9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2019 - Religion

Martin Rhonheimer, Professor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom, stellt in der NZZ einige wenig bekannte Ausführungen des berühmten Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde zum Islam vor. Er sei dabei immer skeptischer gegenüber einer Vereinbarkeit dieser Religion mit dem Rechtsstaat geworden, eine Auffassung die Rhonheimer nur teilen kann - indem er das Christentum einfach mit seiner Idee von "Aufklärung" ineinssetzt und den Islam davon abtrennt: "Die spezifisch christliche Unterscheidung von geistlicher und weltlicher Gewalt prägte die Entwicklung der europäischen Rechtskultur und ermöglichte immer wieder, historischen Ballast abzuwerfen. Der Islam hingegen, will er zu seinen Anfängen zurückkehren, stößt auf eine in seinen heiligen Texten und dem maßgeblichen Medina-Modell begründete politisch-religiöse Ordnung. Innerislamische Aufklärungsbestrebungen, die diesem und anderen theologischen Engpässen zu entrinnen suchten, sind immer wieder gescheitert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2019 - Religion

Ohne Mohammed kein Islam, mit Mohammed kein aufgeklärter Islam - eigentlich kann man aus der Religion nur austreten, meinte kürzlich Laila Mirzo, deutsch-syrische Ex-Muslimin und Trainerin für interkulturelle Kompetenz, in der NZZ (unser Resümee). Martin Grichting, Generalvikar des Bistums Chur, ist das zu hart. Er plädiert eher für eine "Relecture" des Korans, die Vernunft in die religiöse Offenbarung legt: Vernunft "ist die den religiösen Quellen vorgelagerte Richterin, die bestimmt, dass das, was gegen ihre Grundsätze verstößt, nicht wahr und nicht gut ist. Das Christentum hatte es hierbei zweifellos einfacher als der Islam, weil es vor der biblischen Wortoffenbarung von einer 'säkularen' Schöpfungsordnung ausgeht, der die natürliche Vernunft angehört. Diese wird nicht aufgehoben von der später erfolgenden Selbstoffenbarung Gottes durch die Propheten und Jesus Christus. Denn Gott selbst ist ja der 'Logos', also die Vernunft, an der er den Menschen partizipieren lässt. Eine solche die Vernunft Gottes spiegelnde Schöpfungsordnung aus den Quellen des Islam zu destillieren, gehört deshalb zu den Bedingungen der Möglichkeit einer pluralismusfähigen Auslegung seiner Texte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2019 - Religion

Es haben sich überraschend viele Studenten für das Studium der islamischen Theologie an der Humboldt-Uni angemeldet, berichtet Ulrich Kraetzer in der Berliner Morgenpost. Der Gründungsdirektor Michael Borgolte kündigt mit einer nicht unbedingt beruhigenden Metapher bereits an, dass das Islam-Studium in Berlin ein "Kracher" werde. Allerdings sei erst ein Professorenposten besetzt. Der Beirat des Instituts ist ausgesprochen konservativ und darum sehr umstritten: "Der türkische Dachverband Ditib hat sich nach Streitigkeiten über die Kompetenzen bereits kurz nach der Gründung aus dem Beirat des Universitätsinstituts verabschiedet... Weiterhin vertreten sind im Beirat dagegen die Islamische Föderation, die als Ableger der türkisch dominierten und sunnitisch-konservativen Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs gilt, außerdem der ebenfalls sunnitische und konservative Zentralrat der Muslime, sowie die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS)."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2019 - Religion

Der Historiker Hartmut Leppin greift in der FAZ in den Streit um den Zölibat ein, der von Kardinal Walter Brandmüller jüngst als unverrückbares Wesensmerkmal der Katholischen Kirche verteidigt wurde (unser Resümee): "Die zölibatäre Lebensform war .. lange eine Alternative für Priester, aber keine Verpflichtung", legt er dar - gleichzeitig sei aber ein leben in Keuschheit in vielen Religion Praxis und nicht als solches zu verwerfen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2019 - Religion

Die Katholische Kirche in Deutschland verlor im letzten Jahr 300.000 Mitglieder, die evangelische 400.000. hpd.de resümiert mit Daten der "Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland" (fowid) den Stand der Religionszugehörigkeiten: "Laut fowid waren Ende 2018 (gerundet) 38 Prozent der Bevölkerung konfessionsfrei, 28 Prozent Katholiken und 25 Prozent Protestanten. Rund 5 Prozent der Bevölkerung zählten zur Gruppe der konfessionsgebundenen Muslime, zwei Prozent gehörten christlich-orthodoxen Kirchen an, ein Prozent sonstigen christlichen Gruppierungen, etwa christlichen Freikirchen. Die sonstigen Religionsgemeinschaften (unter anderem Judentum, Hinduismus, Buddhismus) kamen zusammengenommen ebenfalls auf einen Bevölkerungsanteil von einem Prozent."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2019 - Religion

