Der religiöse Aspekt am Rechtspopulismus und -extremismus wird von hiesigen Medien meist höflich ausgeblendet. Moisés Serrano von der Organisation "Americans United for Separation of Church and State" erklärt im Interview mit Inge Hüsgen von hpd.de, wie weit Trump und Co. bereits bei der Aufweichung der Trennung von Staat und Religion gekommen sind. "Wir beobachten die Angriffe christlicher Nationalisten auf das staatliche Bildungswesen mit großer Besorgnis. Dahinter steckt eine Doppelstrategie: An öffentlichen Schulen zwingt man den Schülern eine eng gefasste Version des Christentums auf, während gleichzeitig öffentliche Gelder in private, vorwiegend religiöse Schulen gepumpt werden. Diese Agenda sehen wir auf allen Regierungs- und Verwaltungsebenen. Auf Bundesebene gehört auch die neue Richtlinie zum Schulgebet dazu. Darin erlaubt die Trump-Regierung sogar das gemeinsame Gebet von Lehrern und Schülern - obwohl das gegen die Verfassung verstößt. Zudem hat der Kongress das erste nationale Programm für private Schulgutscheine ins Leben gerufen, das Milliarden Dollar von öffentlichen Schulen an private, meist religiöse Schulen abzweigen wird."
Die Theologie an denUniversitäten ist ein schwarzes Loch: Doppelt so viele Dozenten deutschlandweit wie für die Philosophie, aber gähnend leere Hörsäle. Die Theologen werden vom Staat, nicht den Kirchen, bezahlt, um eine kaum mehr existierende Nachfrage zu bedienen. "Es verwundert, warum eine strukturelle Reduzierung theologischer Fakultäten von keiner demokratischen Partei, sei es SPD, Grüne oder FDP, bis dato gefordert wurde", schreibt Ralf Nestmeyer bei hpd.de. "Die staatliche Finanzierung bekenntnisgebundener Theologie wirkt wie ein Anachronismus: Der Staat subventioniert indirekt kirchliche Aufgaben und privilegiert eine bestimmte Weltanschauung innerhalb des Wissenschaftssystems. Dass ein Fach, das an Glaubensvoraussetzungen gebunden ist, zugleich den Status einer Wissenschaft beansprucht, bleibt dabei ein grundlegender Widerspruch."
Der amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth hat in einer Andacht für die "Sandy One"-Rettungsmission für einen amerikanischen Piloten einen Bibelspruch zitiert, der allerdings in dieser Form aus Quentin Tarantinos Film "Pulp Fiction" stammt - und "weitestgehend fiktiv" ist, wie Thomas Assheuer bei Zeit Online nachvollzieht. Der Vers stammt aus dem Alten Testament, Hesekiel 25, Vers 17, wurde von Tarantino jedoch für seine Zwecke "kompiliert und zurechtgebogen": "Ein Kriegs- und Kreuzzugsminister, der zum Gebet im Pentagon ein Hesekiel-Zitat aus Pulp Fiction vorträgt? Ein radikalnationalistischer Christ, der sich ein Jerusalemkreuz auf die Brust sowie 'Deus Vult' ('Gott will es') auf den Oberarm hat tätowieren lassen und mithilfe einer Filmszene die verweichlichte US Army darüber belehrt, dass Gott auch hassen kann? Quentin Tarantino besitzt eine herrlich verrückte Fantasie, doch die Pentagon-Szene hätte nicht einmal er sich ausdenken können."
