9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2020 - Religion

In der NZZ berichtet Judith Leister von einem Streit, der die orthodoxe Kirche zu zerreißen droht: Seit der Patriarch von Konstantinopel der Gründung einer orthodoxen ukrainischen Kirche (die bisher dem Moskauer Patriarchat unterstand) zustimmte, "befürchtet man ein Auseinanderfallen der Kirche in zwei Lager - pro Konstantinopel und pro Moskau. ... Die innerorthodoxen Gräben in der Ukraine verlaufen entlang der alten territorialen Bruchlinien des Landes. Am stärksten ist die neue Kirche (OKU) in der Westukraine, dem ursprünglich polnischen und später österreichisch-ungarischen Galizien. In der Zentral- und Ostukraine, dem urorthodoxen Gebiet der Kiewer Rus, dominiert hingegen die Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK). Die Ost-West-Spaltung spiegelt sich auch auf geopolitischer Ebene wider: Während der Kreml essenzielles Interesse am Machterhalt des Moskauer Patriarchats in der Ukraine hat, haben die USA sich für die Verleihung der Eigenständigkeit an die Orthodoxe Kirche der Ukraine eingesetzt."
Stichwörter: Orthodoxe Kirche

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2020 - Religion

Franziskus hat die Vorschläge der Amazonas-Synode, verheiratete Männer zur Weihe und Frauen zur Weihe zu Diakoninnen in der Amazonas-Region zuzulassen (Unser Resümee), vom Tisch gefegt, meldet der Tagesspiegel mit dpa: Stattdessen sollten "lateinamerikanische Bischöfe (…) mehr Menschen ermutigen, Priester zu werden, und sie dazu bewegen, ins Amazonasgebiet zu gehen - statt in Länder wie die USA abzuwandern." Frauen sollten "'eine zentrale Rolle in den Amazonasgemeinden spielen, Zugang zu Aufgaben und auch kirchlichen Diensten haben, die nicht die heiligen Weihen erfordern, und es ihnen ermöglichen, ihren eigenen Platz besser zum Ausdruck zu bringen'. Ein Bischof müsse sie zu solch einem Dienst beauftragen. 'Das bedeutet auch, dass Frauen einen echten und effektiven Einfluss in der Organisation, bei den wichtigsten Entscheidungen und bei der Leitung von Gemeinschaften haben, ohne dabei jedoch ihren eigenen weiblichen Stil aufzugeben.'"
 
Die Exhortatio des Papstes ist ein "Dokument der Angst", kommentiert Matthias Dobrinski in der SZ: "Der Angst vor dem Dominoeffekt, vor dem Kontrollverlust, vor allem aber vor dem Argument, das die alten Festlegungen infrage stellen könnte. Für den Synodalen Weg, die Reformdebatte der deutschen Katholiken, ist das ein schlechtes Zeichen. Die Mehrheit dort wünscht genau diese Öffnungen, die konservative Minderheit aber wird nun den Papst auf ihrer Seite sehen."
Stichwörter: Franziskus, Zölibat

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2020 - Religion

Der Druck auf muslimische Mädchen, Kopftuch zu tragen, geht stark von Islamverbänden und Funktionären aus, vermutet Ronald Bilik bei hpd.de, der darum dem österreichischen Kopftuchverbot an Schulen bis 14 Jahren zustimmt: "Das Ziel dieser Verbände liegt in der Konservierung der gegenwärtigen Verhältnisse der islamischen Parallelgesellschaft. Das Kopftuch wird mit dieser pädagogischen Praxis zur zweiten Haut, die Mädchen werden dieses daher auch großteils im Erwachsenenalter nicht mehr ablegen und massive Probleme haben, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen möchten. Die meisten dieser Frauen werden damit verurteilt sein - ganz dem traditionell islamischen Frauenbild entsprechend - zu Hause bei den Kindern bleiben und ihrem Mann zu dienen, von dem sie zeitlebens finanziell abhängig bleiben."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2020 - Religion

