Arno Schmidt

Arno Schmidt: Tagebücher der Jahre 1957-62

Cover: Arno Schmidt: Tagebücher der Jahre 1957-62
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518804605
Gebunden, 800 Seiten, 68,00 EUR

Klappentext

Nur eines dieser Tagesnotizbücher von Arno Schmidt ist überliefert und wird erstmals komplett veröffentlicht. Es umfasst mit den Jahren 1957 bis 1962 den Umzug der Schmidts von Darmstadt nach Bargfeld ebenso wie die Entstehung der Romane "Die Gelehrtenrepublik" und "Kaff" auch "Mare Crisium" sowie der Erzählungen aus "Kühe in Halbtrauer". Literarische Arbeit, Lektüren, Korrespondenz, Finanzsorgen, der Ehe-Alltag und die Belastungen des Umzugs - alles findet sich, äußerst verknappt, im Tagebuch wieder. Die Notizen werden durch einen umfangreichen Kommentar erschlossen, der die verzeichnete Korrespondenz erläutert, die Arbeitspensen so weit wie möglich aufschlüsselt und Bezüge zum Zeitgeschehen herstellt. Ergänzt wird das Buch durch eine umfangreiche Bildauswahl aus den Fotografien von Arno und Alice Schmidt aus Darmstadt, Bargfeld und von verschiedenen Ausflügen in jenen Jahren.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 03.01.2026

Arno Schmidt hat nach dem Zweiten Weltkrieg seine eigene Avantgarde geschaffen, schwelgt Rezensent Helmut Böttiger in Erinnerungen an die Literaturgeschichte der Zeit, einen Teil seines Schaffens hat er in diesem nun erschienenen und ziemlich edel gestalteten Tagebuch festgehalten, das auch einen Kommentar und eine Menge Bildmaterial enthält. Inhaltlich sei es eigentlich seltsam, aber doch interessant: Stakkatohaft seien die Einträge, die sich mal um die Arbeit, mal um Schmidts Abneigung gegenüber den allermeisten Menschen drehten. Besonders sympathisch wird Schmidt Böttiger wirklich nicht, zu oft teilt er selbst gegen seine ihm nahezu ergebene Frau Alice aus, gegen Freunde und Geldgeber. Für Literaturwissenschaftlich dürfte es aber interessant sein, denn neben peinlich genauen Aufzeichnungen nicht nur der Finanzen, sondern auch des Medizin- und Alkoholkonsums und des Sexuallebens sind auch die Linien verzeichnet, die sich später zu großen Werken entwickeln sollten, hält der Kritiker fest, der doch manchmal nicht sicher ist, ob der Umzug Schmidts in die Einöde ihm geschadet hat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 03.12.2025

Mit Freude taucht Rezensent Martin Oehlen in Arno Schmidts Tagebücher ein - die nun vorliegende Edition behandelt die Jahre 1957-62, mehr ist leider nicht überliefert. Dabei hat Schmidt sein Tagebuch offensichtlich mit Blick auf die Nachwelt verfasst, wie Oehlen Susanne Fischers Vorwort entnimmt, man muss sich also nicht indiskret fühlen, nur weil Schmidt auch unter anderem über Onanie schreibt. Die wird in den sehr knappen Texten, die den einzelnen Tagen gewidmet sind, mit O abgekürzt, lernen wir, wie Schmidt sich in den Tagebuchtexten überhaupt als ein Meister der Kurzformeln und der Verknappung präsentiert. Aufschluss über das sonstige literarische Werk sollte man eher nicht erwarten, berichtet Oehlen, Schmidt schreibt hier stattdessen über Alltägliches, zum Beispiel übers Wetter, außerdem schimpft er viel, besonders beharrlich über seine Frau Alice. Weiterhin erfreut sich Oehlen an Schmidt-Wortschöpfungen wie "Wurmisieren" sowie an dem schönen Bildmaterial, das in die Veröffentlichung aufgenommen wurde. Eine tolle Stichwortsammlung, die auf faszinierende Weise von Schmidts Leben und seiner Zeit erzählt, so das Fazit.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2025

Lange rankten sich Legenden um das Tagebuch Arno Schmidts, nun ist es endlich erschienen und Rezensent Andreas Platthaus findet eine "faszinierende Quelle" vor, in der der wichtige Schriftsteller seine typischen knappen Formulierungen und sein apodiktisches Denken zeigt. So knapp sind die Notate, dass sie Platthaus wie das "Skelett seines Lebens" vorkommen, sie handeln von der Entfremdung in der Ehe mit seiner Frau Alice, dem Umzug in die Bargfelder Einöde, dem Zorn über Verleger und Leserbriefe, aber auch von seinem Übersetzungsversuch von James Joyces "Finnegans Wake". Herausgeberin Susanne Fischer hat ganze Arbeit geleistet, befindet der Kritiker: Einiges, was bisher als biografisch verbürgt galt, kann nun über das Tagebuch widerlegt werden, etwa Kaufdaten von für den Schriftsteller wichtigen Büchern, möglicherweise habe er sich als früher Entdecker darstellen wollen. Die Notate schwanken zwischen hoher lyrischer Qualität und Verbohrtheit, resümiert Platthaus, der hier aber insgesamt eine wichtige Quelle vorfindet. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 29.11.2025

Mit lustvoller Abneigung bespricht Rezensent Florian Felix Weyh ausführlich Arno Schmidts Tagebücher - die zwar gewohnt formexperimentell daherkommen, unterm Strich aber entsetzlich sind, vermittelt er. War Schmidt bisher zumindest als literarischer Sonderling anerkannt, so tritt er dem Kritiker hier nur als bornierter "Absonderling" entgegen: Weyh muss sich die Augen reiben bei so viel Selbstüberschätzung, Empathielosigkeit und Freudlosigkeit, die aus den Aufzeichnungen von 1957-1962 sprechen und mit denen der arbeits- und sexbesessene Autor und Radioessayist sogar seinen treuesten Unterstützern begegnete - allen voran und zum Entsetzen des Kritikers seiner Frau Alice, kurz Lilly, die von ihm eigentlich nur als Dienerin an der Schreibmaschine und im Bett beschimpft wird. Wer hier irgendeine Form von Ironie am Werk sieht, muss arg in der Vergangenheit stecken, meint Weyh; für ihn ist das bestenfalls "bärbeißiger Altherrenhumor". Darüber hinaus gibt es: ideologische Naivität, wenn der Mauerbau geleugnet und der Osten verherrlicht wird; unzählige "Pflichtverweigerungsvorwürfe" an Lilly, nichtssagende Wetteraufzeichnungen, eine "Armutsneurose" und eigentlich nur Gemecker. Da hilft auch die glänzende Editionsarbeit von Susanne Fischer nichts. Der Kritiker hält's kaum aus und denkt wehmütig an die so viel besseren Tagebücher von Alice Schmidt.

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