Mit einem Nachwort von Erhard Schütz. Lili Abelssen geb. Lewinsky hat einen Beruf, zwei Söhne, einen eleganten Ehemann und eine Vorliebe für schlecht gekleidete marxistische Liebhaber. Sie lebt im Westend, verliert sich gerne in verruchte Kneipen und schwelgt mit ihrem Gatten in den mondänen Kreisen der Modewelt. Durch abendliche Spiele, in denen die Abelssens bei genauer Kenntnis der gegenseitigen Schwachpunkte künftige Miseren bis hin zu Trennung und Tod imaginieren, bekommt ihre Beziehung eine reizvolle Eigendynamik. Mit dem für sie typischen Witz und einem "Blick für komische und peinliche Besonderheiten" (Christa Rotzoll) porträtiert Annemarie Weber in ihrem Roman von 1969 die kontrastierenden Welten der wilden Sechziger zwischen Ehe und Apo, linken Demos und schicken Empfängen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.05.2015
Als Zeitroman vor seiner Zeit versteht Lothar Müller Annemarie Webers Buch von 1969. Was er jetzt begreift (und damals möglicherweise keiner): Der Text thematisiert die "Generationenschichtung" anno '68, nicht das Innen der Rebellion, denn die Erzählerin hat noch den Führer erlebt. Dass diese Erzählstimme nah an der Autorin, der Journalistin und Feuilletonistin Annemarie Weber, ist, weiß der Rezensent, und auch, dass die Autorin die Szenen einer Ehe "in Kunstlicht getaucht" hat. Wie hier ohne Larmoyanz und Illusion, bitter und spöttisch von Affären und Demonstrationen (zu denen man im Taxi fährt) erzählt wird, findet Müller cool.
Tilman Krause ist ganz verliebt in das Glamourgirl mit der männlichen Sexualität, das Annemarie Weber in ihrem Roman nur wenig verklausuliert an ihre eigene Existenz anlehnt, wie der Rezensent vermutet. Dass die Heldin keine Kostverächterin ist und sie ihre Libido ausgerechnet mit den Diskurskünstlern vom Arbeiter- und Studentenbund kühlen möchte, treibt die Handlung in diesem um 1970 spielenden Roman an, den Krause auch für sein Berliner Zeitkolorit mag, für die Extravanganzen seiner Lokalhelden (mit dem Taxi zur Demo) und auch wegen des realistischen Erzähltons der Neuen Sachlichkeit, den die Autorin so frei ist, pro Kapitel mit kleinen Satyrspielchen einzuleiten, in denen dann die Möglichkeiten über die Wirklichkeit triumphieren dürfen, wie Krause vergnügt feststellt.
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