Der Katholikentag in Stuttgart 2022 bekommt 1,5 Millionen Euro in bar und Sachleistungen sowie Gebührenbefreiungen in Höhe von maximal 350.000 Euro von der Stadt, berichtet Gisa Bodenstein bei hpd.de: "Wie aus dem öffentlich einsehbaren Protokoll der Sitzung hervorgeht, hat dies der Verwaltungsausschuss des Gemeinderats der Stadt bereits am 6. November bei drei Gegenstimmen und ohne weitere Diskussion beschlossen. Die Gegenstimmen kamen von der 'FrAKTION', bestehend aus Linken, SÖS (Stuttgart Ökologisch Sozial), Piraten und Tierschutzpartei." Die Katholische Kirche hofft aber auch anderweitig auf die unmittelbare Zukunft: "Vom Bundesland Baden-Württemberg erhofft man sich einen Zuschuss in Höhe von zwei Millionen Euro, der Bund soll über das Innenministerium weitere 600.000 Euro beisteuern."
Stichwörter: Katholische Kirche

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2020 - Religion

Der Autor Bernhard Schlink setzt in der FAZ (politischer Teil) auf einen Psychotrick, um immer mehr Deutsche vom Austritt aus den Kirchen abzuhalten. Statt diesen Austritt in einem Amtsakt bei den Behörden zu deklarieren, solle man ihn doch bitte in den Kirchen erklären, wo noch ein Gespräch möglich sei: "Womit immer die Kirchen die Beendigung des Verhältnisses zwischen sich und ihren Mitgliedern vergleichen wollen, dem Verlassen eines Vereins, eines Teams, einer gemeinsam betriebenen Praxis oder Kanzlei, einer Beziehung, einer Freundschaft - wenn der Verlassende nicht das Gespräch sucht, wird es von den Verlassenen gesucht. Was hat an dem Verhältnis nicht gestimmt? Warum ist es gescheitert? (...) Die Umstellung der Erklärung des Kirchenausstritts vom Standesamt oder Amtsgericht aufs Pfarramt wird die Zahl der Kirchenaustritte nicht wesentlich verringern. Aber sie macht aus dem Pfarrer als hilflosem Beobachter von Austritt um Austritt einen Handelnden, einen Beteiligten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2020 - Religion

Das unten beschriebene Bild von Asam haben wir nicht gefunden, aber ein anderes: Johann Georg Wolcker, Lactatio, Deckengemälde, 1731-1734. Stams, Stiftskirche, Allerheiligenkapelle (Ausschnitt, mehr bei Labor RDK). 


Das Dreikönigsfest hat seinen Ursprung in einem seltsamen Kult um die stillende Maria, erzählt in der NZZ der Philosoph und Religionspsychologe Harald Strohm dem überraschten Leser. Hin und hergerissen zwischen Christus und Maria zog es viele Gläubige "klar zu Marias offener Bluse hin. Der berühmteste war der heilige Bernhard von Clairvaux. Eine Vielzahl erhaltener Malereien und einfacher, erschwinglicher Stiche für den Hausgebrauch zeigt ihn bei seiner 'Lactatio', 'Milchung'. Und wer gar einmal ein solch kolossales Deckengemälde wie das des Cosmas Damian Asam in der barocken Wallfahrtskirche im bayrischen Fürstenfeld bestaunt, kann schwerlich anders als vermuten: So grotesk das späte und sekundäre Gestillt-Werden des Heiligen auch wirkt, so sehr muss es den Nerv der Zeit getroffen haben. Die Sehnsucht und stille Hoffnung seiner Betrachter nämlich, in den Schreckenszeiten von Pest, Hunger, Wahn und Krieg von den Brüsten der Mutter Gottes Trost und heilige Stärkung zu erhalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2019 - Religion

Serap Güler, Integrations-Staatssekretärin in NRW (CDU), will kein Kopftuchverbot für unter 14-jährige Mädchen an Schulen mehr durchsetzen, da sie ihm juristisch keine Chancen einräumt, berichtet Hella Camargo bei hpd.de. Das mag auch am Status von Religion in dem Bundesland liegen: "Während religiöse Symbole auf Kinderköpfen heiß diskutiert werden, stellt sich die Frage von Religionsfreiheit im Kopf gar nicht erst. Die NRW-Verfassung sieht im dritten Abschnitt, der Schule, Kunst und Wissenschaft, Sport, Religion und Religionsgemeinschaften gewidmet ist, in Artikel 7 (1) vor, dass die Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, vornehmstes Ziel der Erziehung sei. Kein Wunder also, wenn Kinder und Jugendliche religiöse Symbole freiwillig tragen. Werden sie doch mit voller Absicht durch Eltern und Religionsunterricht dazu gebracht, Religion ernst zu nehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2019 - Religion

