Klappentext

Aus dem Französischen von Sonja Finck. Sommer 1958: Annie Duchesne wird 18 Jahre alt. Sie arbeitet als Betreuerin in einer Ferienkolonie. Sie findet in eine Clique, zusammen feiern sie Feten, genießen ihre Jugend. Und Annie ist in H. verliebt, mit ihm hat sie ihr erstes Mal. Eine Nacht, die einen anhaltenden Schock bedeutet. Denn H. ignoriert sie fortan, sie weiß nicht, wohin mit sich und lässt sich auf andere ein. Schnell ist sie verfemt. Was folgt, sind Ausgrenzung, der Hohn der anderen, ihre eigene Scham. Und Schweigen. Denn über 55 Jahre braucht Annie Ernaux, um sich dieser "Erinnerung der Scham" stellen zu können - anhand von Fotografien und Briefen schreibt sie von einer Zeit, die sich in ihren Körper gebrannt hat. Die ihre Moral, ihre Sexualität, ihr ganzes langes Leben geprägt und bestimmt hat. Annie Ernaux erzählt von ihrer ersten sexuellen Begegnung - von Macht, Ohnmacht und Unterwerfung. Von einer Wunde, die niemals ausgeheilt ist. Und vom teuer bezahlten Erkennen des eigenen Werts.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.11.2018

Hanna Engelmeier würdigt das Buch als einen weiteren Schritt Annnie Ernaux' zu der "kollektiven Autobiografie", die schon in "Die Jahre" ihr Projekt war. Es sei ein Buch über Scham, zurückgehend auf eine Vergewaltigung im Jahr 1958, deren Verarbeitung aber in ein ganzes Geflecht biografischer und reflektierender Motive eingebaut werde. Es gehe auch um das Begehren der Autorin, das Engelmeier mindestens ebenso als ein soziales wie ein erotisches schildert. Wieder zeige sich die für diese Autorin so charakteristische Kunst, "einen Zwischenraum zwischen dem Ich einer Erzählerin und dem Du der Leserinnen und Leser zu schaffen".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2018

Rezensent Paul Jandl bewundert die Schonungslosigkeit, mit der sich Annie Ernaux in diesem Buch ihrer Jugend und dem alles verändernden Ereignis sexueller Gewalt im Sommer 1958 erinnert. Das Zögerliche und der Wille zur Genauigkeit und Objektivität ergeben laut Jandl keine Verallgemeinerung, die den Text unter #MeToo rubrizieren würde, sondern eine umfassende Soziologie sexueller Gewalt, die das Heraufbeschwören von Lektüren, Chansons und Tagebucheinträgen sowie eine vor- und rückwärts laufende Suche nach Bildern miteinschließt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2018

Rezensentin Iris Radisch hat sich auf den Weg in die französische Retortenstadt Cergy gemacht, um mit der dort seit dreißig Jahren lebenden Annie Ernaux über Aufwachsen im Proletariat, Camus, Fremdeln in der französischen Kulturelite und natürlich Ernauxs nun auch in Deutschland erschienenem autobiografischen Essay "Erinnerung eines Mädchens" zu plaudern. Den hält die Kritikerin dann auch für äußerst lesenswert, denn Ernaux gelinge es grandios, sich noch einmal in ihr achtzehnjähriges Ich zurückzuversetzen, wie Radisch versichert. Wenn sie hier liest, wie das junge Mädchen in einer Ferienkolonie gegen ihren Willen mit einem jungen Mann schlief, sich in jenen dennoch verliebte und fortan als "Nutte" behandelt wurde, meint Radisch nicht nur den "ranzigen Geschmack der Fünfziger" zu schmecken, sondern sie erfährt auch viel über die Unfreiheit und "historisch Scham" der Frauen jener Generation.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2018

Rezensentin Sandra Kegel nimmt den neuen Band von Annie Ernauxs Selbsterkundung, oder Ethnologie ihrer selbst, wie Kegel es nennt, auch als Tiefenbohrung einer Epoche, hier: des Jahres 1958. Die individuelle Erinnerung an die junge Frau von 18 Jahren wird zur Anstrengung eines kollektiven Gedächtnisses, erklärt Kegel. Den Algerienkrieg und die Unabhängigkeitsbestrebungen der Frau, die Fünfte Republik und die ernüchternde Erfahrung der ersten körperlichen Liebe betrachtet Ernaux mittels einer Verschmelzung von Innen- und Außenperspektive, laut Kegel eine meisterlich ausgeführte Eigenart der Autorin.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.09.2018

Rezensent Alex Rühle gesteht es gern: Für ihn gibt es ein Leseleben vor und nach Annie Ernaux. Rühle hat die französische Autorin für die SZ in ihrem Haus in Cergy bei Paris besucht und unterhält sich mit ihr über ihr Buch "Erinnerung eines Mädchens". Es sei ein "Buch über die weibliche Scham", sagt ihm Ernaux. Sie erzählt darin von ihrer ersten sexuellen Erfahrung als 17-Jährige. Sie, ein Mädchen aus dem Kleinbürgertum, verliebt sich nach der wohl eher brutalen Erfahrung in den älteren Chef des Ferienlagers, in dem sie erstmals Ferien ohne die kontrollierende Familie macht. Die Demütigung der Abweisung nach dem Akt, die Bulimie, das Gefühl, die eigene Klasse verraten zu haben - über all das berichtet sie in einem nüchternen, fast soziologischen Ton, so Rühle. Und weil Ernaux die Bedeutung der Klasse so fein erfasst, ist das Buch für ihn auf der Höhe der Zeit.
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