9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2020 - Religion

Der Begriff der Religion selbst ist schon eine westliche und imperialistische Konstruktion, sagt der Religionshistoriker Daniel Dubuisson ("L'Invention des Religion") im Gespräch mit Youness Bousenna von Le Monde. Er nimmt damit Bezug auf die kritische Schule der "Religious Studies" in den USA und beschreibt, wie die Kolonialherren etwa in Indien die Bevölkerungsgruppen nach "Religionen" kategorisierten, wobei das Christentum immer ganz oben in der darwinistischen Kette stand. Was  Dubuisson allerdings als Ersatz für den Begriff der Religion vorschlägt, klingt komplett relativistisch: "Was der Begriff Religion auf problematische Weise benennt, ist eine einfache Realität, nämlich die Art und Weise, wie Kulturen Vorstellungen von der Welt und dem Menschen konstruieren. Ich behaupte, dass 'Religion', wie wir sie im Westen vestehen, nur eine Vision ist, eine bestimmte Konstruktion der Welt, jene der Christen, so wie Kommunisten, Nazis, Epikuräer, Animisten eine hatten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2020 - Religion

Auch an Universitäten werden Dogmen gelehrt - in Gestalt von Theologie. Der Staat bezahlt den Kirchen doppelt so viele Professoren wie es Lehrstühle für Philosophie in Deutschland gibt. Die islamische Theologie zieht nach. In Berlin ist Tuba Isik Professorin am Berliner Institut für Islamische Theologie (BIT) an der Humboldt-Universität, das wegen der Beteiligung konservativer Islamverbände bei Gründung und Aufsicht umstritten ist. Im Gespräch mit Stefan Hunglinger von der taz erklärt sie, wie sie mit strittigen Themen wie Homosexualität umgehen will: "Wir können in der wissenschaftlichen Theologie die unterschiedlichsten Positionen aufzeigen, die es bezüglich Homosexualität in der islamischen Tradition gab. Ein Blick in die Tradition zeigt, dass der Umgang mit Homosexualität grundsätzlich entspannter war als gegenwärtig. Heute kann sich die Meinungsbildung in eine bestimmte Richtung entwickelt haben, aber auch diese Entwicklung war verbunden mit Diskursen. An der Universität haben wir die Chance, auf die einst ambigue Kultur des Islam hinzuweisen und unter den jetzigen Gegebenheiten neu zu diskutieren."

In der SZ macht Detlef Esslinger seinem Zorn auf die Katholische Kirche Luft, die Gläubige gern ihre "Schafe" nennt, ihnen Moral predigt, die eigenen Sünden aber schnell vom Tisch wischt: "Vorschriften und Drohungen sind ihr Ding. Tue dies und lasse das. Wenn du später in den Himmel willst, gehe lieber sonntags in die Messe. Komme zur Beichte. Onaniere nicht. Falls du schwul bist, unterdrücke es. Bloß kein Sex vor der Ehe. ... Etliche Menschen können es sich jedoch nicht leisten, dem Machtgehabe zu widersagen; andernfalls folgt das Gegenteil von Himmel schon auf Erden. Wer als Geschiedener wieder heiratet, den schließt diese Kirche grundsätzlich von ihrer Kommunion aus. Wer gar bei ihr beschäftigt ist, dem nimmt sie mit der Wiederheirat die berufliche Existenz. Geht's eigentlich noch? Wen jemand liebt und wen nicht mehr und warum - das geht niemanden etwas an, keinen Nachbarn, keine Bürgermeisterin und keinen Kardinal. Warum gehört eine solche Anmaßung zum Wesen ausgerechnet jener Institution, die so viele Unholde jahrzehntelang gedeckt hat?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2020 - Religion

Die Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl, Spilker, Wastl hat ein Gutachten vorgelegt, in welchem sie den Bischöfen, Generalvikaren und Personalverantwortlichen des Bistums Aachen im Fall der Priester, die über Jahrzehnte sexuellen Missbrauch begingen, "systemische Verantwortungslosigkeit" vorwirft, berichten Matthias Dobrinski und Annette Zoch in der SZ: "Tatsächlich ist das Urteil der Münchner Anwälte hart. Gerade dort, wo sie verurteilte Missbrauchstäter einfach weiterversetzten, hätten die Verantwortlichen im Bistum Aachen das Risiko weiterer Opfer zumindest in Kauf genommen. Seit Mitte der 1990er Jahre hätte ihnen zudem bewusst sein müssen, dass sie sich mit dieser Praxis möglicherweise selbst strafbar machen."