In der Welt erklärt der Soziologe Armin Nassehi, was das eigentlich Subversive an Weihnachten ist: die Stille. Das wusste schon Maria, als sie auf Elisabets Gruß mit dem "Magnificat" antwortete: "Nicht umsonst hat die Theologie diesen Text gerne feministisch gelesen oder auch sozialrevolutionär. Jedenfalls verweist er darauf, wie voraussetzungsreich es ist, die Grundstruktur der Welt, die Routinen des Alltags, die Selbstverständlichkeiten der Ordnung, die Alternativlosigkeit des Gewohnten infrage zu stellen. Und so naiv mein Argument auch klingen mag, so sehr muss man sich doch darüber wundern, dass es Weihnachten bis heute gelingt, alle Systeme herunterzufahren, den Hochmut der großen Sprecher wenigstens zeitweise, wenn nicht verstummen, so doch leiser werden zu lassen, und die Mächtigen wenigstens kurz auf Normalmaß zu reduzieren."

Mona Jaeger berichtet in der FAZ (politischer Teil) über die immer noch steigende Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland. In Köln hat sie einen jungen Mann nach seinen Gründen gefragt. Ihn stört die Intransparenz bei den Kirchensteuern: "Trotz sinkender Mitgliederzahlen steigen die Einnahmen, weil der Arbeitsmarkt sich gut entwickelt und Lohn- und Einkommensteuer steigen. Die katholische Kirche nahm 2018 6,64 Milliarden Euro ein, die evangelische 5,79 Milliarden Euro. Es ist dem jungen Mann nicht gelungen, Näheres über die Verwendung des Geldes zu erfahren. Jeder Verein müsse transparent machen, was er mit seinen Einnahmen mache, die Kirche aber nicht. Das stört ihn."

Langsam aber stetig wächst in der arabischen Welt ein neuer Säkularismus heran. Grund dafür ist vor allem die Unzufriedenheit mit religiösen und sektiererischen Parteien, meint Mustafa Akyol in der New York Times. Auch im Iran und der Türkei zeigt sich dieser Trend: "In der Türkei, meinem Land, sind unter Präsident Recep Tayyip Erdogan die ehemals marginalisierten Islamisten der Türkei zur neuen Führungselite geworden. Dadurch konnten sie ihren Glauben sichtbarer und durchsetzungsfähiger machen - aber es ist auch ein Feigenblatt für ihre unersättliche Machtgier. Wie der in der Türkei geborene Soziologe Mucahit Bilici beobachtet hat, 'wird der Islamismus in der Türkei heute in der öffentlichen Meinung mit Korruption und Ungerechtigkeit assoziiert'. Und viele Türken verabscheuen ihn mehr als je zuvor. Die Desillusionierung gilt oft nur dem Islamismus als politisches Instrument, aber er kann sich gegen den Islam, die Religion, selbst wenden."

In Indonesien wächst dagegen der Trend zum Religiösen auf die hässlichste Weise und richtet sich immer mehr gegen Homosexuelle, berichten Richard C. Paddock und Muktita Suhartono in der Times. Vor allem Bewerber um Arbeitsplätze müssen inzwischen häufig Fragen beantworten, die über ihre sexuelle Orientierung Auskunft geben soll: "Im September stand das Parlament kurz vor der Verabschiedung einer Änderung des Strafgesetzbuches, die schwul-lesbische Beziehungen effektiv geächtet hätte. Ein ähnlicher Vorschlag wird für das neue Jahr erwartet. In Bekasi Regency, das an die Hauptstadt Jakarta angrenzt, erklärte die Kinderschutzbehörde diesen Monat, dass sie anhand von Polizeiakten 4.000 Menschen identifiziert habe, die an der 'Krankheit' leideten, lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender zu sein. Theorien fördernd, die im Westen widerlegt wurden, erklärte der Beauftragte der Agentur, Mohamad Rojak, gegenüber Reportern, dass 'die Mehrheit der sexuellen Desorientierungen' durch einen 'sorglosen Lebensstil' verursacht worden seien und forderte die Menschen auf seiner Liste auf, ihren Zustand durch eine 'Therapie' zu überwinden.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2019 - Religion

