Aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Marie Glassl. Eine Familie versammelt sich zur Beerdigung des Vaters: Der Patriarch ist tot, der Thron in der familiären Hierarchie unbesetzt. Und doch bleiben die Hinterbliebenen in den sinnentleerten Gesten der vergangenen Gemeinschaft gefangen.In einer ebenso nüchternen wie magischen Sprache, frei von Sentimentalität oder autobiographischem Realismus entlarvt Alice Ceresa die Mechanismen einer zeitlos erscheinenden sozialen Wirklichkeit. In ihrer sezierenden Poetik verwandelt sich das Leben in die Parodie des gesellschaftlichen Gefängnisses, aus dem der Tod des Vaters dennoch einen Ausweg weist: "Am Ende wird die Familie endlich explodieren" und der Weg wird frei sein für Töchter, die "mit Sicherheit die Welt beherrschen" werden.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 20.12.2024
Alice Ceresa war eine jener Autorinnen, die ihr Lebtag lang an dem einen Roman schrieben, wie Rezensentin Manuela Reichart aus einem Nachruf auf die Schweizer Autorin weiß. "Der Tod des Vaters" - 1979 erstmals im Original erschienen - ist ein knappes, aber wichtiges Kapitel aus diesem einen Buch über die "Mechanismen des Zusammenlebens". Noch einmal kommt darin eine Familie zusammen, um Abschied zu nehmen: vom verstorbenen Vater, aber mit ihm vor allem, symbolisch wie real, von einem "System" - dem System der patriarchalen Kleinfamilie, erklärt Reichart. Jedes der drei Kinder, aus deren Perspektive wir von diesem Abschied und dessen Folgen erfahren, verarbeitet den Verlust, der vielleicht auch einen Gewinn bedeutet, auf seine eigene Weise, so Reichart. Erstaunlich ist, wie wenig Worte Ceresa benötigt, um aus diesen verschiedenen Perspektiven das eindrückliche Porträt einer Familie zu zeichnen, die "endlich explodieren" muss. Ein Buch oder Kapitel, das "lange nachwirkt", so die berührte Rezensentin.
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