Blinde Geister
Roman

C.H. Beck Verlag, München 2025
ISBN
9783406837043
Gebunden, 191 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Olivia, die Tochter von Rita und Karl, kennt seit jeher die Angst der Erwachsenen vor einem erneuten Krieg, obwohl seit Jahren Frieden herrscht in Deutschland. Beharrlich überprüft Karl die Speisekammer auf Vorräte, und immer wieder sucht die Familie gemeinsam Zuflucht im Keller, wenn der Vater den Einfall der Russen fürchtet. Für Olivia und ihre Schwester Martha ist es ein Spiel, dem sie sich still fügen, auch weil sie längst wissen, dass den Eltern die Worte für Erklärungen fehlen und das Schweigen nur umso lauter wird, je mehr sie fragen. "Bald bin ich tot", denkt auch Olivia, als die Unruhe der Eltern schleichend zu ihrer eigenen wird. In ihrer ersten eigenen Wohnung fehlt Olivia der Keller dieser kleine Schutzbunker ihrer Kindheit, der immerhin eins bedeutete: Familienzeit. Die langen Risse, die von den Eltern bis in ihre Generation reichen, erkennt sie erst, als sie später versucht, ihre eigene Tochter vor jenem Bedrohungsgefühl zu schützen. Doch dann kommt der Februar 2022, und das, was zuvor wie ein Phantom wirkte, wird plötzlich erschreckend real.
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Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 15.10.2025
Auf ganz besondere Weise erzählt Lina Schwenk in ihrem Debütroman von transgenerationalen Traumata, wie Kritikerin Carola Ebeling festhält: Ihre Protagonistin Olivia ist 1956 geboren und das Trauma ihres Vaters Karl, der im Krieg in Russland war, prägt auch ihr Leben auf ganz elementare Weise. Der Vater zwingt die Familie weit nach dem Krieg immer wieder, sich tagelang im Keller zu verstecken, aus Angst vor den Russen, eine Angst, die laut Ebeling auch Olivia nie verlässt. Feinfühlig und präzise schreibt sie davon, wie sich die Angst in den Körper der Protagonistin einschreibt, wie sie damit kämpft, sich zwischen Nähe und Distanz zurechtzufinden, schildert die Rezensentin. Sie empfiehlt das Buch als Geschichte über Traumata und auch über das Schweigen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 06.09.2025
Rezensent Gustav Seibt ist berührt von Lina Schwenks Roman über generationell sich fortschreibende Traumata des Zweiten Weltkriegs. Einfühlsam und prägnant erzähle die Autorin von der "Marotte" eines Familienvaters, sich immer wieder im häuslichen Keller zu verschanzen, die die ganze Familie in Mitleidenschaft zieht. Die Hauptfiguren sind dabei die 1956 geborene Tochter, aus deren Perspektive erzählt wird, und die Mutter, die (eher erfolglos) versucht, ihre Kinder da rauszuhalten. Auch die demente Großmutter, die vermutlich eine Vergewaltigung erlitten hat, kommt vor, wie auch die Generation der Tochter der Hauptfigur. Wie Schwenk diesen dichten und schweren Stoff aufbereitet, in unglaublicher Erzählökonomie (nur 180 Seiten, staunt Seibt), mit behutsam eingesetztem "historischem Kolorit" und einer unaufdringlich poetischen Sprache, die lange nachhallt, findet der Kritiker beeindruckend. Auch der etwas gefühlige Schluss mit einem vor dem Kriegsdienst geflohenen Russen der jüngsten Generation funktioniert für den Kritiker gerade im Kontrast zum "Wegpressen" der Gefühle davor doch sehr gut - denn, immerhin: "die Jungen können weinen", schließt er.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.08.2025
Dieses Debüt macht Rezensentin Melanie Mühl Lust auf mehr: Denn das hier ist eines der Bücher, die man vermisst, wenn sie ausgelesen sind, versichert die Kritikerin, vor allem, weil man seinen Figuren auf "fast unheimliche" Weise nahe kommt. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive von Olivia, die mit ihrer Schwester und ihren Eltern Karl und Rita im Deutschland der Nachkriegszeit aufwächst. Die Familie leidet unter den unverarbeiteten Kriegstraumata des Vaters: Immer wieder müssen sich alle im Keller des Hauses verbarrikadieren, manchmal für Wochen. Schwenk lässt diesen Keller nicht zum "Horrorbunker" werden, so Mühl, sondern zeigt gerade dadurch, wie die Kinder die Erlebnisse zwangsläufig in ihren Alltag integrieren, wie "unheimlich und mächtig" er ist. Fein beobachtet und stilistisch hervorragend schildert Schwenk außerdem, wie sich die Traumata im Leben der erwachsenen Protagonistin fortschreiben, so Mühl. Hier sitzt jeder Satz, versichert die Kritikerin!
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 23.08.2025
Für Rezensentin Julia Schröder hat Lina Schwenk ein "bemerkenswertes Debüt" geschrieben: Im Zentrum steht die 1960 geborene Olivia, die ständig mit den Kriegstraumata ihrer Eltern zu tun hat. Wenn der Vater Angst hat, dass die Russen kommen, geht es in den Bunker, manchmal wochenlang, was er als Soldat erlebt hat, erfahren wir laut Schröder nicht, ebenso wenig, ob ihre Mutter vergewaltigt wurde. Ihre Ängste übertragen sich Olivia, die wiederum versucht, ihre eigene Tochter davon fernzuhalten, was auch nicht recht funktionieren mag, die psychischen Prozesse, die Schwenk schildert, lesen sich für Schröder aber anschaulich und eindrücklich. Die Kritikerin resümiert, die Autorin lasse auf beeindruckend realistische Weise "ein ganzes Frauenleben" auferstehen.