Aus dem Italienischen von Marianne Schneider. Mit einem Nachwort von Franz Haas. "Was Neapel angeht, so fühle ich mich heute vor allem angezogen von Ortese. Wenn es mir gelänge, noch von dieser Stadt zu schreiben, würde ich versuchen, die Richtung zu erforschen, die sie gezeigt hat", schrieb Elena Ferrante und ermöglichte damit die Entdeckung von Anna Maria Orteses Erzählungen und literarischen Reportagen aus dem Neapel der Nachkriegsjahre und jenem armen Teil der Stadt, "der nicht am Meer liegt".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2020
Rezensent Andreas Rossmann freut sich, dass Anna Maria Orteses Buch erstmals vollständig auf Deutsch vorliegt. Mit dem "kenntnisreichen" Nachwort von Franz Haas bietet der Band ihm mit seinen Erzählungen, Reportagen und dem kritischen Essay über Orteses neapolitanische Autorenkollegen einen Einblick in das Schaffen dieser "Vorläuferin" Elsa Ferrantes. Auch wenn die Autorin nicht Ferrantes "großen Atem" hat noch das Vertrauen in konventionelles Erzählen, wie Rossmann feststellt, sondern eine "unruhige" Prosa schreibt, surreal und vielstimmig, kommt die Wirklichkeit Neapels in der Nachkriegszeit darin für den Rezensenten doch gut zum Ausdruck. Familienbande, Armut, die Unterdrückung der Frau ergeben laut Rossmann ein "Elendswimmelbild" der Stadt.
Dorothea Dieckmann schwelgt in den Erzählungen von Anna Maria Ortese. Deren scharf- und hellsichtigen Blick auf ihre Heimat Neapel kann sie nur bewundern, so wie die "kunstvoll novellistische" Weise, mit der die Autorin den Alltag durchdringt hin zu Schönheit und Grauen. Dass die im Kleinbürgermilieu angesiedelten Texte weder moralische noch touristische Ansprüche bedienen, aber bis in die Details der Außen- wie der Innenwelt der Figuren führen, findet Dieckmann faszinierend. Das gilt für die fiktiven Geschichten im Band wie für die beiden enthaltenen Reportagen, erklärt die Rezensentin. Marianne Schneiders Neuübersetzung scheint Dieckmann einerseits voller "konfuser Formulierungen", andererseits aber auch wendig und reinigend im Vergleich mit früheren Übertragungen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 05.12.2019
Rezensentin Maike Albath lernt mit den Erzählungen von Anna Maria Ortese in der - wie sie findet trefflichen - Übersetzung von Marianne Schneider, dass Neapel nicht nur aus Licht und Meer besteht. Die "rätselhafte" Autorin mit ihrer konsequenten poetischen Ästhetik setzte sich energisch ab vom Neorealismo, weiß Albath. Der Band nimmt für Albath eine Schlüsselstellung in Orteses Werk ein, insofern, als er bittere Geschichten aus dem Armenhaus Neapels "essayistisch verdichtet", so die Rezensentin. Der teilweise Reportagestil der Texte und die in ihnen eingefangene traumwandlerische Atmosphäre der Stadt, scheinen Albath gleichermaßen beeindruckt zu haben.
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