In Hamburg gibt es seit einigen Jahren einen "Religionsunterricht für alle". Schüler aller Konfessionen werden gemeinsam unterrichtet. Aber nun stellt sich - offenbar besonders auf Druck der Katholischen Kirche - heraus, das eine "religionsgemeinschaftliche Beauftragung" vorliegen soll, das heißt, dass die Lehrer auf jeden Fall an irgendetwas glauben und einer Religionsgemeinschaft angehören müssen, berichtet Kaija Kutter in der taz Nord: "Was da nun 'sichergestellt' ist, hat für 2.000 bis 3.000 Lehrer in Hamburg und Schleswig-Holstein große Bedeutung. So hoch ist laut Nordkirche die Zahl derer, die Religion 'fachfremd' unterrichten. Und für die, (wie auch für Religionslehrer, die schon im Schuldienst sind), wurde bisher nicht überprüft, ob sie in der Kirche sind. 'Das war nicht Bestandteil der Akten', sagt der frühere Schulleiter und SPD-Politiker Gerhard Lein." Lehrern, die nicht in einer Kirche sind, werden nun "Vokationstage" angeboten, wo sie dann einfach in eine Kirche ihrer Wahl eintreten dürfen. Aber ob das der richtige Weg ist, dem Mitgliederschwund in der katholischen Kirche zu begegnen?

Auch in England (in Nordirland, Wales und Schottland ist das wieder anders) ist die Kirche - in diesem Fall die Anglikanische - überproportional einflussreich. Zwar bezeichnet sich kaum noch ein Brite als fromm. Aber die Staatskirche hat nach wie vor einen großen Einfluss auf die Politik, schreibt Otto English bei politico.eu. Die automatisch entsandten Abgeordneten im House of Lords und der riesige Grundbesitz der Kirche sind da nur Aspekte. Auch gesellschaftlich ist der Einfluss stark: "Selbst wenn Ihr Kind auf eine normale staatliche Schule geht, gibt es kein Entkommen vor Gott. Der School Standards and Frameworks Act von 1998 besteht darauf, dass 'jeder Schüler, der eine Gemeinde, eine Stiftung oder eine freiwillige Schule besucht, jeden Tag an einem Akt des kollektiven Gebets teilnehmen soll. Dieser soll 'weitgehend christlicher' Natur sein. So sind die Kinder einer der am wenigsten religiösen Nation der Erde immer noch jeden Tag einem Akt der kollektiven Gottesdienstpflicht unterworfen, unabhängig vom Glauben ihrer Eltern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2019 - Religion

"Macht Jom Kippur zum Feiertag!", um ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen, fordert der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf in der FAZ die christlichen Kirchen auf. Um der Wirtschaft gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, schlägt er vor: "Die Repräsentanten der christlichen Kirchen im Lande sollten in ökumenischer Eintracht auf den besonderen staatlichen Schutz für einen ihrer überkommenen christlichen Feiertage verzichten. Sie könnten so demonstrieren, dass sie um der Gleichberechtigung der jüdischen Bürger willen dazu bereit sind, die von ihnen erwünschte Präsenz des Jüdischen in der deutschen Gesellschaft in deren Zeitordnung sichtbar zu machen. (...) Für den empfohlenen Verzicht bietet sich aus praktischen Gründen und mit theologischen Argumenten der Pfingstmontag an." Und: "Muslimische Akteure täten gut daran, eine entsprechende Initiative christlicher Kirchenvertreter ihrerseits zu unterstützen - auch als ein Ausdruck der entschiedenen Absage an den Antisemitismus in manchen islamistisch geprägten Sozialmilieus."