Was verbindet uns mit denen, die vor uns kamen?Mit einem heimlich geschlachteten Schaf beginnt der Blick in die Innereien einer Familie. Hier rührt die Urgroßmutter das Blut für die Würste, der Großonkel schläft fünfzehn Jahre lang, und die Großmutter stiehlt nachts die Ziegel vom Dach. Am Ende steht die Urenkelin Alma und fügt die Einzelteile der Familiengeschichte zusammen: vom kargen Alltag auf einem Bauernhof an der Nordsee über den Krieg und den Neuanfang fern der Heimat bis in die Gegenwart, in der die Großmutter ins Heim muss und Alma versteht, dass sie das letzte Glied in der familiären Kette ist.In kurzen, virtuos verdichteten Passagen entfaltet Anna Maschik einen ganzen Kosmos - die Familie als ein großer Resonanzkörper, in dem die Prägungen widerhallen über die Generationen hinweg. Es ist eine Geschichte von bevorzugten Geschwistern, vom Scheitern am Schlaf und an der Sprache, von der Verwandlung in ein Möbel, einen Wolf, einen Zitronenbaum.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 18.11.2025
Rezensentin Judith von Sternburg ist fasziniert vom fragmentarischen Ansatz, den die 1995 in Wien geborene Autorin für das Erzählen dieser Familiensaga wählt. Denn auch für von Sternburg ist nicht das imposante Epos die realitätsgetreue Form einer Familienerzählung. Vielmehr sind es kurze Anekdoten, variierende Episoden, die jedes Familienmitglied etwas anders in Erinnerung hat, die manche gar nicht kennen. In so einem, oft sogar in bloße Listen abdriftenden Stil erzählt die Ich-Erzählerin Alma von ihrer Geburt und den wiederkehrenden Mustern ihrer Familiengeschichte, wobei sie hauptsächlich auf die Frauen zurückblickt, bemerkt die Rezensentin. Es geht also um Almas Mutter Hilde, die eines Tages von einem Mann namens Konrad mit einem "Faust"-Zitat angesprochen wird und eine amouröse Verbindung eingeht. Es geht aber auch um Almas Urgroßmutter Henrike, die, in Norddeutschland geboren, nach Österreich zieht und versucht, sich dort ein Leben aufzubauen. Die kurzen Abschnitte wechseln unbemerkt vom Realistischen ins Träumerische und die Wortlisten liest von Sternburg eher wie eindrückliche Grafiken, die über ihre Wörter hinausweisen. Die begabte Erzähl- und Baukunst der Autorin, die die zahlreichen Motive des Textes zusammenhält, lobt von Sternburg ausdrücklich.
Rezensent Jan Drees findet viele bekannte Töne in Anna Maschiks Debüt über das Leben einer norddeutschen Familie. Allwissende Erzählerin ist dabei die jüngste Tochter Alma, die in unsentimentalen Schlaglicht-Kapiteln dem Leben ihrer Familienmitglieder folgt. Die poetische Auseinandersetzung mit dem Körper der Mutter erinnert Drees an Daniela Dröscher, der Fokus auf widerborstige Frauen in der Landwirtschaft an Ralf Westhoffs Bauernroman "Niemals nichts", sogar die generationenübergreifende Handlungsstruktur komme dem Bau des nahezu zeitgleich erschienenen Romans "Lázár" von Nelio Biedermann nahe. Dennoch findet der Kritiker auch einige Eigenheiten in diesem Ensemble. Da ist etwa die besondere Körperlichkeit des Textes, der bereits mit der Schlachtung von Schafen, die ihren Tod still erdulden und so auch den Titel erklären, einsetzt. Bäuerliche Arbeit und Körpervorstellungen überlagern einander und werden oft vom allgegenwärtigen Moment der Gewalt zusammengehalten. Drees lässt diese Gewalt an Michael Hanekes Film "Das weiße Band" denken, auch wenn sie hier nicht so brutal ausfällt. Trotz all dieser Ähnlichkeiten sieht der Kritiker Maschiks Roman als gelunges Debüt an.
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