Es gibt "weder einen Auftrag Christi noch ein göttliches Gebot noch eine apostolische Anordnung, die den Zölibat für Priester verbindlich vorschreibt", sagt im Interview mit Joachim Frank (Berliner Zeitung) der Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Erst seit hundert Jahren gebe es den Zölibat als Kirchengesetz in der heutigen rigiden Form - aus dem Grund, Priester für kirchliche Autoritäten "verfügbarer" zu machen: "Zölibatäre Priester sind leichter zu dirigieren, leichter zu steuern - und leichter zu erpressen. Nicht zuletzt wegen des bekannt hohen Anteils an Zölibatsverstößen. Nach meiner These ist der gesamte Katholizismus mit seinem Machtapparat, wie wir ihn heute kennen, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts." Und weiter: "Der Zölibat schafft quasi von selbst eine Priesterkaste mit klerikalem Korpsgeist und Standesdünkel. Er führt zu Milieuverengung und Selbsthermetisierung. Er ist der wichtigste Identitätsmarker des klerikalen Systems. Jenes Systems, das man neuerdings angeblich überwinden will. Das kann aber nur gelingen, wenn man den Zölibat abschafft oder zumindest Alternativen eröffnet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2019 - Religion

Es hatte ja (kaum fruchtende) Proteste gegen die Besetzung eines islam-theologischen Instituts an der Humboldt-Uni gegeben (unsere Resümees). Unter anderem hatten sich Schwulenverbände wegen der Homophobie der beteiligten Islamverbände beschwert. Aber beim Institut für Katholische Theologie an der HU ist es eigentlich nicht so viel anders, schreibt Stefan Hunglinger in der taz. Auch dort unterliegen die von jedem (und nicht nur Kirchenmitglieder) bezahlten Stellen dem kirchlichen Lehr- und Arbeitsrecht: "Konkret bedeutet das, dass weder offen Homo- oder Intersexuelle, noch wiederverheiratete Geschiedene oder trans*Personen die gut dotierten staatlichen Stellen bekommen können. Denn der Berliner Erzbischof Heiner Koch und die päpstliche Bildungskongregation müssen sowohl der Arbeit als auch dem Lebensstil von Lehrstuhl-Kandidat*innen zustimmen, bevor diese von der HU berufen werden können. In Folge einer zweiten Heirat oder anderer Verfehlungen gegen die römische Lehre können bereits ernannte Professor*innen ihre Posten auch wieder verlieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2019 - Religion

"Der Papst und die Bischöfe vollzögen keinen Paradigmenwechsel und keinen Bruch mit der kirchlichen Tradition, wenn sie sich für die Weihe verheirateter Männer zu Priestern aussprechen", hatte der Kirchenhistoriker Hubert Wolf letzte Woche in der FAZ geschrieben. Darauf antwortet heute Kardinal Walter Brandmüller mit einer vehementen Verteidigung des Zölibats, jener Institution, die laut dem Kriminologen Christian Pfeiffer neulich in der Zeit eine der Hauptursachen für den Missbrauchsskandale in der Katholischen Kirche ist (Unser Resümee). Brandmüllers Argument: "Der Priester, der am Altar das Opfer Christi feiert, tut dies 'in Persona Christi' und kraft des Weihesakraments, das er durch Handauflegung des Bischofs empfangen hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2019 - Religion

Die Zahl der Kirchenaustritte steigt und steigt. Die Zeitungen bringen nur Ticker, hier etwa die Welt:  "216.000 Menschen haben 2018 die katholische Kirche verlassen. Bei den Protestanten traten 220.000 Menschen aus der Kirche aus, 23.000 mehr als 2017." Insgesamt gibt es noch 23 Millionen Katholiken und 21 Millionen Protestanten. Aber ein Trost bleibt für die Kirchen: "Durch die positive Entwicklung der Löhne und Einkommen sei das Kirchensteueraufkommen 2018 trotz des Rückgangs leicht auf 5,79 Milliarden Euro gestiegen", meldet die Evangelische Kirche. Und bei den Katholiken dürfte die Summe noch etwas höher liegen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2019 - Religion

Das Land Baden-Württemberg backt sich seine muslimische Kirche jetzt selbst. Der deutschen Politik fehlt bekanntlich ein Gegenüber, um Religionsunterricht, vom Staat bezahlt, von den Religionsgemeinschaften ausgerichtet, auch für Muslime anzubieten. Mit den umstrittenen Islamverbänden, die häufig von der Türkei, Saudi Arabien oder dem Iran gesteuert sind, will die grün-schwarze Stuttgarter Landesregierung unter Winfried Kretschmann nicht zusammenarbeiten, berichtet Rüdiger Soldt in der FAZ: "Deshalb hat die grün-schwarze Landesregierung anderthalb Jahre an dem Modell einer Stiftung öffentlichen Rechts gearbeitet, das den islamischen Religionsunterricht in den nächsten Jahren organisatorisch absichern soll. Das Vorhaben geht auch auf die Initiative Kretschmanns zurück, der als katholischer Christ an religiösen und staatskirchenrechtlichen Fragen ein großes Interesse hat."