9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2020 - Religion

"Abschied in dieser Welt": Auch mit solchen Schlagzeilen unterstreicht Giovanni Di Lorenzo, dass die Zeit heute die führende katholische Wochenzeitung ist. Zum Tod Georg Ratzingers setzte das Blatt dieses Tweet ab:

Schon letzte Woche durfte die Zeit die letzte Reise des Co-Papstes zu seinem Bruder begleiten, und Andreas Öhler schrieb: "Mit seiner Reise erweckte Joseph Ratzinger das Bibelwort 'Ich war krank, und ihr habt mich besucht' zu neuem Leben. Was für ein Vorbild geschwisterlicher Liebe in Zeiten von Corona, Hass und Gewalt."

Im Aufmacher des SZ-Feuilletons schreibt Rudolf Neumaier einen Nachruf auf Georg Ratzinger, der vor allem in den letzten Lebensjahre darunter litt, nur noch als Papstbruder wahrgenommen zu werden - und den die Chorknaben in dessen Zeit als Domkapellmeister zunächst als "gutmütigen Onkel" wahrnahmen: "Allerdings nur in der Freizeit. In den Chorproben sah das anders aus. Der Chorsaal mit der Raumnummer 800 war berüchtigt als Zuchthalle: Wenn er die Fassung verlor, büßte er seinen Anstand ein - aus dem netten älteren Herrn wurde ein wütender, schreiender, klavierdeckeldreschender Diktator. Leider verlor er die Fassung nicht selten. Bis in die späten Siebzigerjahre, solange es gesetzlich erlaubt war, verteilte er auch Ohrfeigen. Dass Buben im Domspatzen-Internat zu Beginn der Siebziger sexuell missbraucht wurden, will er nicht mitbekommen haben. Das beteuerte er bis zum Schluss, aber kaum einer glaubte ihm das."

540.000 Katholiken und Protestanten traten 2019 aus ihren Glaubensgemeinschaften aus, weiß Malte Lehming im Tagesspiegel. Und dann werde in Folge der Coronakrise für dieses Jahr auch noch "ein drastischer Einbruch bei der Kirchensteuer erwartet", seufzt er und fordert "Traditionsentschlackung" und Stärkung der Ökumene: "In einer zusammenwachsenden Welt sind Christen nicht nur dazu aufgerufen, einander Heimat zu bieten, sondern auch den Gläubigen anderer Religionen. Die Expansion areligiöser Milieus muss religiöse Menschen über konfessionelle Grenzen hinweg verbinden. Wer steht einem frommen Christen näher - ein gläubiger Muslim oder ein atheistischer Deutscher? Mit wem teilt er eine Erfahrungswelt?"

Heute entscheidet ein türkisches Gericht über die Zulassung einer Petition, die die Hagia Sophia wieder von einem Museum in eine Moschee umwidmen will, berichtet Ayla Jean Yackley  in politico.eu: Bis vor einem Jahrzehnt kamen solche Aufforderungen "nur von den Rändern. Doch in den letzten Jahren haben sie an Kraft gewonnen, da die Faszination für die osmanische Vergangenheit der Türkei wuchs, ermutigt durch die islamistisch geprägte Regierung von Erdogan, die viel von der streng säkularen Politik Atatürks zurückgenommen hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2020 - Religion

Die Zeit hat einen Artikel von Ulrich Ladurner online nachgereicht, der die weltweit wachsende Verfolgung von Christen zum Thema hat: "'80 Prozent aller religiös motivierten Gewalt richtet sich gegen Christen', schreibt der Bischof von Truro in England, Philip Mounstephen, in einer 2019 veröffentlichten Untersuchung zur weltweiten Verfolgung von Christen. Die Untersuchung hat eine Institution in Auftrag gegeben, die nicht gerade des religiösen Radikalismus verdächtigt werden kann: das britische Außenministerium. ... Bischof Mounstephen unterstrich bei der Vorstellung des Untersuchungsberichtes, dass es ihm nicht darum gegangen sei, Christen als Art bevorzugte Opfer hervorzuheben und andere zu vergessen. Vielmehr wolle er die Verletzung eines fundamentalen Menschenrechtes aufzeigen: das Recht, zu glauben oder eben nicht zu glauben. Und es ist nun einmal so, dass dieses Recht im besonderen Maße Christen genommen wird."
Stichwörter: Christenverfolgung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2020 - Religion