Secretary of War Pete Hegseth quotes a fake Pulp Fiction Bible verse during Pentagon sermon
Nicht erst seit Trump sich in den Sozialen Medien als neuer Jesus darstellt, stellt sich Papst Leo XIV gegen den Irrsinn des amerikanischen Präsidenten (unsere Resümees). Claudius Seidl ist in der SZ froh, dass sich jemand Mutiges gegen Trump positioniert. Anhaben kann ihm der Präsident ohnehin nicht viel: "Spätestens seit dieser Woche ist Leo der Anti-Trump, ob er das will oder nicht: Er fürchte sich nicht vor Trump und seiner Regierung, hat der Papst vor ein paar Tagen gesagt. Und schon gar nicht davor, die Botschaft des Evangeliums zu verkünden: 'Selig sind, die Frieden stiften.' Josef Stalin höhnte vor neunzig Jahren: 'Der Papst? Wie viele Divisionen hat der denn?' Und ließ den Vatikan dann doch in Ruhe. Donald Trump droht den Unfolgsamen mit Zöllen und unterlassener Hilfeleistung. Womit er Leo nicht beeindrucken kann. Der Vatikan, so hat vor ein paar Tagen die FAZ gespottet, braucht keinen atomaren Schutzschild, er wird von höheren Mächten behütet. Und höhere Zölle für ein paar Sonderbriefmarken und Gedenkmünzen, die man in die Vereinigten Staaten exportiert, würde der Vatikan wohl auch verkraften."
In der FAS vollzieht Matthias Rüb nochmal die Eskalationsstufen des Streits zwischen Trump und der Kirche nach. Er findet, der Papst hätte in seinen Mahnungen an die USA auch mal die Mullahs ansprechen können: "Das war alles erkennbar an Washington und an Trump, vielleicht auch an Jerusalem und an Netanjahu, aber eher nicht an Teheran gerichtet. Trumps Drohung im Streit um die Blockade der Straße von Hormus, er werde die gesamte iranische Zivilisation auslöschen und das Land in die Steinzeit zurückbomben, wies Leo als 'wirklich inakzeptabel' zurück. Mit seiner scharfen Verurteilung Trumps verband der Papst jedoch nicht eine Ermahnung Teherans, doch auch einmal die Drohung mit der Auslöschung Israels zurückzunehmen. Aus der Sicht von Trump und Vizepräsident Vance ist Papst Leo mit seiner einseitigen Kritik an Washington und der Schonung Teherans für die Eskalation des Konflikts zwischen Weltkirche und Weltmacht verantwortlich. Die Katholiken in den USA, namentlich die amerikanischen Bischöfe, sehen das anders: Einhellig haben sich Liberale und Konservative um Leo XIV. geschart und Präsident Trump für dessen geschmacklose bis blasphemische Erlöseranmaßung gegeißelt."
Wer in einer liberalen Demokratie lebt, muss die Religionsfreiheit auch als Freiheit zur Religionskritik stellen, so der ehemalige SPD-BundestagsabgeordneteMichael Roth in der Welt. "Das war für die christlichen Kirchen ein schmerzhafter Prozess - Missbrauchsskandale, Kirchenaustritte, Spott, Machtverlust - und es wird für den Islam nicht anders sein. Wenn uns nicht mehr eine gemeinsame Religion oder eine homogene Kultur zusammenhält, dann müssen jene Werte, die über Religionsgrenzen hinweg verbinden, umso fester verankert werden: gleiche Rechte von Männern und Frauen, Schutz von Minderheiten, Meinungs- und Kunstfreiheit, Vorrang des Rechts vor der Religion."
Im FR-Interview blickt der Theologe Michael Seewald auf die Rolle des Christentums innerhalb der MAGA-Bewegung. Ja, religiöse Botschaften werden hier verfälscht und instrumentalisiert - aber der Religion wohnt auch selbst ein destruktives Moment inne, erinnert er: "Diese Zerstörungskraft ist nicht einfach eine von außen kommende Instrumentalisierung der Religion, sondern sie wohnt Religionen inne. Dort werden die Ambivalenzen des Christentums politisch geschickt genutzt. Ein Bibelzitat hier, ein Augustinus-Wort dort, verbunden mit Schlagwörtern wie dem Schutz der Religionsfreiheit oder dem Ziel, eine vermeintlich natürliche Gesellschaftsordnung zu bewahren. So entsteht ein politisches Gemisch aus christlichen Versatzstücken. Umso wichtiger ist es, dass christliche Akteure widersprechen und nicht nur ein politischer, sondern auch ein innerkirchlicher Disput geführt wird. Papst Franziskus und Leo XIV. haben kein Hehl daraus gemacht, dass sie die Lage in den USA mit Sorge betrachten." Grundsätzlich müsse "die Theologie prüfen, ob die scheinbar christlichen Begründungen, die für ein bestimmtes Handeln vorgebracht werden, plausibel sind."