Die Bilanz ist "deprimierend für die Kirchenverantwortlichen. Bis weit in die 2010er-Jahre hinein ging es um die Probleme der straffälligen oder verdächtigen Priester, nicht um das Leid der Opfer", schreibt Dobrinski in einem weiteren Kommentar: "Das sind keine neuen Erkenntnisse. Neu ist, dass die Münchner Anwälte Fehler und Versäumnisse mit konkreten Namen und Gesichtern verbinden. Liest man die Antwort von Bischof Mussinghoff - es ist ein Gebot der Fairness, sie mitzuveröffentlichen -, dann endet hier seine Akzeptanz. Ja, es gab Fehler, so war die Zeit. Aber ich persönlich? Auf keinen Fall!"
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2020 - Religion

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Benjamin Strasser fordert in der taz, dass endlich die Staatsleistungen an die Kirchen abgeschafft werden - hierüber wird heute im Bundestag debattiert. Neben den Kirchensteuern dienen die Staatsleistungen, ein Relikt aus napoleonischer Zeit, dazu, viele Kirchenfürsten zu bezahlen und betragen etwa eine halbe Milliarde Euro im Jahr. Gemeinsam mit Grünen und Linkspartei hat die FDP nun "einen Gesetzentwurf erarbeitet, der die Grundsätze für Ablösungsverhandlungen zwischen Ländern und Kirchen aufstellt. Er sieht vor, dass die Ablösungen sich am Äquivalenzprinzip orientieren und die bis zum Jahr 1919 entstandenen Ansprüche tilgen."

Die Humanistische Union sieht diesen Vorschlag zur Ablösung der Staatsleistungen, die schon in der Weimarer Zeit vorgesehen war, allerdings als völlig unzureichend an, wie sie bei hpd.de darlegt: "Er sieht vor, dass die Kirchen von den Ländern das 18,6-fache der heutigen Staatsleistungen in Höhe von derzeit rund 570 Millionen Euro jährlich, also 10,6 Milliarden Euro als Entschädigung erhalten. Zusätzlich sollen die Länder bis zur vollständigen Ablösung der Staatsleistungen, für die sie zwanzig Jahre Zeit haben, die bisherigen Staatsleistungen weiter zahlen. In dieser Zeit könnten die Kirchen daher noch einmal 20-mal 570 Millionen Euro, also weitere 11,6 Milliarden Euro erhalten." Als Alternative schlägt die HU vor, die Ablösung der Staatsleistungen als erfolgt gelten zu lassen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2020 - Religion

Viel Beifall bekommt Papst Franziskus derzeit dafür, dass er sich in einer Doku für eingetragene Lebenspartnerschaften von Homosexuellen ausgesprochen hat. In der Kirche heiraten sollen sie natürlich weiterhin nicht dürfen, erinnert Annette Zoch in der SZ: "Wollen heute schwule oder lesbische Paare ihre Verbindung gesegnet wissen, finden sie Priester, die geschickt durch die engen Maschen katholischer Lehre schlüpfen: Wer als Mensch um Segen bittet, erhält ihn. Wenn nun zufällig zwei Männer oder zwei Frauen nebeneinander vor dem Priester stehen - dann werden eben beide gesegnet. Und wenn sie zufällig Ringe dabeihaben, diese auch. Nur eben ihre Beziehung nicht. Klingt amüsant, ist aber in Wahrheit beschämend. Jetzt, wo sogar der Papst gleichgeschlechtliche Gemeinschaften als solche anerkennt - sollte auch die Kirche ihren Segen dazu geben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2020 - Religion

In Italien existieren offenbar Dutzende sogenannte "giardini degli angeli", Engelsgärten, wo fundamentalisitische Katholiken die Überreste abgetriebener Föten begraben haben. Jedes Grab ist mit einem Kreuz verziert, berichtet Hannah Roberts bei politico.eu. Besondere Empörung löste in Italien der Prima Porta-Friedhof in Rom aus, wo die Kreuze überdies mit den Namen der Mütter versehen sind. "Seine Existenz kam ans Licht, als Marta Loi Anfang des Monats nachforschte, was mit ihrem Fötus geschehen war. Auf Facebook beschrieb sie ihren Ärger und ihre Angst, als sie eine Grabstelle mit ihrem Namen darauf entdeckte und dass 'andere ohne meine Einwilligung mein Kind mit einem Kreuz beerdigten, einem christlichen Symbol, das nichts mit mir zu tun hat.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2020 - Religion

