Der Erste Weltkrieg war nicht nur der erste Massen- und Materialkrieg, sondern auch der erste groß angelegte Versuch der Meinungslenkung und Meinungsführung durch staatliche und militärische Behörden. In der Armee entwickelte sich vor allem in der zweiten Kriegshälfte ein Diskurs, der darauf abzielte, der um sich greifenden Kriegsmüdigkeit gegenzusteuern und ihre Meinungsbildung zu beeinflussen. Anne Lipps Untersuchung dieses Diskurses zeigt, wie individuelle und kollektive Erfahrungen einfacher Soldaten reproduziert, umakzentuiert, verschwiegen oder erfunden wurden. Kurzfristig war dem Kriegsdiskurs nur ein geringer Erfolg beschieden, langfristig stellte er jedoch Begriffe und Bilder bereit, welche die Kommunikation über den Krieg vor allem in der Weimarer Republik nachhaltig prägten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2003
Michael Salewski ist nicht unzufrieden mit Anne Lipps Analyse der deutschen Armeezeitungen des Ersten Weltkriegs. Klar bestätige sie, dass das Bild einer "flächendeckenden Kriegsbegeisterung" für den August des Jahres 1914 nicht zutreffend sei. Vielmehr ginge es den "einfachen Soldaten" um die Behauptung dessen, "was man besaß", und nicht um den Drang etwas zu besitzen, "was einem nicht gehörte". Auch die angebliche "Konfrontation zwischen 'kämpfender Front' und 'Heimatfront'" vermag die Autorin als Chimäre zu enttarnen, schreibt der Rezensent. Dagegen stört er sich daran, dass Lipp in ihrem Buch das Wort "Heimatfront" vernachlässigt habe, obgleich es "zeitgenössisch von höchster Bedeutung" war. Deutlich werde aber wiederum, schreibt Salewski weiter, wie "die liebenden Väter und braven Männer" mitunter durch die amtliche Propaganda "nach und nach zur Bestialität verführt worden sind".
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