Theologie ist zwar keine Wissenschaft, wird in Deutschland aber an Universitäten gelehrt. Einst waren die theologischen Fakultäten gar "die ersten einer Universität", seufzen die Kirchenhistoriker und -rechtler Hans Michael Heinig, Christoph Markschies und Stephan Schaede auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ. Höflicherweise erwähnen die drei nicht, dass es in Deutschland doppelt so viele Theologie- wie Philosophieprofessoren gibt (mehr hier). Eher machen sie sich Sorgen über den Status der theologischen Fakultäten: "Gegenwärtig gibt es in Deutschland mehr als fünfzig Standorte für das Studium der evangelischen und eine vergleichbare Anzahl für das der katholischen Theologie. Doch das Gespenst von Kürzung und Abbau streicht durch die Gänge. Die Sorge um Schließung ist hinter vorgehaltener Hand zu vernehmen", denn "die Einschreibungszahlen in den theologischen Studiengängen brechen ein". Vielleicht auch darum werden "die tatsächlichen Einschreibungszahlen pro Semester und noch viel mehr die Zahl der faktisch Studierenden lieber diskret gehalten". Vor Kürzungen scheint jedoch "das Religionsrecht zu schützen, sind doch viele Standorte und gelegentlich sogar die Zahl der Professuren durch Staatsverträge zwischen Staat und Kirchen im Detail garantiert". Die Kirchen überwachen, der Staat bezahlt.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Nicht der Islam, sondern die Religionsfreiheit gehört zu Deutschland, sagt im SZ-Gespräch mit Joachim Käppner der Journalist Hasnain Kazim, der als Sohn pakistanischer Eltern in Hamburg aufwuchs und gerade das Buch "Der Islam und ich" veröffentlicht hat. In diesem schreibt er, der Islam befinde sich im Stadium wie die katholische Kirche zu Zeiten Luthers, im Gespräch konkretisiert er: "Ich sage nicht: Der Islam muss den Weg gehen, den die Christen gegangen sind. Das wäre anmaßend. Was ich sagen will: In vielen islamischen Gesellschaften sind die Menschen nicht glücklich, es fehlt Demokratie, Frauen werden ausgeschlossen. Viele islamische Gesellschaften bleiben weit hinter dem zurück, was sie erreichen können, wirtschaftlich und politisch, und darunter leiden die Menschen. Das spricht nicht gegen die Religion, sondern gegen die Herrschaftspraktiken, die im Namen dieser Religion betrieben werden. Das spreche ich offen an."
Laut aktuellem Motra-Monitor der Bundesrepublik weisen 45,1 Prozent der Muslime in Deutschland, die jünger sind als 40, eine latente oder manifeste Nähe zum Islamismus auf - aber statt dieses Problem klar zu benennen, wurde in Deutschland am 15. März erstmals ein Aktions- und Gedenktag gegen "antimuslimischen Rassismus" begangen, ärgert sich Ahmad Mansour in der Welt: "Ja, es gibt auch Diskriminierung gegen Muslime. Und ja, eine Demokratie sollte alles daransetzen, diese abzubauen. Doch wer mit einem Begriff wie 'antimuslimischer Rassismus' den Islam zu einer 'Rasse' erklärt oder Kritik etwa an der Scharia-Praxis als 'Islamophobie' bezeichnet, schützt nicht Muslime, sondern eine Ideologie. Über den politischen Islam in Europa und dessen Versuch einer Unterwanderung der Gesellschaften muss offen gesprochen werden. Das ist nicht Diskriminierung, es ist Aufklärung."
