Für Journalisten ist er ein Star: Alan Rusbridger, seit 20 Jahren Chefredakteur des britischen Guardian, hat seine Zeitung zum führenden kritischen englischsprachigen Blatt gemacht, auf beiden Seiten des Atlantik. Doch es gibt noch eine ganz andere Seite des hochdekorierten Journalisten: der Klavierspieler Rusbridger, der sich seinem Instrument mit ähnlicher Hingabe verschrieben hat, wie dem Kampf gegen staatliche Willkür. Als er während eines Workshops in Frankreich einen Hobby-Pianisten Chopins Ballade Nr. 1 spielen hört, packt ihn der Ehrgeiz. Ein Jahr lang übt er jeden Tag 20 Minuten lang das Furcht einflößende Stück, das zu den schwierigsten des Repertoires gehört. In seinem Buch nimmt Rusbridger uns mit an die Grenzen dessen, was ein Freizeit-Musiker an Fingerfertigkeit, Konzentration, Beherrschung und Musikalität erreichen kann.
Es ist seltsam, aber man glaubt dem Rezensenten Wolfram Goertz, dass Alan Rusbridger, ehemaliger Chefredakteur des Guardian, das Kraxeln in "Chopins Nordwand", das ja auch erst einmal überambitioniert wirken könnte, dabei half, normal zu bleiben. Goertz zitiert eine Stelle aus Rusbridgers Protokoll seiner Mühen im virtuosen Stück, wo er sagt, dass Chefredakteure, die sich im Glanz von Politik und Gesellschaft sonnen können, eben oft nicht mehr "normal" sind. Aber bei Chopin wird man eben bescheiden und lernt Grenzen kennen, von denen andere in ihrer Arroganz gar nichts ahnen: Etwa, dass man schlecht die Sprünge in der Linken vollführen kann, wenn man es nicht hinkriegt, das Stück auswendig zu lernen. Irgendwann klappt es dann bei Rusbridger, und er schafft es, das Stück vor anderen Amateuren einigermaßen fehlerfrei zu bewältigen. Für Goertz war es eine packende Lektüre.
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