In Berlin arbeiten Kirchensteuerstelle und Finanzämter eng zusammen, um eventuell kirchensteuerpflichtige Personen aufzuspüren und zu Nachzahlungen aufzufordern. hpd.de schildert einen Fall konfessionsloser Eheleute, die durch eine einem Berliner Finanzamt angegliederte Kirchensteuerstelle aufgefordert worden, Fragebögen über eine eventuelle Religionszugehörigkeit ihrer Kinder auszufüllen: "Die Forderung der Betroffenen, solche Datenabfragen künftig zu unterlassen, beantwortete die Kirchensteuerstelle mit der Ansicht, ihre Abfrage sei rechtlich zulässig und fügte erneut Fragebögen für die Kinder bei, verbunden mit der erneuten Aufforderung, diese auszufüllen. In ihrem Schreiben räumt die Kirchensteuerstelle offen ein, dass sie, in enger Zusammenarbeit mit den Finanzämtern und ermöglicht durch diese, eine Rasterfahndungspraxis betreibt."
Stichwörter: Kirchensteuer

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2020 - Religion

Die polnischen Bischöfe haben ein 27-seitiges Papier veröffentlicht, in dem sie ihr Verhältnis zu Homosexualität klären, die sie unter bestimmten Bedingungen für "heilbar" halten, berichtet Constantin Huber bei hpd.de: "Laut Weihbischof Jozef Wrobel, der gleichzeitig der Vorsitzende der Bioethik-Expertengruppe zur Konferenz war, können homosexuelle Neigungen überwunden und die Träger dieser im Zuge einer Therapie seelisch gestärkt werden. Auch ein Leben ohne Ehe und in Keuschheit für Homosexuelle müsse ihm zufolge angestrebt werden, da diese in heterosexuellen Partnerschaften nicht glücklich werden können... Die zwei Bedingungen, unter denen Homosexuelle eine Therapie erhalten sollen, sind zum einen die Freiwilligkeit, wonach also der Wunsch dazu bestehen müsse, und zum anderen dürfe die betreffende Person noch keine 'sexuellen Erfahrungen homosexueller Art' gemacht haben." (Nur Borniertheit und Heuchelei, die scheinen absolut unheilbar zu sein.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2020 - Religion

"1950 gehörten 96,5 Prozent der Bevölkerung in beiden deutschen Staaten der evangelischen oder katholischen Kirche an. Heute sind es 52 Prozent. 272.771 katholische Menschen sind 2019 ausgetreten. Aber kein Bischof ist zurückgetreten", notiert Heribert Prantl in der SZ kopfschüttelnd mit Blick auf den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche: "Die Bischöfe haben nun beschlossen, die Entschädigungszahlungen an die Opfer von bisher lächerlichen 5.000 Euro im Durchschnitt auf bis zu 50.000 Euro anzuheben. Das ist nicht wenig, aber auch nicht sehr viel. Vor allem aber geht das nicht einher mit einem umfassenden, schmerzhaften, radikalen Bekenntnis der Verantwortlichen dazu, welches Unrecht sie den Opfern angetan haben. Dies ist es, was die Opfer in erster Linie wollen. Keinen deutschen Bischof hat das Leid der Opfer so umgetrieben, dass es ihn zum Rücktritt gedrängt hätte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2020 - Religion

Der  Bundestag diskutiert zur Zeit über ein Lobby-Gesetz, das unter anderem ein Lobbyregister für den Bundestag vorsieht. Es wird kritisiert, dass die Lobbyarbeit gegenüber der Regierung dagegen nicht kontrolliert werden soll. Frank Nicolai ist bei hpd.de aber noch ein anderer Passus aufgefallen: "Der Eintragungspflicht unterliegt die Interessenvertretung nicht...im Rahmen der Tätigkeit der Kirchen und sonstigen Religionsgemeinschaften." Auch die NGO Lobbycontrol bestätigte erst auf Nachfrage von hpd.de, dass eigentlich auch sie eine Registrierung der religiösen Lobbyarbeit befürwortet. Nicolai dazu: "Die Rolle der beiden großen christlichen Kirchen als Lobbyisten ist der Öffentlichkeit kaum bekannt. Und das, obwohl ihre Vernetzung so perfekt ist, dass sie sogar von der Autoindustrie beneidet werden. Die katholische und evangelische Kirche betreiben eigene Lobbybüros in allen Landtagen und wie selbstverständlich auch im Bundestag. Sie machen gar keinen Hehl aus dem, was sie tun."