Wie umgehen mit gesetzlichen religiösen Feiertagen in Deutschland, fragt sich derweil Jannis Koltermann in der FAZ mit Blick auf einen Antrag der Grünen, der "die Freistellung oder flexible Arbeitszeitgestaltung an islamischen Feiertagen" für muslimische Beschäftigte "rechtlich abzusichern" fordert: Koltermann schlägt unter anderem vor, "dass die vorrangig religiöse Bedeutung von Feiertagen beibehalten, aber an die veränderte religiöse Struktur der Gesellschaft angepasst wird. Prognosen zufolge könnte sich der Anteil der Muslime an der deutschen Gesamtbevölkerung bis 2050 auf ungefähr elf Prozent nahezu verdoppeln. Gleichzeitig dürfte der Anteil der Christen sich auf zwanzig Prozent halbieren. Zahlenmäßig wäre der Exklusivanspruch des christlichen Kalenders auf gesetzliche Feiertage dann kaum noch zu rechtfertigen. Stattdessen könnte man einen der weniger wichtigen christlichen Feiertage streichen und dafür einen hohen islamischen Feiertag einführen, etwa am Zucker- oder Opferfest."
Religiöse Projektionen vom "Heiligen Land" spielen in Israel und im Nahen Osten bekanntlich eine große Rolle. Für Amerika ist der teils ziemlich fatale Einfluss der Evangelikalen bekannt. Aber schon im 19. Jahrhundert gab es auch starke religiöse Aktivitäten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern, schreibt die Historikerin Julia Hauser in der FAZ. "Heute ist diese Geschichte in Deutschland weitgehend vergessen, zumal die deutschen Einrichtungen nach dem Ersten Weltkrieg schließen mussten. Schüler von Missionsschulen wurden zu Vertretern eines sich herausbildenden lokalen Nationalismus, besonders prominent Edward Said, der ebenso wie seine Geschwister, seine Tante und seine Mutter, die zeitweilig auch an solchen Anstalten lehrten, protestantische Schulen besucht hatte. Ebenso wurden jüdische Schülerinnen und Schüler von Missionsschulen später als Lehrpersonal in den Einrichtungen der Alliance Israélite Universelle tätig."
Bestellen Sie bei eichendorff21!WDR-Redakteur Arnd Henzeerklärt im FR-Interview, welche Rolle der christliche Nationalismus bei der amerikanischen Kriegsführung gegen den Iran spielt. Verteidigungsminister Pete Hegseth verspricht Soldaten schon mal, "dass sie ewiges Leben erhalten würden, wenn sie 'für ihre Einheit, ihr Land und ihren Schöpfer' sterben" (keine Jungfrauen?), erinnert Henze: "Wenn ein Minister so spricht, darf man sich nicht wundern, wenn Kommandeure ihren Soldaten sagen, sie kämpften in einem heiligen, von Gott gewollten Krieg - möglicherweise sogar als Teil der endzeitlichen Kämpfe um Armageddon. Es gibt eine Bürgerrechtsorganisation, die solche religiösen Übergriffe dokumentiert. Allein in den ersten Kriegstagen haben sich Hunderte Soldatinnen und Soldaten mit Beschwerden gemeldet." Gott dient den "christlichen Zionisten" auch als Begründung für den Krieg, so Henze. "Damit füllen sie ein politisches Vakuum. Denn die Präsidentschaft liefert ja keine rationale Begründung für den Krieg. ... Diese politische Leerstelle wird jetzt religiös-ideologisch gefüllt." Zum Thema christlicher Nationalismus hat Henze auch ein Buch geschrieben.
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