Corona und Religion. Folgende Geschichte aus Kamerun erzählt Hella Camargo heute bei hpd.de: "Statt mit Covid-19 diagnostizierte Personen zur Selbstquarantäne aufzurufen und die Gemeinde um Hilfen für die Erkrankten zu bitten, gab sich Pastor Franklin Ndifor als Prophet und Heiler aus, der Covid-19 mittels Handauflegen heilen könne. Nach dem Kontakt mit zahlreichen Infizierten erkrankte Ndifor schwer und verstarb letzte Woche 39-jährig in seinem Haus in Bonabéri bei Douala am Virus."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2020 - Religion

Der ehemalige Fernsehreporter und Autor mehrerer Bücher über Islam in Deutschland Joachim Wagner plädiert in der Welt für das Prinzip "Gesprächskontakte ja, Kooperation nein" im Blick auf Islamverbände, die von ausländischen Staaten oder islamistischen Organisationen gesteuert werden: "Zumindest theoretisch besteht ein Konsens darüber, dass keine Verbände Kooperationspartner des Staates sein dürfen, deren Positionen nicht mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbar sind. Was diese Position für die Praxis bedeutet, ist indes umstritten."
Stichwörter: Islamverbände

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2020 - Religion

Vanessa Gaigg erzählt im Standard die Geschichte der jungen Frau Anna, die aus einer christlich-fundamentalistischen Sekte ausgestiegen ist und von der psychischen Gewalt in der Sekte berichtet ("am Tage des Weltgerichts würde sie ohne ihre Eltern auf der Erde zurückbleiben und alleine die Apokalypse erleben müssen - sollte ihr Glaube nicht ausreichen", wurde ihr etwa angedroht). Ercan Nik Nafs, der Jugendanwalt der Stadt Wien, leitet daraus Forderungen an die Politik ab: "Erziehung sei nicht nur Sache der Eltern. Ein Problem sei, dass 'Wohlerzogenheit' oft als Hinweis gewertet werde, dass das Kindeswohl gegeben sei. Kinder aus streng religiösen Gruppen seien aber eben meist brav. 'Die Idee der Wohlerzogenheit steht in einem Spannungsverhältnis zu Autonomiefähigkeit', sagt der Experte. Und fordert: 'Predigten, in denen mit Schuld und Angst gearbeitet wird, sollten in Anwesenheit von Kindern untersagt sein.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2020 - Religion

Christine Kensche redet in der Welt mit Deborah Feldman, deren Geschichte der Flucht aus einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in New York gerade in der Netflix-Serie "Unorthodox" erzählt wurde. Es geht auch um die Corona-Krise - die Hälfte aller Kranken in Israel sind Ultraorthodoxe, die sich nicht an die Regeln halten. Feldmann sagt dazu: "Von außen kann man sie nicht überzeugen. Die jüdische Glaubensgemeinschaft muss Verantwortung dafür übernehmen, dass die Ultraorthodoxen sich und andere schützen. Das wäre die einzige Lösung. Die Gemäßigten müssen mit den Strenggläubigen reden und versuchen, neue Kompromisse zu finden. Bisher war es so, dass die jüdische Welt mit ihren extremen Gruppierungen nichts zu tun haben wollte, weil sie ihr peinlich waren. Damit konfrontiert zu werden, was im Namen des Judentums alles passiert, ist für gemäßigte Orthodoxe sehr unangenehm."

