Anja Siegemund (Hg.)

Deutsche und zentraleuropäische Juden in Palästina und Israel

Kulturtransfers, Lebenswelten, Identitäten - Beispiele aus Haifa
Cover: Deutsche und zentraleuropäische Juden in Palästina und Israel
Neofelis, Berlin 2016
ISBN 9783958080270
Gebunden, 514 Seiten, 39,00 EUR

Klappentext

Lange Zeit waren im kollektiven Gedächtnis sowie in der Geschichtsschreibung über die 'Jeckes' zwei Narrative dominierend: Während das eine artikuliert, dass die Migrantinnen und Migranten aus Deutschland und Zentraleuropa in Palästina/Israel sich nur begrenzt in die bereits bestehende jüdische Gesellschaft Palästinas der Mandatszeit integriert hätten, betont das andere den positiven 'Beitrag' derselben Einwanderer zur Modernisierung des Landes. Beide Narrative sind nicht konkurrierend, sondern ergänzen sich, beiden liegt zumeist dasselbe normative Diktum zugrunde - der Aufbau von Stadt, Land und Staat als Maßstab, an dem eine Migrantengruppe zu messen sei. Doch so zählebig beide Narrative sind, wird die Geschichte der Jeckes doch zunehmend mittels innovativer historiographischer und kulturgeschichtlicher Ansätze und Methoden geschrieben, wie sie für die moderne Geschichtsschreibung längst üblich sind. Diese neueren Trends bündelt und intensiviert "Deutsche und zentraleuropäische Juden in Palästina und Israel". Das Buch blickt auf kulturelle Transfers von Deutschland und Zentraleuropa nach Palästina und entsprechende 'Mischungen', die deutsche und zentraleuropäische Juden 'erfanden'. Das Buch fragt nach Lebenswelten und Identitätsentwürfen, untersucht 'jeckische Einrichtungen' der Stadt, Biografien von Individuen und Generationen, Alltag, 'Kulturkämpfe', Milieus und Habitus, nicht zuletzt Gedächtnisse und Tradierungen. Dass diese vielfältigen Facetten und Blickwinkel ein polyphones - auch disparates - Mosaik bilden, ist gewollt. Gleichermaßen will der Band die Stereotypen, die im Zusammenhang mit den Jeckes beharrlich reproduziert werden, aufbrechen, überprüfen und die Komplexität und Pluralität der Befunde herausstellen. Haifa dient in diesem Zusammenhang als Prisma und Beispiel. Unter den drei großen Städten Palästinas am meisten 'jeckisch' geprägt, spiegelt Haifa die Migrationserfahrungen der deutschen und zentraleuropäischen Juden wider, also jener, die dieses Judentum in vieler Hinsicht repräsentierten. Die Stadt ist daher für eine Perspektive 'von unten' besonders geeignet.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.08.2016

Klaus Hillenbrand erfährt aus den 24 Texten des von der Leiterin des Centrum Judaicum in Berlin, Anja Siegemund, herausgegebenen Sammelband, wie schwer es ab 1933 für deutsche und österreichische Einwanderer nach Palästina und Israel war, sich zu assimilieren. Was ein im Band enthaltener Aufsatz von Joachim Schlör über Abschied, Transit und Ankunft anklingen lässt, verdeutlichen dem Rezensenten die Porträts, privaten Aufzeichnungen und Fotos Betroffener. Wie war das, als Rollenbilder und Gewohnheiten plötzlich infrage gestellt wurden, der deutsche Mittagstisch, die preußische Architektur, die Sprache und das alte bürgerliche Leben? Hillenbrand weiß, dass es manchen "Jeckes" nie gelungen ist, als Einwanderer in der neuen Heimat Fuß zu fassen.

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