St. Moritz, Weihnachten 1929: Im Fahrstuhl ihres Hotels trifft die junge Ich-Erzählerin auf eine geheimnisvolle Frau im weißen Mantel. Ihre Blicke begegnen sich, Sekunden nur, es fällt kein Wort, und doch: Dieser Moment verändert alles, weckt Hoffnungen und unstillbares Verlangen. Inmitten des ausgelassenen Wintersporttreibens, umgeben von herausgeputzten Skifahrern, tanzenden Mädchen, werbenden Kavalieren und eifersüchtigen Freundinnen, wartet die junge Frau auf nur ein Wort, eine Geste der Angebeteten, um zu guter Letzt alle Warnungen in den Wind zu schlagen und allein ihrem Gefühl zu folgen. Eine Frau zu sehen ist ein Text voller Begehren und knisternder Erotik. Annemarie Schwarzenbach, die elegante Millionärstochter in Männerkleidung, der Männer wie Frauen zu Füßen lagen, schrieb ihn mit gerade mal einundzwanzig Jahren. Er ist ihr Coming-out, mit dem sie sich ebenso entschieden wie mutig über die gesellschaftlichen Urteile und moralischen Schranken ihrer Zeit hinwegsetzte.
Ausgesprochen infiziert von der Intensität dieser Autorin zeigt sich Rezensentin Cristina Nord, wie auch von der "entzündeten" "fiebrig-erregten" Sprache und dem Rhythmus, der aus Sicht der Rezensentin stets "etwas Drängendes" hat. Im Mittelpunkt der Erzählung steht ihrem Eindruck zufolge eine Frau, die man leicht als Alter Ego der 1908 geborenen Schweizer Industriellentocher identifizieren könne, die 1942 früh gestorben und besonders lesbischen Intellektuellen ein Begriff gewesen sei, bevor man sie nun zu ihren hundertsten Geburtstag entdeckt habe. Die Autorin beeindruckt ihre Rezensentin immer wieder mit der lebenshungrigen Unbedingtheit ihres erotischen Begehrens, und der energischen Mischung aus Subtilität und Drängen, dem Wechsel von "kodierter Kommunikation und Offenheit", mit der sie dieses Begehren in literarische Form gegossen hat.
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