Religiöse Gemeinschaften in der ganzen Welt - ob Schiiten im Iran oder Evangelikale in Südkorea oder Frankreich - haben sich als "Superspreader" erwiesen. Welt-Autor Alan Posener plädiert trotzdem dafür, dass Juden, Christen und Muslime ihre anstehenden Feiertage in ihren Gotteshäusern feiern sollen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.04.2020 - Religion

Aktualisierung um 16 Uhr: Hier ist der Perlentaucher auf eine April-Fakenews hineingefallen! Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit fand am Montag eine Razzia in sämtlichen Diözesen Deutschlands statt, um Akten für die Klärung von Missbrauchsfällen sicherzustellen, berichtet hpd.de. Ziemlich heftig klingt ein von hpd.de zitiertes Statement des Sprechers des Generalbundesanwalts: "Nachdem aufgrund der freiwilligen Herausgabe von Akten durch die Bistümer keine einzige Anklage erhoben werden konnte, müssen wir leider davon ausgehen, dass die Bistumsverantwortlichen den Ermittlungsbehörden bewusst nur jenes Material zur Verfügung gestellt haben, das nicht genügend Hinweise für ein Strafverfahren liefert oder bei denen die Taten verjährt beziehungsweise die mutmaßlichen Täter bereits verstorben sind. Daher mussten wir nun selbst aktiv werden."
Stichwörter: Katholische Kirche

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2020 - Religion

Die Ahmadiyya-Sekte präsentiert sich in der Öffentlichkeit gern als "Reformgemeinde". Aber sie ist strikt auf sich selbst bezogen und will vor allem den Islam des Ursprungs wiederherstellen - unter einem gewählten Khalifen, dem nach dem Tod des Gründers der Sekte große Macht zufällt, erzählt Naureen Ghaury, die in dieser Gemeinde aufgewachsen ist, bei hpd.de: "Der Khalif gibt als Oberhaupt der Gemeinde Anweisungen über alle Lebensbereiche der Gemeinde-Mitglieder, die von den Mitgliedern streng befolgt werden müssen. Ansonsten können Sanktionen drohen und im schlimmsten Fall eine Exkommunikation aus der Gemeinde erfolgen. Die Einhaltung dieser Gebote wird durch die enge Gemeinschaft in den lokalen Gemeinden sozial kontrolliert, zum Beispiel wird weitererzählt, wenn ein Mädchen ohne Kopftuch gesehen wird. Dies führt zu einem starken Konformitätsdruck und lässt keinen Raum für eine freie persönliche Entwicklung ohne Schuld und Angst."
Stichwörter: Ahmadiyya-Gemeinde, Sekten

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2020 - Religion

Gute Nachrichten für die Katholische Kirche! Sie hat dicke genug Geld, um eine Milliardenentschädigung an die Opfer sexuellen Missbrauchs zu zahlen, hat bei hpd.de Matthias Krause herausgefunden. "Die Auswertung der Bistumsbilanzen zeigt: Die Bistümer könnten - zumindest gemeinsam, die meisten aber auch alleine - die Milliarden-Entschädigung für die Missbrauchsopfer völlig ohne Probleme schultern. Allein in den Jahren seit Bekanntwerden des Missbrauchsskandals haben die Bistümer Milliardenüberschüsse erwirtschaftet - Geld, das eingenommen, aber nicht ausgegeben wurde, und daher sofort für die Entschädigungen verwendet werden könnte, ohne dass das Leben in den Bistümern dadurch beeinträchtigt würde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.02.2020 - Religion

A propos Religionsfreiheit. Was diese mittlerweile in den USA bedeutet, zeigt Katherine Stewart im Blog der NYRB. Dort wurde eine neue Richtlinie verabschiedet, die es selbst staatlich geförderten, gemeinnützigen NGOs erlaubt, unter Berufung auf die "religiöse Freiheit" gewisse Unterscheide zu machen: "So könnte etwa eine gemeinnützige religiöse Organisation, die staatliche Zuschüsse erhält, Schwule und Lesben von bestimmten Leistungen ausschließen. Beratungsorganisationen, die für ihre Hilfe vom Staat vergütet werden, können ihre Klienten erzählen, dass Gott ihre Probleme löse wird, wenn sie sich ihm nur unterwerfen. Suppenküchen, die Regierungsbeihilfen erhalten, könnten von ihren Kunden fordern, erst einmal in den Gottesdienst zu gehen, bevor sie was zu Essen bekommen. Allen wird es erlaubt sein, bei Einstellungen auf Grundlage des Glaubens zu diskriminieren. Niemand wird verpflichtet werden, die Menschen über säkulare Alternativen zu informieren, und auch die Regierung wird diese nicht anbieten müssen."
Stichwörter: Religionsfreiheit, Ngos