Aus dem nordamerikanischen Englisch von Christina Dongowski. Es war eine Dichterin, Sappho, die dem Eros das paradoxe Attribut "bittersüß" gab. Dies geschah in der Zeit, als die griechische Kultur die Schockwellen ihrer Alphabetisierung verarbeitete. Dichtung als eine Sache des Lesens und Schreibens entstand zeitgleich mit der Erfindung des Eros als Widerspruch in sich selbst. Anne Carson geht dieser Sache nach. Sie tut dies als Dichterin und Philologin, und sie webt so eine gelehrte und subtile Studie, die zugleich poetisches Traktat und selbst Liebesrede ist. Eine fein und lakonisch gefugte Vielfalt, in der sich älteste Fragen wiederholen, um sich mit modernen Antwortversuchen zu mischen, in denen auch die Erfahrungen der Psychoanalyse spürbar sind: Triangulierungen, das Sehnen nach dem, was andere ersehnen, Liebe und Hass, die sich sich im erotischen Verlangen treffen, mischen und verdrehen. Erstmals 1986 erschienen, löst dieses Buch über den "gliederlösenden Eros", die Glieder eines traditionellen Korpus - der Liebesrede, -dichtung und -philosophie der Griechen - nicht um sie in neuer Gestalt erstarren zu lassen, sondern um durchscheinen und aufleuchten zu lassen, was dichterisches Denken heute sein kann.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 13.10.2020
Ganz hingerissen ist Rezensent Samir Sellami, dass nach Anne Carsons Langgedicht "Rot" nun gleich drei weitere Bücher der kanadischen Lyrikerin in großartiger deutscher Übersetzung von Marie Luise Knott (Irdischer Durst), Christina Dongowski (Der bittersüße Eros) und Anja Utler (Dreizehn Blickwinkel auf Einige Worte, Carsons Berliner Rede zur Poesie) vorliegen. Vergnügt macht sich der Kritiker mit der studierten Altphilologin auf zu einer Reise durch die antike Literaturgeschichte, bewundert, wie Carson etwa dem antiken Eros jede Romantik und "Schrulligkeit" austreibt und stattdessen ganz auf Lebensnähe setzt. Gelehrt und detailversessen erscheinen ihm die Texte - und sind dank Carsons Witz, mitunter Albernheit doch immer unterhaltsam zu lesen, versichert Sellami. Bei aller Frische der Lyrik würde sich der Rezensent allerdings wünschen, dass Carson dem "alten europoäischen Geist noch einmal so richtig die Handgelenke bricht".
Robert Seethaler: Die Straße Die Straße ist nicht im Zentrum der Stadt und nicht an ihrem Rand. Versteckt liegt sie irgendwo dazwischen. Kein Besucher würde sich dorthin verirren, und doch passiert in… Nelio Biedermann: Lázár Alles beginnt, sogar das Ende, als Lajos von Lázár, das blonde Kind mit den wasserblauen Augen, zur Welt kommt. Seinem Vater, dem Baron, wird der Sohn nie geheuer sein, als… Lukas Rietzschel: Sanditz Ein imposantes Bild der deutschen Gesellschaft - von der DDR bis in die GegenwartSanditz, eine Kleinstadt am Rande der Republik. Hier leben alte Offiziere, Bürgerrechtler,… Elizabeth Strout: Erzähl mir alles Aus dem Englischen von Sabine Roth. Elizabeth Strout kehrt zurück in die Küstenstadt Crosby in Maine - zu ihren Heldinnen Lucy Barton und Olive Kitteridge. Es ist Herbst…