showdown hat Rege das Psychogramm des jungen Mannes und das wachsende Ungleichgewicht in seiner vermeintlich schrankenlosen Freundschaft mit Rohit achtsam entwickelt - und dabei hart mit sich und der Figur gerungen, wie auf der der US-Website Debutifulnachzulesen ist: "Manchmal bestand die Herausforderung darin, meine instinktive Abwehr zu überwinden. Aber bei anderen Gelegenheiten lag sie vielmehr darin, über mein Mitgefühl hinauszuschauen - wobei ich da nicht Mitleid meine, sondern vielmehr Punkte, zu denen ich einen Bezug finden, für die ich vielleicht sogar ein gewisses Verständnis aufbringen konnte, was dann wiederum Selbsthass und ein Gefühl der Komplizenschaft in mir auslöste."
Rohit bleibt zunächst immerhin seinem Versprechen treu, Omkars Filmprojekt zu realisieren. Dieses hängt direkt mit Ganeshotsav zusammen: Es soll ein breit angelegter und hautnah gedrehter Dokumentarfilm über die mit der Feier verbundenen Rituale sein, die in Mumbai in ein ekstatisches Volksfest münden. In einer großen Prozession bringt man die teils mehrere Meter hohen Standbilder des Elefantengottes, die Jahr für Jahr eigens für Ganeshotsav allenthalben in der Stadt auf öffentlichen Plätzen errichtet und verehrt werden, am letzten Tag zur Chowpatty Beach und überantwortet sie dort dem Meer. Dies ist der Stoff von "Atmosphäre", dem vierten Teil des Romans - und Rege setzt ihn quasi filmisch um, in einer Kamerafahrt, die von den privilegierten höhergelegenen Quartieren durchs Stadtzentrum an den Strand - und dann bis in die "Tiefen von Mumbai" führt. Souverän gestaltet die Schriftstellerin das bildstarke Kapitel, wirbelt die Lesenden durch ein Kaleidoskop von Eindrücken, lässt sie aber noch im größten Getümmel die Übersicht nicht verlieren.
Auch "Atmosphäre" setzt in der Wohnung der Agashes ein, wo man der Ganesha-Figur auf dem Hausaltar letzte Ehren erweist. Dann blendet die Kamera auf die Etablissements von Geschäftsleuten oder einem Parteivorsitzenden, streift Touristen am Hotel-Pool, taucht schließlich ins Getümmel der durch die Straßen der Stadt strömenden Festzüge. Einer davon durchquert - prekäres Unterfangen - ein muslimisches Quartier; er hält vor der Moschee, und heraus tritt ein Vorstandsmitglied des Gotteshauses, um der Ganesha-Statue eine Blumengirlande überzuwerfen. Die versöhnliche Geste tut ihre Wirkung; zugleich aber wird gemunkelt, irgendwo sei aus der Menge der Muslime ein Schuh in Richtung der feiernden Hindus geflogen, und dieses vielleicht nur erfundene Gerücht wird sich im Lauf des Tages wie ein Schwelbrand verbreiten, der da und dort in gewaltsamen Übergriffen auflodert. Doch während der Ausbruch einer die ganze Stadt erfassenden interreligiösen Fehde verhindert werden kann, genügen im zunehmend gespannten Beziehungsgeflecht, das sich im Lauf des Romans zwischen Rohit, Amanda und Omkar herausgebildet hat, ein Schuss Unbesonnenheit und eine missverständliche Geste, um die Katastrophe herbeizuführen.
"Totenwache" heißt dann der fünfte Teil des Romans, in dem sich der Fokus wieder auf die drei Protagonisten verengt. Der Titel schafft zugleich eine thematische Brücke zur abschließenden Koda - und in dieser wechselt die Erzählung von der dritten in die erste Person. Wir sind in Varanasi, der Stadt, die gläubigen Hindus die Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburt verheißt, wenn sie dort eingeäschert und ihre sterblichen Überreste dem Ganges übergeben werden; zu spät hat die Sprecherin erfahren, dass auch ihr unlängst verstorbener Vater sich diesen Ritus gewünscht hatte.
Spätestens im dritten Absatz scheint klar, dass hier Devika Rege selber das Wort ergreift; aber ganz so möchte sie das Schlusskapitel nicht gelesen haben. Sie habe darin vor allem klarstellen wollen, sagt sie im Interview mit Public Books, dass ihr Roman nicht aus der Sicht einer allwissenden Erzählerin geschrieben sei: "Dies ist die Darstellung einer Frau mit einem spezifischen Background, die versucht, ihre Vorstellungskraft so weit auszudehnen, wie sie es vermag." So sei die Sprecherin im Schlusskapitel nicht ganz mit ihr identisch, "aber sie macht den Standpunkt sichtbar, von dem aus der Rest des Buches geschrieben ist". Tatsächlich geht der Text mehrfach direkt auf die Genese von "Die rastlosen Jahre" ein, flankiert diese Reflexion aber mit zwei eindrücklichen Tableaus, die kontrastierende Bilder von Varanasi einfangen. Zuerst das makabre Totenreich der Ghats, wo die Leichen auf Scheiterhaufen verbrannt werden, dicker Rauch und Asche die engen Gassen schwängern, die erbärmliche Hinfälligkeit des leiblichen Lebens alle Sinne bedrängt. Am Schluss dann, bei einer Fahrt auf dem Ganges, entfalten sich die Schönheit und der Adel der heiligen Stadt. Im Licht des Spätnachmittags wird sie "in ein tiefes, verwaschenes Safran getaucht. Der Ganges war zu dieser Stunde aquamarin und von steinerner Ruhe und bot keine Spiegelung der Stadt, nur das blasse Flackern der Scheiterhaufen."
Keine Spiegelung? Nicht ganz. "Hier ist ein Fluss, so voller Asche, dass ich, wenn ich ihn anschaue, eine Reflexion sehe, die weniger ein Spiegelbild ist als ein glitzernder Schatten, und ich verstehe, dass auch ich eine Mischung bin, ein quecksilbriger Traum einer 'Schriftstellerin', die weder außerhalb des Werks steht, noch es vollständig beherrscht. (…) Ich schaue auf und lache. Ich sage dem Himmel, dass ich die Schriftstellerin schreibe, die mich jetzt schreibt, (…) und hier, in diesen Raum zwischen uns, lade ich Sie ein."
So schön kann's die Rezensentin nicht sagen. Aber den Leserinnen und Lesern des "Vorworts" ans Herz legen, der Einladung der Autorin zu folgen - das darf sie allemal.
Devika Rege: Die rastlosen Jahre Roman Aus dem indischen Englisch von Barbara und Stefan Weidle. Culturbooks, Hamburg 2026. 432 S, gebunden, 28 Euro.
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